DIS und Suchtverhalten – Wenn der Schmerz einen Ausweg sucht

DIS und Suchtverhalten – Wenn der Schmerz einen Ausweg sucht

Ein Beitrag über Selbstmedikation, Kontrollverlust und die Frage, wer eigentlich trinkt, scrollt oder kauft.

Pakete, die ankommen und niemanden überraschen sollten – und es doch tun. Eine Bestellhistorie voller Dinge, an deren Kauf sich niemand erinnert. Ein Konto, das am Monatsende nicht aufgeht, ohne dass jemand sagen könnte, wann genau es passiert ist. Oder eine Flasche, die leer ist, obwohl niemand getrunken haben will. Stunden auf dem Handy, die vergangen sind, ohne dass jemand sagen könnte, was er oder sie dort eigentlich getan hat.

Das sind keine Ausnahmen. Für viele Menschen mit Dissoziativer Identitätsstörung ist das Alltag.

Suchtverhalten bei DIS ist ein Thema, über das erschreckend wenig gesprochen wird – weder in der Traumatherapie noch in der Suchtberatung, weder in der Forschung noch in der Öffentlichkeit. Dabei ist es für einen erheblichen Teil der Betroffenen eine alltägliche Realität, die massive Auswirkungen auf Gesundheit, Finanzen, Beziehungen und das Leben insgesamt hat. Dieser Beitrag soll benennen, was oft unbenannt bleibt: wie Suchtverhalten bei DIS entsteht, welche Formen es annimmt, warum klassische Ansätze oft nicht greifen – und was stattdessen helfen kann.


Warum Sucht und DIS so häufig zusammenkommen

Dissoziative Identitätsstörung entsteht fast immer als Reaktion auf schweres, anhaltiges Trauma – in der überwältigenden Mehrheit der Fälle in der Kindheit. Das System lernt früh, unerträgliche Erfahrungen durch Dissoziation zu überleben: Abspaltung als Schutz, als einzige verfügbare Strategie in einer Situation, aus der es keinen anderen Ausweg gab. Gefühle werden abgespalten, Erinnerungen fragmentiert, verschiedene Anteile der Persönlichkeit tragen unterschiedliche Erfahrungen, Emotionen und Überzeugungen.

Diese Mechanismen, die einmal das Überleben gesichert haben, suchen auch im Erwachsenenleben nach Wegen, inneren Schmerz zu regulieren. Der Unterschied ist: Jetzt gibt es Substanzen. Jetzt gibt es ein Smartphone. Jetzt gibt es einen Online-Shop, der rund um die Uhr geöffnet ist. Dinge, die von außen das anbieten, was Dissoziation von innen geleistet hat – schnell, zugänglich, ohne dass man darum bitten müsste.

Die Verbindung zwischen Trauma und Sucht ist gut belegt. Studien zeigen konsistent, dass Menschen mit komplexen Traumafolgestörungen deutlich häufiger von Suchterkrankungen betroffen sind als die Allgemeinbevölkerung. Bei DIS kommen spezifische Faktoren hinzu, die das Risiko noch einmal erhöhen und die gesamte Dynamik verkomplizieren:

Fragmentierte Verantwortung

In einem System mit mehreren Anteilen trägt nicht eine Person die Entscheidung, zu konsumieren. Verschiedene Anteile haben verschiedene Bedürfnisse, verschiedene Schmerzen, verschiedene Strategien. Was für einen Anteil Erleichterung bedeutet, kann für einen anderen Fremdkörper sein.

Amnesiebarrieren

Wenn Anteile sich gegenseitig nicht erinnern, entsteht ein gefährliches Vakuum: Der Konsum eines Anteils ist für andere unsichtbar. Konsequenzen treffen jemanden, der nicht konsumiert hat. Erinnerung und Verantwortung fallen auseinander.

Chronische Dysregulation

Ein System, das schweres Trauma trägt, lebt oft in dauerhafter physiologischer Anspannung. Das Nervensystem ist auf Alarm eingestellt. Substanzen und Verhaltenssucht bieten kurzfristige Regulation – und sind daher außerordentlich verlockend.

Fehlendes Hilfesystem

DIS wird häufig spät oder gar nicht diagnostiziert. Viele Betroffene kämpfen jahrelang ohne angemessene Unterstützung. Selbstmedikation füllt eine Lücke, die das Versorgungssystem offen lässt.


