Framing – Die Neubewertung innerer Bedeutungen bei dissoziativen Systemen

Im therapeutischen Kontext bezeichnet Framing die bewusste Veränderung des Bedeutungsrahmens einer Erinnerung oder Erfahrung. Es geht dabei nicht darum, etwas umzudeuten oder zu beschönigen, sondern die ursprüngliche, oft kindlich geprägte Interpretation einer Situation in einen realistischeren und erwachseneren Zusammenhang zu stellen. Besonders bei dissoziativen Identitätsstrukturen ist Framing ein zentrales Element, weil verschiedene Anteile oft in unterschiedlichen Bedeutungsrahmen leben: Ein inneres Kind kann eine Situation als „meine Schuld“ erleben, während ein erwachsener Anteil erkennt, dass Verantwortung und Schuld damals bei den Tätern lagen.

Die therapeutische Arbeit mit Framing dient also nicht der Relativierung, sondern der Integration von Perspektiven. Sie hilft, die ursprüngliche Schutzlogik zu würdigen und gleichzeitig eine neue, heute angemessene Sichtweise zu etablieren.

Bedeutung und Ziel von Framing

Framing bedeutet, einer Erinnerung oder einer inneren Erfahrung einen neuen Bezugsrahmen zu geben, ohne ihren Inhalt zu verändern. In der Traumatherapie spricht man auch von Reframing oder Neukontextualisierung. Die Situation bleibt dieselbe – was sich verändert, ist die Bewertung.

Beispiel:

Ein Anteil erinnert sich an körperliche Gewalt und sagt: „Ich war schuld, ich habe ihn wütend gemacht.“
Im Framing wird diese Deutung erweitert: „Ich war ein Kind. Ich konnte sein Verhalten nicht kontrollieren. Verantwortung trug der Erwachsene.“

Diese neue Perspektive verändert die emotionale Bedeutung, ohne die Erinnerung selbst zu verfälschen. Sie stärkt das Kohärenzgefühl und ermöglicht, Schuldgefühle und Selbstabwertung durch realistische Bewertung zu ersetzen. -  Framing schafft also die Brücke zwischen damaliger Überlebenslogik und heutiger Realität.

Warum Framing bei DIS besonders wichtig sein kann

Bei dissoziativen Systemen existieren mehrere innere Deutungsebenen gleichzeitig. Manche Anteile leben noch in der damaligen Zeit und erleben Erinnerungen so, als würden sie gerade geschehen. Andere Anteile haben bereits kognitive Distanz, verstehen die Zusammenhänge rational, aber spüren sie nicht emotional.

Diese Diskrepanz zwischen Wissen und Fühlen kann nur dann überbrückt werden, wenn die alten Bedeutungsrahmen gewürdigt und schrittweise erweitert werden. Framing erlaubt, die innere Wahrheit eines Anteils ernst zu nehmen („Ich war schuld“) und gleichzeitig die objektive Wahrheit hinzuzufügen („Ich war ein Kind“).

Dadurch entsteht keine Spaltung, sondern ein innerer Dialog: verschiedene Zeitebenen, verschiedene Bedeutungen – gemeinsam im Austausch.

Wie eine Framing-Sitzung aussehen kann

Im Folgenden ein vereinfachtes Beispiel aus einer therapeutischen Sitzung mit einem dissoziativen System. Es zeigt, wie Framing praktisch angewendet wird.
Therapeutin: „Kannst du mir sagen, was du über dich denkst, wenn du an das Geschehen damals denkst?“
Anteil (Kind): „Ich war schuld. Ich habe das gemacht, dass er so geworden ist.“
Therapeutin: „Das klingt, als hättest du damals sehr viel Verantwortung gespürt. Wie alt warst du in diesem Moment?“
Anteil: „Sechs.“
Therapeutin: „Was konnte ein sechsjähriges Kind tun, um das Verhalten eines Erwachsenen zu kontrollieren?“
Anteil: (Pause) „Gar nichts, glaube ich.“
Therapeutin: „Dann wäre der richtige Rahmen vielleicht: ‚Ich war klein, und er war verantwortlich.‘ Könnte das passen?“
Anteil: „Ja. Aber ich habe trotzdem Angst, dass er wiederkommt.“
Therapeutin: „Das gehört zu dem alten Rahmen – er war gefährlich. Heute bist du hier, und ich bin da. Wir schauen gemeinsam auf das, was damals war.“

In dieser Szene findet keine „Uminterpretation“ statt, sondern eine Erweiterung: Die frühere Bedeutung („Ich bin schuld“) wird verstanden als damaliger Schutzversuch – und ergänzt durch die heutige Realität („Ich war nicht verantwortlich“). Das System erlebt dadurch eine erste Entlastung, ohne dass der Anteil entwertet wird.

Voraussetzungen für wirksames Framing

Sicherheit im Hier und Jetzt:

Framing funktioniert nur, wenn das Nervensystem stabil genug ist. Andernfalls kann eine neue Sichtweise Überforderung auslösen, weil sie alte Schutzmechanismen in Frage stellt.

Validierung des Alten:

Der alte Rahmen war notwendig. Es ist wichtig, ihn nicht zu korrigieren, sondern zu verstehen, warum er damals Sinn gemacht hat.

Langsames Vorgehen:

Framing geschieht schrittweise. Es kann Wochen oder Monate dauern, bis ein neuer Satz emotional glaubwürdig wird.

Einbezug des Körpers:

Emotionale Neubewertung wird erst stabil, wenn der Körper sie miterlebt – z. B. durch Atmung, Erdung oder Wahrnehmungsübungen während der Sitzung.

Therapeutische Wirkung

  • Ein neues Framing kann emotionale Entlastung bringen, Schuld- und Schamgefühle reduzieren und das Selbstbild stabilisieren. Betroffene können allmählich erkennen, dass die damalige Bedeutung eine Überlebensstrategie war, kein objektives Urteil. Dadurch entsteht Selbstmitgefühl und eine realistischere Selbstwahrnehmung.
  • Framing ist damit ein Werkzeug, das sowohl kognitive als auch emotionale Ebenen verbindet – und langfristig zur Integration beiträgt.
  • Es hilft, die damalige Logik des Überlebens zu verstehen und sie in einen erwachsenen Kontext zu stellen.
  • Für dissoziative Systeme bedeutet das, dass Anteile lernen dürfen, ihre Sichtweisen nebeneinander bestehen zu lassen, ohne dass eine als „falsch“ gilt.
  • Erst wenn ein System erkennt: „Ich kann mehrere Wahrheiten halten und trotzdem ganz sein“, wird Heilung möglich.



Framing bedeutet nicht, etwas schönzureden oder auszublenden.
 Es unterscheidet sich klar von Verdrängung:
Verdrängung versucht, den Schmerz zu vermeiden.
Framing erlaubt, den Schmerz in einem neuen Licht zu sehen.
Das Ziel ist Integration – nicht Verleugnung.

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