Das Gesamtsystem aus der elterlichen Abhängigkeit lösen


Bei DIS ist die Ablösung von den Eltern besonders komplex: Es reicht nicht, dass eine Person sich löst. Das gesamte System muss sich lösen – und das bedeutet: Alle Anteile müssen diesen Weg mitgehen. Ein Kind-Anteil klammert verzweifelt an Mama. Ein erwachsener Anteil weiß: Wir müssen uns distanzieren. Ein beschützender Anteil will sofortigen Kontaktabbruch. Ein loyaler Anteil fühlt sich verpflichtet zu bleiben. Wie kann ein System sich lösen, wenn die Anteile sich nicht einig sind? Dieser Artikel zeigt den Weg: Von der inneren Zerrissenheit zur gemeinsamen Entscheidung. Von der Abhängigkeit zur Freiheit.


Die Herausforderung: Ein System, viele Meinungen

Das Problem in einem Satz:

Bei DIS gibt es nicht eine Person, die sich von den Eltern lösen muss – sondern ein ganzes System mit verschiedenen Anteilen, die völlig unterschiedliche Beziehungen zu denselben Eltern haben.

Ein typisches Szenario

Das System besteht aus:
Kind-Anteil (4 Jahre, „Kleine"): „Ich brauche Mama! Ich will zu Mama! Ohne Mama sterbe ich!"
Traumatragender Anteil (7 Jahre, „Emma"): „Mama hat mich nicht beschützt. Bei Mama habe ich Angst. Ich will nicht zu Mama."
Wütender Anteil (Teenager, „Alex"):  „Ich hasse sie! Sie hat mich im Stich gelassen! Ich will nie wieder mit ihr sprechen!"
Erwachsener Anteil (35 Jahre, „Sarah"): „Ich sehe, dass diese Beziehung toxisch ist. Wir sollten Abstand nehmen. Aber wie, wenn die Kleine so verzweifelt ist?"
Beschützer-Anteil („Wolf"): „Diese Frau ist gefährlich. Wir brechen sofort den Kontakt ab. Heute. Keine Diskussion."
Loyaler Anteil („Maria"): „Aber sie ist unsere Mutter! Wir können sie nicht allein lassen! Was werden die Leute denken?"

Das System ist völlig zerrissen: Jeder Versuch, eine Entscheidung zu treffen, endet im inneren Chaos.


Warum die Ablösung bei DIS so schwierig ist

Grund 1: Verschiedene Entwicklungsstände

Die Anteile sind in verschiedenen Entwicklungsstadien gefangen.

Ein 4-jähriger Anteil kann nicht verstehen: „Wir sind erwachsen. Wir können ohne Mama überleben."
Für diesen Anteil ist Mama überlebensnotwendig – biologisch, emotional, existenziell.

Ein erwachsener Anteil kann das rational verstehen – aber die Angst des Kind-Anteils ist so überwältigend, dass sie das ganze System lähmt.

Grund 2: Verschiedene Erinnerungen

Verschiedene Anteile haben verschiedene Erinnerungen an dieselben Eltern.

Kind-Anteil: Erinnert sich an die Momente, wo Mama liebevoll war. „Mama hat mir vorgelesen. Mama hat mich getröstet."
Traumatragender Anteil: Erinnert sich an die Gewalt. „Mama hat mich geschlagen. Mama hat weggesehen, als Papa..."
Beide Erinnerungen sind wahr. Aber sie führen zu völlig unterschiedlichen Schlussfolgerungen.

Grund 3: Verschiedene Funktionen im System

Jeder Anteil hat eine Aufgabe.
  • Kind-Anteil: Aufgabe: Die Hoffnung bewahren. „Vielleicht liebt Mama uns doch."
  • Beschützer-Anteil: Aufgabe: Das System schützen. „Diese Person ist gefährlich. Abstand."
  • Loyaler Anteil: Aufgabe: Die Familie zusammenhalten. „Wir dürfen die Familie nicht zerstören."
Wenn ein Anteil seine Aufgabe aufgibt – wer ist er dann? - Diese Identitätsfrage macht Veränderung so schwer.