Wie Suchtverhalten funktioniert – und warum es sich wiederholt

Um Suchtverhalten bei DIS zu verstehen, muss man verstehen, welche Funktionen es erfüllt. Es ist kein Zeichen von Schwäche oder mangelndem Willen. Es ist eine Antwort – oft eine sehr logische Antwort – auf eine sehr schwierige innere Realität.

Dämpfung der inneren Reizüberflutung

Wer ein System mit vielen Anteilen trägt, kennt oft ein Grundrauschen, das schwer zu beschreiben ist: Stimmen, Gefühle, Impulse, Bilder, Bedürfnisse – alles gleichzeitig, alles präsent, alles drängend. Das ist kein metaphorisches Bild. Es ist die gelebte Erfahrung vieler Betroffener.

Alkohol, Cannabis, Benzodiazepine oder andere dämpfende Substanzen können dieses Rauschen kurzfristig leiser machen. Das fühlt sich nach Erleichterung an. Manchmal nach dem ersten echten Durchatmen seit Stunden. Auch exzessives Scrollen auf dem Handy kann dieselbe Funktion übernehmen: Der Feed hält das Gehirn gerade so beschäftigt, dass der innere Lärm nicht mehr durchkommt. Es ist kein Genuss im eigentlichen Sinne – es ist Betäubung durch Reizflut von außen, um die Reizflut von innen zu überdecken.

Manche Systeme berichten, dass die innere Versammlung nach Konsum leiser wird. Weniger Durcheinander, weniger Drängen, weniger gleichzeitige Impulse. Für ein paar Stunden fühlt es sich an wie Frieden – auch wenn am nächsten Morgen der Preis fällig ist.

Regulation zwischen Dissoziation und Erdung

Hier liegt eine Paradoxie, die für DIS typisch ist: Manche Anteile konsumieren, um tiefer wegzudriften, wenn der Alltag zu viel wird. Andere tun es genau umgekehrt – um geerdet zu bleiben, um nicht zu switchen, um die Kontrolle zu behalten.

Ein Beschützeranteil etwa trinkt möglicherweise nicht, um wegzudriften – sondern um einen anderen, jüngeren Anteil zu verhindern, der bei bestimmten Triggern die Kontrolle übernehmen würde. Aus dieser Logik ergibt sich: Der Alkohol ist ein Stabilisierungsversuch. Er macht Sinn, wenn man die innere Dynamik kennt – auch wenn er langfristig das Gegenteil bewirkt.

Ähnliches gilt für das Handy: Der Bildschirm kann ein Anker sein, der verhindert, dass jemand zu tief wegdriftet. Der Akt des Scrollens hält eine gewisse Aufmerksamkeit im Hier und Jetzt gebunden. Das ist keine pathologische Entscheidung – es ist ein Versuch, eine schwierige Balance zu halten.

Überbrückung von Amnesie und Leere

Amnesie hinterlässt mehr als Lücken in der Erinnerung. Sie hinterlässt ein diffuses Gefühl von Orientierungslosigkeit, von Fremdheit in der eigenen Zeitlinie, manchmal von tiefer innerer Leere. Das Gefühl, nicht zu wissen, was die letzten Stunden oder Tage passiert ist – und trotzdem weiterfunktionieren zu müssen.

Suchtverhalten kann diese Leere füllen – augenblicklich, ohne Nachfragen, ohne Erklärungsbedarf. Das Handy ist immer da. Der Shop hat immer geöffnet. Die Flasche wartet nicht auf einen guten Moment. Diese Verfügbarkeit ohne Bedingungen ist für viele Betroffene ein zentraler Faktor.

Das Versprechen von Kontrolle

Für Menschen, deren frühes Leben durch vollständige Unkontrollierbarkeit geprägt war, kann die Möglichkeit, etwas zu greifen, zu wählen, zu konsumieren, ein fundamentales Gefühl von Handlungsfähigkeit erzeugen. Dieser Kauf ist meine Entscheidung. Dieses Glas ist meine Entscheidung. Die Ironie der Sucht ist, dass genau diese Illusion von Kontrolle dazu führt, sie zu verlieren. Aber der Anfang fühlt sich oft nach Selbstbestimmung an – einem Erleben, das in der Traumageschichte vielleicht selten oder gar nicht vorkam.

