Das Prinzip des "Gegenteiligen Handelns": Gefühle ernstnehmen – und trotzdem anders reagieren

Menschen mit einer Dissoziativen Identitätsstruktur  erleben Gefühle oft besonders intensiv und widersprüchlich. Verschiedene Anteile haben ihre eigenen Sichtweisen, Erinnerungen und Strategien. Für einen Anteil kann es absolut logisch und notwendig sein, sich zu verstecken, während ein anderer Anteil gleichzeitig nach Nähe sucht. Diese innere Uneinigkeit macht den Alltag oft anstrengend.

Eine hilfreiche Methode, um handlungsfähig zu bleiben, ist das sogenannte gegenteilige Handeln. Es stammt ursprünglich aus der Dialektisch-Behavioralen Therapie (DBT) und bedeutet, bewusst etwas anderes zu tun, als das Gefühl oder ein Anteil es im Moment verlangt – allerdings nur dann, wenn dieser Impuls nicht hilfreich, sondern blockierend oder schädlich ist.

Warum gegenteiliges Handeln bei DIS besonders wichtig ist

Bei einer DIS wirken Gefühle häufig überwältigend. Ein kleiner Auslöser kann genügen, damit ein Anteil mit starker Angst, Wut, Scham oder Traurigkeit nach vorn tritt.

Das Nervensystem ist in diesem Moment überzeugt:
So, wie ich fühle, muss ich jetzt auch handeln.


Das kann bedeuten: fliehen, Kontakte abbrechen, sich bestrafen oder vollkommen zurückziehen.
Genau hier setzt gegenteiliges Handeln an. Es lädt dazu ein, innezuhalten und sich zu fragen:

Passt diese Gefühlsreaktion wirklich zur aktuellen Situation?
Hilft mir das Verhalten, das ich gerade plane? Oder verstärkt es nur das Problem?
Wenn die Antwort lautet: Dieses Verhalten würde mir schaden, dann kann eine bewusste, kleine Gegenhandlung helfen, wieder ins Heute zurückzufinden und ein Stück Selbstbestimmung zu erleben.

Ein Beispiel aus dem Alltag:
Eine Person mit DIS spürt nach einer Nachricht von einer Freundin plötzlich eine Welle aus Angst und Scham. Ein jüngerer Anteil ist überzeugt: „Ich darf niemandem zur Last fallen. Am besten sage ich sofort ab.“

Der erste Impuls ist also Rückzug. Gegenteiliges Handeln bedeutet in diesem Moment: nicht absagen, sondern eine sehr kleine Kontaktgeste setzen – zum Beispiel nur ein Emoji schicken oder kurz „Danke für deine Nachricht“ schreiben. Das widerspricht dem Impuls, sich sofort unsichtbar zu machen. Der Anteil erlebt dadurch: Wir haben etwas getan, das nicht zur Katastrophe geführt hat. Mit der Zeit wird das Vertrauen wachsen, dass Kontakt nicht zwangsläufig Gefahr bedeutet.


Typische Gefühle bei DIS – und wie gegenteiliges Handeln aussehen kann

1. Angst und Vermeidung

Viele Anteile haben gelernt: „Nur Rückzug schützt.“ Angst war in der Vergangenheit oft überlebenswichtig. Heute taucht sie manchmal auch in Situationen auf, die keine reale Gefahr mehr darstellen. Ein kleines Gegengewicht kann helfen, neue Erfahrungen zu machen.

Beispiel:
Ein Anteil will das Haus nicht verlassen. Gegenteiliges Handeln wäre, für zwei Minuten vor die Tür zu gehen, frische Luft zu holen und sich dann bewusst wieder zurückzuziehen. So bleibt der Schutz spürbar, aber gleichzeitig entsteht die neue Erfahrung: Ich kann auch draußen sicher sein.

2. Traurigkeit und Erstarrung

Manche Anteile erleben eine überwältigende Schwere und Hilflosigkeit. Der Impuls lautet: hinlegen, aufgeben, nicht mehr weitermachen. In diesen Momenten geht es nicht darum, die Traurigkeit wegzuschieben, sondern sie mit einer kleinen Handlung zu unterbrechen.

Beispiel:
Ein Anteil möchte sich ins Bett legen und nicht mehr aufstehen. Gegenteiliges Handeln bedeutet: ein Glas Wasser holen, die Hände waschen oder ein kleines Bild malen. Das ist kein „alles wegmachen“, sondern ein Signal: Wir können auch in Bewegung bleiben.

3. Wut und Angriff

Wut-Anteile haben oft die Aufgabe, vor erneuten Verletzungen zu schützen. Ihr Impuls ist es, laut zu werden oder Dinge zu zerstören. Gegenteiliges Handeln bedeutet nicht, die Wut zu unterdrücken, sondern sie in eine sichere Form zu bringen.

Beispiel:
Ein Anteil möchte etwas zerbrechen. Gegenteiliges Handeln wäre, in ein Kissen zu schlagen, bewusst tief durchzuatmen oder einen Satz ruhig und kontrolliert zu formulieren. So bleibt die Energie spürbar, aber sie wird nicht zerstörerisch.