Grund 4: Innere Kämpfe statt Kooperation

Oft kämpfen die Anteile gegeneinander – statt miteinander zu arbeiten:

Beschützer zu Kind-Anteil: „Hör auf zu heulen! Wir gehen nicht zu ihr!"
Kind-Anteil zu Beschützer: „Du bist gemein! Ich hasse dich!"
Das Ergebnis: Innere Gewalt. Chaos. Handlungsunfähigkeit.


Der Weg zur gemeinsamen Ablösung: Ein Prozess in Phasen

Vorbemerkung: Das ist kein linearer Prozess

Die folgenden Phasen sind nicht strikt nacheinander. Oft geht man vor und zurück. Das ist normal.

Wichtig: Jedes System braucht seine eigene Zeit. Manche brauchen Monate. Manche Jahre.

Phase 1: Innere Kommunikation herstellen

Das Ziel dieser Phase: Die Anteile lernen, miteinander zu sprechen – statt gegeneinander zu kämpfen.
Warum das essentiell ist:Ohne Kommunikation: Jeder Anteil agiert allein. Chaos. Widersprüchliche Handlungen.
Mit Kommunikation: Die Anteile können diskutieren, verhandeln, gemeinsam entscheiden.

Wie das geht

Schritt 1: Alle Anteile zu Wort kommen lassen

In der Therapie oder in innerer Arbeit: Jeder Anteil darf sagen, wie er zu den Eltern steht.

Kind-Anteil: „Ich brauche Mama."
Traumatragender Anteil: „Ich habe Angst vor Mama."
Wütender Anteil: „Ich hasse Mama."
Loyaler Anteil: „Wir dürfen Mama nicht aufgeben."
Beschützer-Anteil: „Mama ist gefährlich."

Wichtig: Niemand wird unterbrochen. Niemand wird kritisiert. Alle Perspektiven sind gültig.

Schritt 2: Validierung

Jeder Anteil wird validiert:
„Ich höre dich, Kind-Anteil. Ich verstehe, dass du Mama brauchst."
„Ich höre dich, Beschützer. Ich verstehe, dass du uns schützen willst."

Schritt 3: Gemeinsame Meetings etablieren

Regelmäßige innere Treffen. Alle Anteile kommen zusammen (innerlich visualisiert oder mit therapeutischer Unterstützung).
„Wir müssen über Mama reden. Was denkt jeder von euch?"


Phase 2: Die Realität gemeinsam ansehen

Das Ziel dieser Phase: Alle Anteile – auch die, die die Eltern idealisieren – sehen die Realität.

Die Herausforderung: Kind-Anteil will die Realität nicht sehen.
„Mama ist gut! Mama liebt mich!"

Die Realität würde bedeuten: Die Hoffnung aufgeben. Das ist unerträglich.

Wie das geht

Schritt 1: Sanft, nicht gewaltsam

Nicht: „Hör auf zu träumen! Mama war furchtbar!"
Sondern: „Ich weiß, dass du gute Erinnerungen an Mama hast. Die sind wichtig. Aber: Es gibt auch andere Erinnerungen. Können wir zusammen hinschauen?"

Schritt 2: Traumatragende Anteile teilen ihre Erinnerungen

In sicherer Umgebung (Therapie): Traumatragende Anteile erzählen, was geschehen ist.

Nicht im Detail (das würde retraumatisieren). Aber: Die Fakten.
  • „Mama hat mich geschlagen."
  • „Mama wusste, was Papa getan hat, und hat nichts getan."
  • „Mama war emotional nicht da."

Schritt 3: Kind-Anteil darf trauern

Wenn der Kind-Anteil die Realität sieht: Trauer. Verzweiflung.
„Mama war nicht die Mama, die ich gebraucht hätte."

Diese Trauer muss zugelassen werden.
Andere Anteile können trösten. „Ich bin hier. Du bist nicht allein."

Schritt 4: Die Realität anerkennen – gemeinsam

Das ganze System kommt zu einer gemeinsamen Wahrheit:

„Unsere Mutter war nicht fähig, uns zu geben, was wir gebraucht hätten."

Nicht: „Mama war nur schlecht." (Das ist zu absolut)

Sondern: „Mama hatte vielleicht gute Momente. Aber insgesamt: Sie konnte uns nicht schützen, nicht lieben, nicht da sein."


