Unterschiede und Gemeinsamkeiten: DIS, Borderline, PTBS und KPTBS
Viele psychische Störungen haben Überschneidungen in ihren Symptomen, unterscheiden sich aber deutlich in Ursprung und Struktur. Besonders oft werden die Dissoziative Identitätsstörung (DIS), die Borderline-Persönlichkeitsstörung (BPS), die Posttraumatische Belastungsstörung (PTBS) und die Komplexe PTBS (KPTBS) miteinander verwechselt. Ein genauer Blick zeigt: Es gibt sowohl klare Unterschiede als auch wichtige Gemeinsamkeiten.
Unterschiede
DIS – Dissoziative Identitätsstörung (Identitätsstörung)
Ursprung: Sehr frühe, langanhaltende Traumatisierungen in der Kindheit (meist innerfamiliäre Gewalt, Missbrauch).
Kernsymptome: Dissoziative Anteile, Identitätswechsel, Amnesien, innere „Innenwelt“.
Dissoziation: Sehr stark – eigenständige Persönlichkeitszustände mit Gefühlen, Erinnerungen, Vorlieben.
Erinnerung: Erinnerungslücken, Blackouts, Zeitverlust.
Identität: Fragmentiert in verschiedene Anteile.
Beziehungen: Unterschiedliche Anteile haben unterschiedliche Bindungsmuster.
Selbstbild: Kein einheitliches Selbst.
Therapie: Phasenorientierte Traumatherapie, Arbeit mit Anteilen, Stabilisierung, Integration.
BPS – Borderline-Persönlichkeitsstörung
Ursprung: Genetische Anfälligkeit, unsichere Bindungen, häufig zusätzlich Traumatisierungen.
Kernsymptome: Instabile Beziehungen, intensive Emotionen, Identitätsunsicherheit, Selbstverletzungen, Angst vor Verlassenwerden.
Dissoziation: Möglich bei Stress, aber eher als Gefühlsabspaltung oder Leere – keine eigenständigen Anteile.
Erinnerung: Meist vorhanden, aber verzerrt oder überflutet.
Identität: Instabil, schwankend, abhängig von Beziehungen.
Beziehungen: Wechsel zwischen Idealisierung und Abwertung, starke Verlustängste.
Selbstbild: Stark schwankend – zwischen „Ich bin großartig“ und „Ich bin nichts wert“.
Therapie: Spezifische Ansätze wie DBT (Dialektisch-Behaviorale Therapie) oder Schema-Therapie.
PTBS – Posttraumatische Belastungsstörung
Ursprung: Einzelne oder wenige einschneidende Traumata (z. B. Unfall, Überfall, Naturkatastrophe, einmalige Gewalt).
Kernsymptome: Flashbacks, Albträume, Vermeidung, Übererregung, Schuldgefühle.
Dissoziation: Kann auftreten (Depersonalisation, Derealisation), aber keine Identitätsaufspaltung.
Erinnerung: Intrusionen, Flashbacks – belastend, aber die Identität bleibt einheitlich.
Identität: Einheitlich.
Beziehungen: Rückzug, Misstrauen, Entfremdung von anderen.
Selbstbild: Häufig von Schuld- und Scham geprägt.
Therapie: Traumatherapie (Exposition, EMDR, kognitive Verhaltenstherapie).
KPTBS – Komplexe Posttraumatische Belastungsstörung
Ursprung: Wiederholte, anhaltende Traumatisierungen in Kindheit oder Jugend (z. B. Misshandlung, Vernachlässigung, Krieg).
Kernsymptome: Alle PTBS-Symptome plus: emotionale Instabilität, Scham/Schuld, Probleme in Beziehungen, dauerhaft negatives Selbstbild.
Dissoziation: Möglich, aber weniger stark als bei DIS – Depersonalisation, Derealisation, Abspaltung.
Erinnerung: Flashbacks, Intrusionen, kein Identitätsverlust.
Identität: Einheitlich, aber schwer belastet.
Beziehungen: Angst vor Nähe, Rückzug, Schamgefühle, Schwierigkeiten in Bindungen.
Selbstbild: Dauerhaft negativ („Ich bin wertlos“).
Therapie: Traumatherapie mit Fokus auf Stabilisierung, Affektregulation, Selbstwertarbeit.
Gemeinsamkeiten
Trotz aller Unterschiede gibt es deutliche Überschneidungen zwischen DIS, Borderline, PTBS und KPTBS:
Traumahintergrund
Alle vier Störungsbilder haben enge Bezüge zu traumatischen Erfahrungen, auch wenn sie unterschiedlich wirken.
Emotionale Instabilität
Starke Gefühlsschwankungen sind möglich, sei es durch Dissoziation, Verlustängste oder Trauma-Trigger.
Beziehungsprobleme
Schwierigkeiten mit Vertrauen, Nähe und Bindung sind ein roter Faden – wenn auch aus unterschiedlichen Gründen.
Selbstbild
Bei allen ist das Selbstbild beeinträchtigt: fragmentiert (DIS), instabil (Borderline), negativ (PTBS/KPTBS).
Dissoziation
Kommt in allen vor, aber in unterschiedlicher Stärke: am massivsten bei DIS, leichter bei Borderline und PTBS/KPTBS.
Chronischer Verlauf
Ohne Therapie sind alle meist langfristig belastend und schwer allein zu bewältigen.
Therapiebedarf
Alle erfordern spezialisierte, traumasensible Behandlung und ein stabiles therapeutisches Bündnis.
Borderline: Persönlichkeitsstörung – Identität instabil und schwankend.
PTBS: Belastungsstörung – Identität bleibt einheitlich, aber durch Trauma-Symptome beeinträchtigt.
KPTBS: Belastungsstörung – wie PTBS, aber komplexer und mit stärkeren Folgen für Selbstbild und Beziehungen.
DIS: Identitätsstörung – Identität aufgespalten in verschiedene Anteile.
Die Gemeinsamkeiten liegen in Trauma, emotionaler Instabilität, Beziehungsproblemen und einem belasteten Selbstbild. Gerade diese Überschneidungen machen es schwer, die Störungsbilder voneinander zu unterscheiden – und zugleich so wichtig, genau hinzusehen.
Quellenangaben
- American Psychiatric Association (2013). Diagnostic and Statistical Manual of Mental Disorders, 5th Edition (DSM-5). Arlington, VA: American Psychiatric Publishing.
- Weltgesundheitsorganisation (2019). ICD-11: International Classification of Diseases 11th Revision. Geneva: WHO.
- van der Hart, O., Nijenhuis, E. R. S., & Steele, K. (2006). The Haunted Self: Structural Dissociation and the Treatment of Chronic Traumatization. New York: Norton.
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- Schmahl, C., Herpertz, S. C., & Bertsch, K. (2014). Borderline-Persönlichkeitsstörung. In: Der Nervenarzt, 85(1), 14–24 (Übersicht über Symptomatik, Ursachen und Behandlung von BPS.)
- Maercker, A., & Hecker, T. (2016). Broadening perspectives on trauma and recovery: A socio-interpersonal view of PTSD. European Journal of Psychotraumatology, 7(1).
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