Echte Momente der Erleichterung

Das sollte nicht vergessen werden: Suchtverhalten macht nicht nur Scham und Leere. Es gibt auch echte Momente der Erleichterung, der Freude, des Triumphgefühls. Das Paket kommt an. Der erste Schluck. Der perfekte Fund beim Stöbern. Diese Momente sind real – und sie sind ein wesentlicher Grund dafür, warum das Verhalten sich wiederholt. Nicht weil das System irrational handelt, sondern weil das Belohnungssystem genau das tut, wofür es gemacht ist.


Das Problem mit der Kontrolle – und wer sie hat

Eine der zentralen Herausforderungen bei DIS und Suchtverhalten ist die Frage: Wer hat die Entscheidung getroffen?

Das ist keine rhetorische Frage. Sie ist konkret und praktisch bedeutsam. Vielleicht war es ein Anteil, der als Kind gelernt hat, dass Schmerz mit irgendetwas Betäubendem erträglicher wird. Vielleicht ein Beschützeranteil, der den Körper vor einem drohenden Switch bewahren wollte. Vielleicht ein Anteil, der sich nicht als Teil des Systems versteht – und daher auch keine Konsequenzen für den geteilten Körper oder die gemeinsamen Finanzen mitdenkt. Vielleicht ein sehr junger Anteil, der einfach nicht aufgehört hat, weil Aufhören sich nach Alleinsein anfühlte.

Ein Beispiel, das viele Betroffene kennen: Morgens wird der Entschluss gefasst, heute nichts zu bestellen. Das Budget ist eng, die Wohnung voll. Abends findet sich in der E-Mail eine Bestellbestätigung. Niemand erinnert sich, sie aufgegeben zu haben. Wer trägt dafür die Verantwortung? Wer sollte sich schuldig fühlen? Und was nützt es, wenn der Anteil, der die Bestellung aufgegeben hat, nicht mehr da ist – und der Anteil, der die Rechnung findet, nicht derjenige war, der bestellt hat?

Diese Dynamik macht klassische Suchttherapie außerordentlich schwierig. Wenn ein Anteil aufhören möchte, aber ein anderer den Drang trägt – was bedeutet dann „Motivation zur Abstinenz"? Wenn die Erinnerung an den Konsum fehlt – wie soll eine Verhaltenskette analysiert, ein Auslöser benannt, ein Rückfall reflektiert werden? Wenn die Scham denjenigen trifft, der gar nicht konsumiert hat?

Das bedeutet nicht, dass Veränderung unmöglich ist. Aber sie braucht einen anderen Rahmen als klassische Suchtmodelle.


Handy-Sucht: Die socially akzeptierte Form der Betäubung

Während Alkohol- oder Drogenkonsum in der Traumaarbeit zumindest gelegentlich thematisiert wird, fällt exzessiver Handykonsum fast vollständig durchs Raster. Dabei ist er bei vielen Systemen allgegenwärtig – und in mancher Hinsicht besonders tückisch, weil er so unsichtbar ist.

Das Smartphone ist immer dabei. Es ist sozial akzeptiert, ja oft erwartet. Es kostet nichts Zusätzliches. Es fragt nicht, wer gerade da ist. Es fordert keine Kontinuität. Jeder Anteil kann es aufnehmen und sofort beginnen – ohne Anschluss an das, was davor war. Das macht es zum vielleicht perfekten Medium für ein System mit Amnesiebarrieren: Es gibt keine Erwartung an Konsistenz, keine Notwendigkeit, eine Geschichte weiterzuführen.

Verschiedene Anteile nutzen das Handy oft auf völlig unterschiedliche Weise. Ein Anteil schaut Dokumentationen. Ein anderer scrollt stundenlang durch kurze Videos ohne erkennbaren Inhalt. Ein dritter schreibt Nachrichten, die andere Anteile erst Tage später in der Gesprächshistorie entdecken. Ein vierter kauft ein. Das Handy ist die einzige Konstante – auch wenn jeder etwas völlig anderes damit macht.