Phase 3: Den Preis der Abhängigkeit anerkennen

Das Ziel dieser Phase: Alle Anteile verstehen: Diese Abhängigkeit schadet uns.

Den Preis benennen: Was kostet uns die emotionale Abhängigkeit von den Eltern?
Liste erstellen (gemeinsam, alle Anteile):
Jeder Kontakt retraumatisiert traumatragende Anteile:
  • Wir können keine eigenen Entscheidungen treffen
  • Wir leben ein Leben, das sie wollen – nicht das wir wollen
  • Wir haben keine Energie für andere Beziehungen
  • Wir verleugnen unsere eigene Wahrnehmung
  • Wir geben unsere Grenzen auf
  • Wir sind ständig erschöpft
Frage an alle Anteile: „Was kostet dich persönlich diese Abhängigkeit?"

Kind-Anteil: „Ich bin immer enttäuscht. Mama gibt mir nie, was ich brauche."
Traumatragender Anteil: „Ich habe ständig Angst."
Erwachsener Anteil: „Ich kann mein Leben nicht leben."

Die Kosten vs. die Hoffnung
Die Hoffnung: „Vielleicht ändert sich Mama doch noch."

Die Realität: „Mama wird sich nicht ändern. Sie hat sich in 30 Jahren nicht geändert."

Die Frage: „Ist die Hoffnung es wert, weiterhin diese Kosten zu zahlen?"


Phase 4: Gemeinsame Entscheidung treffen

Das Ziel dieser Phase: Das System entscheidet gemeinsam: Wie gehen wir mit den Eltern um?

Die Optionen

Option 1: Kontakt mit strengen Grenzen

„Wir sehen Mama einmal im Jahr. Zwei Stunden. In neutralem Raum. Bestimmte Themen sind tabu."

Option 2: Minimaler Kontakt

„Wir schreiben zu Geburtstagen. Aber wir besuchen nicht mehr."

Option 3: Kontaktabbruch

„Wir haben keinen Kontakt mehr."

Wie die Entscheidung getroffen wird

Schritt 1: Jeder Anteil sagt seine Meinung

Kind-Anteil: „Ich will Kontakt. Ich brauche Mama."
Traumatragender Anteil: „Ich will keinen Kontakt. Es ist zu schmerzhaft."
Beschützer: „Kontaktabbruch. Sofort."
Loyaler Anteil: „Wir sollten zumindest minimalen Kontakt behalten."
Erwachsener Anteil: „Ich denke, Option 1 oder 2 wären ein Kompromiss."

Schritt 2: Verhandeln

Die Anteile verhandeln.
Erwachsener Anteil zu Kind-Anteil:
„Ich höre, dass du Mama willst. Aber: Was, wenn wir sie sehen – und es ist wieder schmerzhaft? Was gewinnst du wirklich?"

Erwachsener Anteil zu Beschützer:
„Ich verstehe, dass du uns schützen willst. Aber: Wenn wir sofort abbrechen, bricht das System zusammen. Können wir schrittweise vorgehen?"

Schritt 3: Kompromiss finden

Oft ist ein Kompromiss nötig.

Beispiel: „Wir probieren Option 1 (begrenzer Kontakt mit Grenzen) für sechs Monate. Dann schauen wir, wie es uns geht. Wenn es zu schmerzhaft ist, reduzieren wir weiter."

Wichtig: Alle Anteile müssen zustimmen – oder zumindest: Nicht aktiv sabotieren.

Schritt 4: Schutzmaßnahmen vereinbaren

  • Für Kind-Anteil: „Wenn wir Mama sehen und du sehr traurig wirst: Fürsorglicher Anteil ist da. Er tröstet dich."
  • Für traumatragenden Anteil: „Wenn du getriggert wirst: Wir haben Grounding-Techniken. Wir können jederzeit gehen."
  • Für Beschützer: „Du darfst eingreifen, wenn es gefährlich wird."


Phase 5: Die Entscheidung umsetzen

Das Ziel dieser Phase: Die gemeinsame Entscheidung in die Tat umsetzen.

