Selbstbestimmtheit – warum sie bei DIS so wichtig ist

Selbstbestimmtheit ist für die meisten Menschen etwas Alltägliches. Man wählt morgens die Kleidung aus, entscheidet, was es zum Frühstück gibt oder ob man noch kurz im Bett liegenbleibt. Für Menschen mit einer Dissoziativen Identitätsstruktur ist das jedoch oft nicht selbstverständlich. Viele haben in ihrer Kindheit und Jugend erlebt, dass Entscheidungen von anderen getroffen wurden – manchmal mit Gewalt, manchmal durch subtile Kontrolle. Bedürfnisse wurden übergangen, Grenzen nicht geachtet. Zurück bleibt das Gefühl: „Meine Stimme zählt nicht.“

Diese Erfahrung wirkt bis ins Heute hinein. Es fällt schwer, die eigenen Wünsche zu spüren, geschweige denn, sie auszudrücken oder durchzusetzen. Oft meldet sich die Angst, dass Widerspruch gefährlich ist. Manche Anteile haben gelernt: „Wenn ich mich anpasse, überlebe ich.“ Andere fühlen tiefe Wut darüber, dass sie nie bestimmen durften. Zwischen diesen Stimmen entsteht schnell ein inneres Chaos.

Gerade deshalb ist Selbstbestimmtheit ein so wichtiger Bestandteil der Heilung. Sie bedeutet nicht, plötzlich alles im Griff zu haben oder nie wieder auf andere zu hören. Sie bedeutet vielmehr, sich Schritt für Schritt ein Stück Entscheidungsfreiheit zurückzuerobern – im Kleinen wie im Großen. Jeder bewusste Moment, in dem ich wähle, was mir guttut, wirkt wie eine stille Erinnerung an das Heute: „Jetzt bin ich erwachsen. Jetzt darf ich bestimmen.“


Warum Selbstbestimmtheit so wichtig ist

Würde und Identität

Wer Entscheidungen trifft, erfährt sich als handelndes Subjekt statt als Objekt. Das stärkt das Gefühl: „Ich bin ich.“

Sicherheit

Selbstbestimmung beruhigt das Nervensystem. Sie zeigt: „Ich habe Einfluss, ich bin nicht mehr ausgeliefert.“

Heilung

Alte Muster von Ohnmacht verlieren an Kraft, wenn neue, selbstgewählte Erfahrungen dazukommen.

Innere Integration

Anteile lernen, dass ihre Bedürfnisse wahrgenommen und ernst genommen werden.

Beziehungen

Selbstbestimmung schafft die Grundlage für gesunde Grenzen – Nähe wird möglich, ohne wieder in Abhängigkeit zu geraten.


Hindernisse auf dem Weg

Selbstbestimmtheit klingt einfach, ist aber in der Praxis oft schwer:

  • Innere Stimmen: Manche Anteile sagen: „Das darfst du nicht.“
  • Alte Angst: Wer Nein sagt, könnte bestraft oder verlassen werden – so die Erinnerung.
  • Überforderung: Große Entscheidungen fühlen sich zu schwer an, sodass man lieber gar nichts entscheidet.
  • Automatische Muster: Anpassung wirkt sicherer, auch wenn sie unbefriedigend ist.

Beispiele für kleine Schritte zur Selbstbestimmtheit

Kleidung

Statt automatisch das Erstbeste zu nehmen, einen Moment innehalten und spüren: „In welchem Pulli fühle ich mich heute wohler?“

Mahlzeiten

Beim Einkaufen bewusst selbst eine Kleinigkeit auswählen – auch wenn es „nur“ der Lieblingsjoghurt ist.

Rituale

Den Tag selbst mit einem kleinen Ritual beginnen, z. B. Tee trinken, Kerze anzünden, ein Musikstück hören.

Pausen

Nicht durchpowern, weil es erwartet wird, sondern kurz aufstehen, Fenster öffnen, frische Luft einatmen.

Sprache

In einer sicheren Situation ein klares „Nein“ oder „Das möchte ich nicht“ sagen – auch bei scheinbar kleinen Dingen wie einem Kaffeeangebot.

Innere Abstimmung

Anteile befragen: „Was ist uns jetzt wichtig?“ und dann eine gemeinsame Entscheidung treffen – vielleicht auch ein Kompromiss.

Wege

Eine kleine Strecke bewusst anders gehen oder fahren, nur um zu spüren: „Ich kann wählen, welchen Weg ich nehme.“

Kontakte

Statt auf jede Nachricht sofort zu reagieren, selbst entscheiden, wann die Antwort passt.

Medien

Ein Buch oder eine Serie bewusst selbst aussuchen – nicht das laufen lassen, was zufällig da ist.

Körper

Dem eigenen Körper zuhören: Wenn er ruft „Pause“, diese Entscheidung respektieren.


Selbstbestimmtheit üben – ein möglicher Weg

Wahrnehmen: Spüren, wann man wie ferngesteuert funktioniert.

Stoppen: Einen kleinen Moment Pause einbauen.

Wählen: Zwischen mindestens zwei Möglichkeiten bewusst eine auswählen.

Verankern: Innerlich bestätigen: „Das habe ich entschieden.“

Wiederholen: Jeden Tag Situationen suchen, die Selbstbestimmung erlauben.


Selbstbestimmtheit wächst nicht über Nacht. Sie entsteht in kleinen, beharrlichen Schritten. Jeder entschiedene Moment, sei er noch so unscheinbar, ist ein Akt von Heilung.



Für Menschen mit DIS bedeutet Selbstbestimmung:
Das alte Gefühl von Ohnmacht verliert an Macht, und das Heute wird klarer spürbar.
Es geht nicht darum, perfekt oder unabhängig zu sein
 – sondern darum, die eigene Stimme wiederzufinden.
 Entscheidung für Entscheidung.
Schritt für Schritt. 



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