4. Scham und Rückzug

Viele Betroffene mit DIS kennen tiefe Schamgefühle. Ein Anteil möchte sich unsichtbar machen, den Blick senken, nichts sagen und am liebsten verschwinden. Gegenteiliges Handeln heißt, einen winzigen Schritt in die Sichtbarkeit zu wagen.


Beispiel:
Ein Anteil will gar nicht sprechen und nur nach unten schauen. Gegenteiliges Handeln wäre, für einen kurzen Moment den Kopf zu heben, jemanden für zwei Sekunden anzusehen oder einen einzigen Satz zu sagen. Das Gefühl von Scham bleibt, aber es bestimmt nicht länger allein das Verhalten.

5. Schuld und Selbstabwertung

Manche Anteile sind überzeugt, selbst an allem schuld zu sein. Sie drängen Betroffene dazu, sich zu bestrafen oder sich Kontakte zu entziehen. Gegenteiliges Handeln bedeutet hier, sich selbst eine kleine positive Geste zu erlauben.

Beispiel:
Ein Anteil denkt: „Ich verdiene Strafe, ich darf nichts Schönes haben.“ Gegenteiliges Handeln wäre, sich bewusst eine Tasse Tee zu machen, eine weiche Decke zu nehmen oder eine warme Dusche zu genießen. So entsteht langsam die Erfahrung: Ich darf Fürsorge erfahren.

6. Sehnsucht und Abhängigkeit

Gerade nach Beziehungen oder in Triggersituationen können Anteile von intensiver Sehnsucht überflutet werden. Der Impuls ist dann, sofort Kontakt aufzunehmen oder sich abhängig zu machen. Gegenteiliges Handeln kann hier bedeuten, sich die Nähe auf andere Weise zu geben.

Beispiel:
Ein Anteil möchte dem Ex-Partner sofort schreiben. Gegenteiliges Handeln wäre, stattdessen einen Brief zu schreiben, der nicht abgeschickt wird, oder die Gefühle in ein Tagebuch zu legen. So bleibt die Sehnsucht ausgedrückt, ohne dass alte Muster wiederholen.

7. Hilflosigkeit und Ohnmacht

Einige Anteile kennen das Gefühl, völlig ausgeliefert zu sein. Der Impuls ist: gar nichts mehr tun, weil „alles sowieso sinnlos“ erscheint. Gegenteiliges Handeln setzt genau dort an, indem eine ganz kleine Entscheidung selbst getroffen wird.

Beispiel:
Ein Anteil denkt: „Ich kann nichts entscheiden.“ Gegenteiliges Handeln wäre, bewusst eine winzige Wahl zu treffen, etwa: „Trinke ich zuerst Tee oder Wasser?“ – und diese Entscheidung umzusetzen. So entsteht das Gefühl: Ich habe Einfluss.

Besondere Aspekte bei DIS

Das Gegenteilige Handeln ist bei DIS nicht nur eine Technik, sondern auch ein innerer Aushandlungsprozess. Es braucht Absprachen:
  • Ein Anteil darf seine Angst oder Wut behalten und wird darin ernst genommen.
  • Gleichzeitig entscheidet ein erwachsener Anteil: „Wir probieren jetzt etwas anderes – nur ganz kurz und sicher.“
  • So entsteht ein Miteinander. Niemand wird übergangen, aber das gesamte System gewinnt an Freiheit.


Schritt-für-Schritt-Anleitung für Betroffene mit DIS

Gefühl oder Anteil wahrnehmen

Beispiel: „Da ist gerade Angst bei einem jüngeren Anteil.“

Fragen stellen

„Ist die Angst heute wirklich passend? Oder stammt sie aus der Vergangenheit?“

Impuls erkennen

„Der Anteil möchte absagen und sich verstecken.“

Gegenteil definieren

„Wir schicken nur ein Emoji. Wir müssen nicht länger schreiben.“

Durchführen

„Wir machen das jetzt gemeinsam. Der erwachsene Anteil bleibt an der Seite.“

Nachspüren

„Wie fühlt es sich an? Was war leichter als gedacht?“


Grenzen und Vorsicht

Gegenteiliges Handeln soll nicht dazu führen, dass Anteile übergangen oder gezwungen werden. Wenn ein Gefühl auf eine reale Gefahr hinweist (zum Beispiel bei Gewalt oder Grenzverletzungen), ist es wichtig, nicht das Gegenteil zu tun, sondern die Grenze zu schützen. Gegenteiliges Handeln eignet sich besonders für alte Muster, die heute nicht mehr passend sind, aber im Nervensystem weiterwirken.







Für Menschen mit DIS kann gegenteiliges Handeln eine sanfte Möglichkeit sein,
aus starren Mustern auszusteigen.
Es bedeutet nicht, Gefühle wegzuschieben,
sondern sie wahrzunehmen und trotzdem anders zu handeln
– in kleinen Schritten, sicher eingebettet und immer mit Respekt vor den Anteilen.

Jeder Mini-Schritt ist ein Signal an das ganze System:
Wir können heute neue Erfahrungen machen.

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