Wenn die Entscheidung lautet: Kontakt mit Grenzen

Schritt 1: Grenzen klar definieren

Was sind unsere Grenzen?
Dauer: Maximal zwei Stunden
Ort: Neutraler Raum (Café, nicht ihr Haus)
Themen: Wir sprechen nicht über Vergangenheit, nicht über Therapie, nicht über unser Privatleben
Verhalten: Wenn Mama kritisiert, gehen wir

Schritt 2: Grenzen kommunizieren

Die Eltern informieren (schriftlich ist oft einfacher):

„Ich möchte gern Kontakt mit dir haben. Aber unter folgenden Bedingungen: [Grenzen aufzählen]. Kannst du das akzeptieren?"

Schritt 3: Grenzen durchsetzen

Wenn die Grenze überschritten wird: Konsequenz. Sofort.
„Ich habe gesagt, wir sprechen nicht über dieses Thema. Ich gehe jetzt."
Und dann: Gehen. Wirklich.

Schritt 4: Nachbereitung

Nach jedem Kontakt: Inneres Meeting.
„Wie geht es allen? War das erträglich? Oder müssen wir die Grenzen enger setzen?"

Wenn die Entscheidung lautet: Kontaktabbruch

Schritt 1: Die Eltern informieren (optional)

Manche schreiben einen Brief: „Ich habe entschieden, den Kontakt zu dir abzubrechen. Das ist keine leichte Entscheidung. Aber sie ist notwendig für meine Gesundheit." -  Andere informieren nicht. Einfach: Kein Kontakt mehr. Beides ist legitim.

Schritt 2: Konsequent bleiben

Nicht auf Anrufe reagieren. Nicht auf Briefe. Nicht auf emotionale Erpressung.
„Wenn du nicht kommst, sterbe ich!" → Nicht reagieren.
Das ist extrem schwer. Besonders für Kind-Anteile.

Schritt 3: Unterstützung suchen

  • Therapie intensivieren
  • Freunde informieren („Bitte frag mich nicht nach meiner Mutter")
  • Selbsthilfegruppen

Schritt 4: Trauer zulassen

Kontaktabbruch bedeutet: Trauer.
Nicht nur um die echten Eltern. Sondern um die Eltern, die man nie hatte.
Diese Trauer muss Raum haben.


Phase 6: Mit den inneren Reaktionen umgehen

Das Problem: Auch nach der Entscheidung können innere Konflikte bleiben.
  • Kind-Anteil: „Ich will zu Mama! Warum darf ich nicht?!"
  • Beschützer: „Weil es gefährlich ist! Halt endlich die Klappe!"
Das System kippt wieder ins Chaos.

Die Lösung: Innere Fürsorge

Schritt 1: Kind-Anteil validieren

„Ich höre, dass du traurig bist. Ich verstehe, dass du Mama vermisst. Das ist okay. Du darfst traurig sein."

Schritt 2: Trost anbieten

„Mama ist nicht da. Aber: Wir sind da. Ich (fürsorglicher Anteil) bin da. Du bist nicht allein."

Schritt 3: Ablenkung und neue Erfahrungen

„Lass uns etwas Schönes machen. Was magst du? Malen? Spielen?"
Dem Kind-Anteil positive Erfahrungen bieten – die nichts mit Mama zu tun haben.

Schritt 4: Geduld

Der Kind-Anteil wird nicht sofort aufhören, nach Mama zu rufen. Das dauert. Monate. Manchmal Jahre. Aber: Mit der Zeit wird es weniger. Die Trauer bleibt – aber sie ist nicht mehr überwältigend.


Phase 7: Neue Identität aufbauen

Das Problem: Wenn die Abhängigkeit von den Eltern das ganze Leben definiert hat: Wer bin ich ohne sie?

Die Frage: „Wer sind wir ohne Mama/Papa?"
Die Antwort finden

Schritt 1: Werte definieren

„Was ist uns wichtig – unabhängig von dem, was Mama/Papa wollen?"
  • Ehrlichkeit
  • Kreativität
  • Freiheit
  • Gerechtigkeit
  • ...

Schritt 2: Interessen entdecken

  • „Was mögen wir – was Mama/Papa egal ist?"
  • Vielleicht hatte man nie die Erlaubnis, eigene Interessen zu haben.
  • Jetzt: Ausprobieren. Hobbys. Aktivitäten.