Social Media ist dabei besonders problematisch, weil es gezielt auf Dopaminausschüttung ausgelegt ist. Likes, neue Inhalte, Kommentare, Benachrichtigungen – das Belohnungssystem wird in einem Rhythmus getriggert, der unabhängig von Trauma süchtig macht. Bei Menschen mit Traumafolgestörungen, die ohnehin Schwierigkeiten mit Emotionsregulation haben, potenziert sich dieser Effekt erheblich.

Hinzu kommt eine besonders gefährliche Dynamik: Stundenlanges Scrollen ist selbst eine dissoziative Erfahrung. Man ist nicht wirklich präsent, nicht wirklich weg – irgendwo dazwischen, abwesend mit offenen Augen. Für ein System, das bereits zur Dissoziation neigt, kann diese Schleife zu einer dauerhaften Grundhaltung werden: nie ganz da, nie ganz weg, immer irgendwie im Feed.

Das Handy ermöglicht außerdem eine Form von sozialer Simulation ohne die Risiken echter Beziehungen. Interaktion ohne Nähe. Reaktion ohne Verletzlichkeit. Für ein System, das Beziehungen als gefährlich erlebt hat, kann das ein verlockender Kompromiss sein – und gleichzeitig einer, der echte Verbindung dauerhaft verhindert.


Online-Shopping-Sucht: Wenn Pakete ankommen, die niemand erwartet hat

Online-Shopping-Sucht ist eine der am schnellsten wachsenden Formen der Verhaltenssucht – und bei DIS bekommt sie eine ganz eigene Dimension, die über das hinausgeht, was klassische Suchtmodelle beschreiben.

Der Kaufprozess selbst ist dabei oft wichtiger als das Produkt. Suchen, vergleichen, Bewertungen lesen, in den Warenkorb legen, bestellen – das ist eine Abfolge mit klarer Struktur, mit kleinen Befriedigungsmomenten an jedem Schritt, mit einem Ende, das sich nach Entscheidung und Kontrolle anfühlt. Für Systeme, die im Alltag oft das Gefühl haben, die Kontrolle zu verlieren, kann dieser Prozess außerordentlich anziehend sein – fast unabhängig davon, was am Ende bestellt wird.

Manche Anteile verbringen Stunden damit, Produkte zu recherchieren und zu vergleichen, ohne am Ende zu bestellen – der Prozess war das Ziel. Andere kaufen impulsiv, in einem emotionalen Hochmoment, ohne nachzudenken. Wieder andere bestellen nachts, wenn die Barrieren im System niedriger sind und niemand sonst „da" ist, der intervenieren könnte.

Verschiedene Anteile, verschiedene Bedürfnisse – ein geteiltes Konto

Besonders belastend bei DIS ist, dass verschiedene Anteile sehr unterschiedliche Bedürfnisse haben – und diese unabgesprochen über dasselbe Konto ausdrücken. Ein kindlicher Anteil bestellt Spielzeug, Bücher oder Süßigkeiten. Ein Anteil, der sich nach Weiblichkeit sehnt, bestellt Kleidung. Ein Anteil, der sich schützen will, bestellt Schlösser, Notfallpacks oder Erste-Hilfe-Material. Ein Anteil, der gerade in einem Flashback-Erleben ist, bestellt vielleicht Dinge, die aus seiner damaligen Situation stammen – ohne Bezug zur Gegenwart.

Jeder folgt seiner eigenen Logik. Jeder hat seinen eigenen Grund. Aber das Ergebnis landet in derselben Wohnung, auf demselben Kontoauszug, und trifft denjenigen, der gerade „da" ist – oft ohne Erinnerung daran, was bestellt wurde und warum.

Die Unsichtbarkeit der Konsequenzen

Ein besonders gefährlicher Aspekt der Online-Shopping-Sucht bei DIS ist, dass Amnesiebarrieren die Verbindung zwischen Konsum und Konsequenz unsichtbar machen. Wenn man sich nicht erinnert, was wann bestellt wurde, lässt sich kein Muster erkennen. Kein Auslöser benennen. Keine Verhaltenskette unterbrechen. Das Kreditkartenlimit ist überschritten – aber niemand weiß genau, wie es dazu kam. Die Schuld trifft jemanden, der vielleicht gar nicht bestellt hat.

