Mit Handlungen zurück in die Sicherheit - Schritt für Schritt

Viele Menschen denken: „Ich muss mich erst sicher fühlen, bevor ich handeln kann.“ Dieses Muster ist nachvollziehbar – besonders für Menschen mit einer Dissoziativen Identitätsstruktur (DIS) oder nach traumatischen Erfahrungen. Denn wenn Sicherheit in der Kindheit fehlte, fühlt es sich riskant an, Schritte ins Leben zu wagen. Doch Sicherheit ist selten ein Zustand, der einfach von selbst eintritt. Sie wächst durch Handlungen. Manchmal entsteht sie erst, nachdem wir uns bewegt, etwas ausprobiert oder eine kleine Struktur gesetzt haben.

Sicherheit ist mehr als ein Gefühl

Oft wird Sicherheit wie ein inneres Gefühl verstanden – als Zustand, der irgendwann „kommt“. Doch Sicherheit besteht aus drei Ebenen:

Körperlich

Das Nervensystem reagiert auf klare Signale – Atmung, Haltung, Berührung. Wenn der Körper spürt, dass er Halt hat, beruhigt sich auch das innere Empfinden.

Kognitiv

Der Verstand prüft, ob eine Situation gefährlich ist. Handlungen liefern Beweise: „Ich habe es getan, und nichts ist passiert.“

Sozial

Beziehungen können Halt geben. Ein Anruf, eine Nachricht oder eine feste Verabredung zeigen, dass Verlässlichkeit möglich ist.


Sicherheit entsteht also nicht passiv, sondern aktiv: durch das, was wir tun.


Warum Handlungen Sicherheit schaffen

Signal an den Körper

Ein kleiner körperlicher Impuls – die Füße in den Boden drücken, die Hände reiben – zeigt: Bewegung ist möglich. Das löst Erstarrung und aktiviert das Gefühl von Lebendigkeit.

Orientierung im Raum

Wenn wir bewusst etwas im Außen tun (einen Gegenstand betrachten, Datum und Uhrzeit nennen), verankern wir uns im Hier und Jetzt. Das schafft Orientierung und mindert das Gefühl, im „Damals“ gefangen zu sein.

Selbstwirksamkeit erleben

Handlungen – und seien sie noch so klein – zeigen: „Ich kann etwas bewirken.“ Dieses Gefühl von Einfluss ist der Kern von Sicherheit.

Neue Erfahrungen sammeln

Viele Ängste sind Erinnerungen. Indem wir handeln, machen wir neue Erfahrungen: Wir gehen einen Schritt, und nichts Schlimmes passiert. Mit jeder Wiederholung baut sich Vertrauen auf.

Unterbrechung innerer Kreise

Warten auf Sicherheit kann in Grübelei führen. Handlungen unterbrechen diese Schleifen und schaffen sofort eine kleine Veränderung.


Beispiele für Handlungen, die Sicherheit fördern

Körperliche Anker

Hände reiben, Schultern hochziehen und fallen lassen, bewusst atmen.

Umgebung gestalten

Licht einschalten, Fenster öffnen, sich an eine Wand lehnen.

Sprache nutzen

Einen Satz wiederholen: „Ich bin hier und sicher.“

Struktur schaffen

Einen Punkt von einer To-do-Liste abhaken, den Tagesplan kurz anschauen.

Kontakt aufnehmen

Eine kurze Nachricht an eine vertraute Person schicken oder ein vereinbartes Ritual nutzen (z. B. täglich ein Emoji austauschen).

Diese Handlungen sind nicht spektakulär – aber sie wirken wie kleine Brücken zurück in ein Gefühl von Sicherheit.



Ein Perspektivwechsel


Die bisherige Logik lautet oft: „Ich muss mich sicher fühlen, damit ich handeln kann.“ Das klingt richtig, führt aber häufig dazu, dass Handlungen vermieden werden – und Sicherheit nie greifbar wird. Ein hilfreicher Perspektivwechsel lautet:

„Ich handle – und durch das Handeln entsteht Sicherheit.“


Mit jedem kleinen Schritt beweist du deinem Körper, deinem Verstand und deinem System: „Ich bin hier. Ich kann gestalten.“ Sicherheit wird damit nicht mehr etwas, worauf man warten muss, sondern etwas, das aktiv hergestellt werden kann.



Sicherheit entsteht, indem wir handeln – in kleinen, überschaubaren Schritten. 
Durch körperliche Anker, durch Orientierung, durch soziale Kontakte und Routinen 
wächst das Vertrauen: „Ich kann Einfluss nehmen.“ 
Gerade bei DIS kann dieser Perspektivwechsel entlastend sein:
Nicht warten, bis Sicherheit da ist,
 sondern Schritt für Schritt durch Handlungen in die Sicherheit finden.




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