Sich selbst Sicherheit geben

Sich selbst Sicherheit geben – bei DIS

Menschen mit einer Dissoziativen Identitätsstruktur (DIS) kennen Unsicherheit oft als Grundzustand. Kindheit und Jugend waren von Bedrohungen geprägt – Missbrauch, Gewalt, Vernachlässigung. Das Nervensystem hat gelernt: Gefahr kann jederzeit kommen. Sicherheit hängt scheinbar von anderen ab – von ihrer Stimmung, ihrem Verhalten, ihren Entscheidungen.

Doch dieser Mechanismus macht im Heute abhängig und instabil. Wenn niemand da ist, der beruhigt oder schützt, entsteht schnell Panik, Leere oder Dissoziation. Der Gedanke „ich kann mir selbst Sicherheit geben“ wirkt dann beinahe fremd oder unmöglich. Und doch: genau das ist ein wichtiger Schritt in Richtung Stabilität.

Sich selbst Sicherheit geben bedeutet nicht, alles allein zu schaffen oder niemanden mehr zu brauchen. Es bedeutet:


Ich baue mir innen einen Boden, auf dem ich stehen kann
– auch wenn draußen Unsicherheit herrscht.


Den Körper als Anker nutzen

Das Nervensystem reagiert schneller als der Verstand. Bei Stress hilft es, mit einfachen körperlichen Impulsen den eigenen Zustand zu stabilisieren:

Füße fest auf den Boden stellen, Gewicht spüren.
Mit den Händen etwas Kaltes anfassen – Metall, Glas, Wasser.
Rücken an eine Wand lehnen.
Atem bewusst verlängern: vier Sekunden ein, sechs bis acht Sekunden aus.

Solche Signale zeigen dem Körper: ich bin da, im Hier und Jetzt.


Orientierung im Heute

Dissoziation entzieht oft Zeit und Raum. Orientierung bringt Klarheit zurück:

Datum und Uhrzeit laut nennen.
Fenster öffnen und beschreiben, was zu sehen ist.
Einen Geruch bewusst wahrnehmen.
Drei Geräusche benennen.

Das holt den Kopf und die Sinne in die Gegenwart.

Sprache, die beruhigt

Der innere Dialog prägt die Körperreaktion. Kurze Sätze können wirken wie eine Hand auf der Schulter.

Beispiele:
„Ich bin hier.“
„Heute ist es sicher.“
„Ich darf langsam machen.“

Solche Formulierungen sind keine Floskeln, sondern kleine Signale an das Nervensystem.

Verlässliche Mikro-Rituale

Sicherheit entsteht durch Wiederholung. Kleine Rituale helfen, einen Rhythmus zu finden:

Jeden Morgen eine Tasse Tee oder Kaffee bewusst trinken.
Zum Einschlafen dieselbe Musik hören.
Einen festen Platz im Raum wählen.

Rituale geben Orientierung – nicht durch Kontrolle, sondern durch Wiedererkennbarkeit.


Innere Begleiter aktivieren


Bei DIS können innere Anteile sehr unterschiedlich reagieren: kindlich, ängstlich, wütend. Das „Erwachsenen-Ich“ oder ein stabiler Hauptanteil kann als innerer Begleiter wirken.

Eine Übung: sich vorstellen, wie dieser Anteil die Hand auf die Schulter legt und sagt: „Ich bin da. Ich kümmere mich um dich.“

So entsteht ein Gefühl von Halt – aus dem eigenen Inneren heraus.


Kleine Entscheidungen bewusst treffen

Unsicherheit raubt das Gefühl von Selbstwirksamkeit. Bewusste Mini-Entscheidungen sind eine Gegenbewegung:

„Heute ziehe ich diesen Pullover an.“
„Ich wähle diesen Tee.“
„Ich gehe diesen Weg.“

Es sind keine großen Fragen. Aber jede kleine Entscheidung stärkt das Gefühl: ich habe Einfluss.


Sicherheitsanker sammeln

Ein äußerer Notfallkoffer kann eine wichtige Stütze sein. Darin liegen Dinge, die Sicherheit signalisieren:

ein beruhigender Duft
ein Foto
ein kleiner Stein oder ein Stück Stoff
ein Satz auf einer Karte („Ich bin hier. Heute ist es vorbei.“)

Solche Gegenstände erinnern im Ernstfall an innere Ressourcen.





Sich selbst Sicherheit geben ist ein Lernprozess.
Er ersetzt nicht die Bedeutung von Nähe, Vertrauen und Unterstützung durch andere Menschen.
Aber er schafft die Basis: das Gefühl, nicht völlig ausgeliefert zu sein.

Bei DIS bedeutet es, Schritt für Schritt eigene Anker zu entwickeln
 – im Körper, in der Sprache, in kleinen Ritualen und Entscheidungen. 
Mit der Zeit wächst daraus etwas, das lange gefehlt hat: 
ein innerer Boden, der trägt.




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