Hinzu kommt: Online-Shopping funktioniert ohne soziale Kontrolle. Niemand sieht, wie viele Tabs geöffnet sind. Niemand steht daneben und fragt, ob das wirklich nötig ist. Kein Kassierer, kein Blickkontakt, keine Hemmschwelle. Ein Klick – und es ist erledigt. Für Systeme, die nachts oft aktiver sind als tagsüber, ist diese ständige Verfügbarkeit ohne Gegenüber besonders relevant.

Der Moment, wenn das Paket ankommt

Es gibt eine eigentümliche Erfahrung, die viele Betroffene kennen: die Tür öffnen und Pakete vorfinden, an deren Bestellung sich niemand erinnert. Die Bestellhistorie durchsehen wie eine Archäologin, die fremde Funde untersucht. Dinge auspacken, die niemand haben wollte – oder die jemand anderes dringend gebraucht hat, in einem Moment, den es jetzt nicht mehr gibt.

Das ist keine Metapher. Das ist eine reale Erfahrung, die mit Verwirrung, Scham, manchmal mit Panik verbunden ist. Und die sich wiederholt, weil die Bedingungen, die dazu geführt haben, unverändert bleiben.


Was klassische Suchttherapie bei DIS oft übersieht

Viele Betroffene berichten, dass sie in Suchtberatung, Entzugssettings oder ambulanter Therapie auf Unverständnis stoßen – oder schlimmer: auf aktiven Unglauben. Wer erklärt, dass ein anderer Anteil bestellt oder getrunken hat, wird schnell als jemand wahrgenommen, der Verantwortung abschieben will oder die Realität verzerrt.

Dabei ist das Gegenteil der Fall. Es braucht außerordentlichen Mut, diese Realität überhaupt zu benennen – insbesondere in einem Setting, das auf Konfrontation mit dem eigenen Verhalten ausgelegt ist. Und es braucht Fachkräfte, die bereit sind, ihre Annahmen darüber, was „eine Person" und „eine Entscheidung" bedeutet, grundlegend zu überdenken.


Was eine traumasensible, DIS-kompetente Suchtarbeit berücksichtigen müsste:

Sucht ist Selbstmedikation – die zugrundeliegenden Symptome müssen mitbehandelt werden

Wer nur den Konsum wegnimmt, ohne die traumabezogenen Symptome zu behandeln, riskiert, dass das System sich andere – möglicherweise gefährlichere – Auswege sucht. Abstinenz ohne Stabilisierung kann destabilisieren.

Amnesie ist kein Vorwand, sondern ein Symptom, das andere Strategien erfordert

Klassische Rückfallprävention basiert auf Erinnerung, Reflexion und linearer Verhaltensänderung. Bei Amnesie zwischen Anteilen funktioniert das nicht. Es braucht systemangepasste Ansätze: gemeinsame Protokolle, innere Kommunikation, Rückmeldeschleifen zwischen Anteilen.

Motivationsarbeit muss das ganze System einbeziehen

Es reicht nicht, einen Anteil zu motivieren, aufzuhören. Solange andere Anteile den Drang tragen, das Verhalten als notwendig erleben und keine Stimme im therapeutischen Prozess haben, bleibt jede Motivation fragil und jede Vereinbarung instabil.

Schuld und Scham müssen differenziert werden

 Wer die Konsequenzen trägt, ist nicht zwingend derjenige, der die Handlung gesetzt hat. Das braucht Raum in der Therapie – nicht als Entschuldigung, sondern als Grundlage dafür, dass überhaupt eine ehrliche Auseinandersetzung möglich wird.

Verhaltenssucht verdient die gleiche ernsthafte Aufmerksamkeit wie Substanzkonsum

Exzessiver Handykonsum und Online-Shopping werden oft nicht als „echte" Sucht behandelt. Für Systeme, die dadurch finanzielle Not, soziale Isolation und dauerhafte Dissoziation erleben, ist das eine folgenreiche Fehleinschätzung.


Innere Arbeit: Was manchen Systemen geholfen hat

Es gibt kein universelles Rezept. Was folgt, ist eine Sammlung von Ansätzen, die manchen Systemen geholfen haben – ohne Anspruch auf Vollständigkeit, ohne Versprechen, dass sie für jedes System passen.

Neugier statt Verurteilung gegenüber dem konsumierenden Anteil

Wer greift, kauft oder scrollt, tut das aus einem Grund. Dieser Grund verdient Aufmerksamkeit – auch wenn das Verhalten selbst schädlich ist. Verurteilung macht Anteile kleiner und stummer, nicht gesprächsbereiter. Die Frage „Was brauchst du gerade wirklich?" ist ein anderer Anfang als „Hör endlich auf damit."