Schritt 3: Beziehungen aufbauen

  • Nicht: Mama/Papa sind alles.
  • Sondern: Andere Menschen sind wichtig.
  • Freundschaften vertiefen. Neue Menschen kennenlernen.

Schritt 4: Eigene Ziele setzen

„Was wollen wir erreichen – für uns, nicht für Mama/Papa?"

Beruflich. Privat. Kreativ.

Schritt 5: Feiern

Kleine Erfolge feiern.
  • „Wir haben eine Entscheidung getroffen ohne Mama/Papa zu fragen!"
  • „Wir haben Nein gesagt!"
  • „Wir haben unsere Grenze durchgesetzt!"


Die häufigsten Stolpersteine – und wie man sie überwindet

Stolperstein 1: Ein oder mehrere Anteile sabotieren Entscheidungen

Das Problem: Das System hat entschieden "Begrenzter Kontakt".
Aber: Kind-Anteil ruft heimlich Mama an. Oder: Beschützer schreibt eine wütende E-Mail, die alles zerstört.

Die Lösung:

Schritt 1: Verstehen, warum

„Kind-Anteil, warum hast du angerufen?"
„Ich hatte so große Sehnsucht. Ich konnte nicht anders."

Schritt 2: Validieren

„Ich verstehe das. Du vermisst Mama."

Schritt 3: Alternativen anbieten

„Wenn du das nächste Mal so große Sehnsucht hast: Komm zu mir (fürsorglicher Anteil). Wir reden darüber. Aber du rufst nicht heimlich Mama an. 

Schritt 4: Konsequenzen vereinbaren

„Wenn du wieder anrufst: Wir müssen als System darüber sprechen. Aber: Keine Strafen. Keine innere Gewalt."

Stolperstein 2: Die Eltern respektieren die Grenzen nicht

Das Problem: Man hat gesagt: „Wir treffen uns einmal im Jahr." Mama ruft trotzdem jeden Tag an.

Die Lösung:
  • Konsequent bleiben.
  • Nicht rangehen. Nicht zurückrufen.
  • Wenn nötig: Nummer blockieren.
  • Brief/E-Mail: „Ich habe dir meine Grenze mitgeteilt. Du respektierst sie nicht. Deshalb blockiere ich vorübergehend deinen Kontakt. Wir sehen uns wie vereinbart [Datum]."

Stolperstein 3: Andere Familienmitglieder mischen sich ein

Das Problem:
  • „Wie kannst du deiner Mutter das antun?"
  • „Sie weint jeden Tag!"
  • „Du zerstörst die Familie!"
Die Lösung: Grenzen setzen – auch hier.

„Meine Beziehung zu meiner Mutter geht dich nichts an. Ich möchte nicht darüber sprechen."
Wenn sie weiter drängen: „Wenn du weiter über dieses Thema sprichst, kann ich auch mit dir keinen Kontakt haben."

Stolperstein 4: Schuldgefühle

Das Problem: „Ich bin ein schlechter Mensch. Wie kann ich meinen Eltern das antun?"

Die Lösung:

Schritt 1: Schuldgefühle vs. Verantwortung unterscheiden
Schuld: Du hast etwas Falsches getan.
Verantwortung: Du kümmerst dich um dein Wohlbefinden.
Du bist nicht schuld. Du nimmst Verantwortung für deine Gesundheit.

Schritt 2: Mit loyalen Anteilen sprechen
„Ich höre, dass du dich verpflichtet fühlst. Aber: Wir sind auch uns selbst verpflichtet. Wir dürfen uns schützen."

Schritt 3: Selbstmitgefühl
„Wir tun unser Bestes. Das ist genug."

Stolperstein 5: Rückfälle

Das Problem: Man hatte entschieden "Kontaktabbruch".
Aber dann: Ein Anteil ist schwach. Ruft doch an.

Die Lösung: Rückfälle sind normal. Sie sind nicht Versagen.
„Okay. Wir hatten einen Rückfall. Was können wir daraus lernen?"

Was war der Trigger? (Einsamkeit? Geburtstag? Krankheit?)
Welcher Anteil war vorne?
Was braucht dieser Anteil?
Und dann: Wieder anfangen. Nicht aufgeben.


Praktische Werkzeuge für den Alltag

Werkzeug 1: Das innere Meeting

  • Wann: Regelmäßig (z.B. wöchentlich) und bei Bedarf
  • Wie: Ruhigen Raum suchen
  • Alle Anteile einladen
  • Thema: „Wie geht es uns mit der Entscheidung bezüglich Mama/Papa?"
  • Jeder darf sprechen
  • Gemeinsam Lösungen finden

Werkzeug 2: Der Notfallplan

Für Momente, wo ein Anteil überwältigt ist:
Wenn Kind-Anteil verzweifelt nach Mama ruft:
  • Grounding: „Wir sind hier. Es ist 2026. Wir sind sicher."
  • Fürsorglicher Anteil übernimmt: „Ich bin hier."
  • Trost-Objekte: Kuscheltier, Decke
  • Ablenkung: Etwas tun, das der Kind-Anteil mag
  • Frage: Was braucht der verzweifelte Anteil jetzt?
Wenn ein traumatragender Anteil getriggert wird:
  • Sicherer Ort (innerlich visualisiert)
  • Grounding-Techniken
  • Wenn nötig: Kontakt abbrechen (physisch weggehen)

Werkzeug 3: Die Grenz-Karte

Eine Karte (real oder im Handy), auf der die Grenzen stehen:
  • „Unsere Grenzen bezüglich Mama:
  • Maximal einmal im Jahr
  • Maximal zwei Stunden
  • Nur in neutralem Raum
  • Keine Diskussionen über Vergangenheit
  • Bei Kritik: Wir gehen"
Bei Kontakt mit Mama: Diese Karte dabei haben. Erinnert daran, was vereinbart wurde.

Werkzeug 4: Die Erfolgs-Liste

Eine Liste aller kleinen Erfolge:
  • „Wir haben Nein gesagt!"
  • „Wir haben unsere Grenze durchgesetzt!"
  • „Wir haben drei Monate keinen Kontakt gehabt!"
  • Wenn es schwer wird: Diese Liste lesen. Erinnert daran: Wir schaffen das.

Werkzeug 5: Das Trost-Netzwerk

Eine Liste von Menschen/Dingen, die trösten können:
  • Therapeut
  • Beste Freundin
  • Selbsthilfegruppe
  • Kuscheltier
  • Lieblingsfilm
  • Beruhigende Musik
Wenn die Sehnsucht nach Mama überwältigend wird: Nicht Mama kontaktieren. Sondern: Trost-Netzwerk aktivieren.


Für Therapeuten: Wie man das System bei der Ablösung unterstützt


Was hilfreich ist

1. Alle Anteile ernst nehmen:

Nicht nur mit dem erwachsenen Anteil arbeiten. Auch Kind-Anteile, loyale Anteile, Beschützer – alle müssen gehört werden.

2. Nicht drängen:

„Sie müssen sich lösen!" – Das ist kontraproduktiv. Die Entscheidung muss vom System kommen.

3. Innere Kommunikation fördern:

Dem System helfen, miteinander zu sprechen. „Was sagen die anderen Anteile dazu?"

4. Trauer begleiten:

Die Ablösung bedeutet Trauer – um die Eltern, die man nie hatte. Diese Trauer braucht Raum.

5. Schutzmaßnahmen entwickeln:

Mit dem System Strategien entwickeln für schwierige Momente.

6. Geduld haben:

Ablösung bei DIS dauert. Jahre, nicht Monate.


Was nicht hilft

1. Partei ergreifen:

„Ihr Kind-Anteil ist das Problem!" – Das spaltet das System weiter.

2. Die Eltern verteidigen:

„Ich bin sicher, sie haben ihr Bestes getan." – Das invalidiert.

3. Schnelle Lösungen versprechen:

„In ein paar Monaten haben Sie das geschafft!" – Unrealistisch.



Es ist möglich, sich als System von den Eltern zu lösen.

Es ist schwer. Es dauert. Es ist schmerzhaft.

Aber es ist möglich.

Und es ist die Grundlage für Heilung und ein selbstbestimmtes Leben.



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