Systemweite Vereinbarungen – nicht Regeln für einzelne Anteile

 Wenn nur ein Teil des Systems eine Vereinbarung trägt, kann ein anderer sie jederzeit umgehen. Hilfreicher sind Vereinbarungen, die im System gemeinsam entwickelt wurden – auch wenn das Zeit und innere Kommunikation erfordert. Manche Systeme entwickeln Protokolle: Was wird notiert, bevor jemand bestellt? Wer wird innen gefragt? Wie lange wird gewartet?

Technische Barrieren als Unterstützung, nicht als Strafe

Gespeicherte Zahlungsdaten löschen. Shopping-Apps vom Startbildschirm entfernen. Tageslimits bei der Bank einrichten. Bildschirmzeitbegrenzungen einschalten. Das sind keine Heilungen – aber sie schaffen Zeit und Raum zwischen Impuls und Handlung. Diese Pause kann genug sein, damit ein anderer Anteil übernimmt oder eine innere Rücksprache stattfindet.

Geteilte Dokumentation. Ein gemeinsames Notizdokument oder Tagebuch, in dem Anteile hinterlassen können, was sie getan, bestellt oder konsumiert haben, schafft Transparenz im System. Das ist keine Kontrolle – es ist Kommunikation. Und es kann helfen, Muster zu erkennen, die sonst in der Amnesie verschwinden.

Alternativen, die wirklich zugänglich sind

„Geh spazieren" hilft nicht, wenn gerade ein traumatisierter Fünfjähriger das Steuer hat. Alternativen müssen systemgerecht sein: niedrigschwellig, körperlich zugänglich, nicht retraumatisierend, für verschiedene Anteile geeignet. Was das konkret ist, muss jedes System für sich herausfinden.

Therapie, die beides kann

 Im Idealfall: ein therapeutisches Setting, das traumasensibel und dissoziation-kompetent arbeitet und gleichzeitig Erfahrung mit Suchtthematiken hat. Das ist selten. Aber es gibt es – und es lohnt sich, gezielt danach zu suchen.

Scham ist kein hilfreicher Begleiter

Viele Betroffene tragen tiefe Scham rund um ihr Suchtverhalten – für den Kontoauszug, für die Pakete, für die leere Flasche, für die Stunden auf dem Handy. Diese Scham ist verständlich. Und sie ist nicht hilfreich.

Denn Scham macht Veränderung schwerer, nicht leichter. Sie hält Anteile klein und stumm. Sie verhindert ehrliche innere Kommunikation. Sie macht es schwieriger, Unterstützung zu suchen oder anzunehmen. Sie trennt. Und sie trifft oft die Falschen – diejenigen, die gar nicht konsumiert haben, die die Konsequenzen tragen, ohne die Entscheidung getroffen zu haben.

Was wirklich hilft, ist nicht mehr Scham – sondern mehr Verständnis. Dafür, in welcher Situation das System sich befindet. Dafür, welche Funktion das Verhalten erfüllt. Dafür, wie viel das System bereits trägt und geleistet hat – oft ohne jede angemessene Unterstützung.


Wer schwerstes Trauma erlebt hat, wer täglich mit einem komplexen, vollen System lebt, wer jahrelang ohne Diagnose und ohne passende Hilfe zurechtkommen musste – der findet Wege. Manchmal sind das keine guten Wege. Das macht niemanden zu einem schlechten Menschen. Es macht deutlich, wie wenig Unterstützung da war und wie viel gebraucht wird.


Suchtverhalten bei DIS ist kein Randphänomen und keine individuelle Schwäche. 
Es ist eine systemische Reaktion auf systemische Unterversorgung.
Ob Alkohol, Cannabis, Medikamente, das Handy oder Online-Shopping 
– die Funktion ist oft die gleiche: 
Regulation eines Systems, das zu viel trägt und zu wenig bekommt.


Wer diesen Beitrag liest und sich darin wiedererkennt – oder Teile davon, oder einzelne Anteile: Das Erleben ist real. Das System hat nicht versagt. Es hat Wege gesucht, in einer Situation, in der es keine einfachen Wege gibt.


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