Ressourcenarbeit bei DIS




Ressourcenarbeit ist ein Standardthema in der Traumatherapie. Bei Dissoziativer Identitätsstörung funktioniert sie aber anders als in den meisten Ratgebern beschrieben – weil das System keine homogene Einheit ist. Dieser Artikel erklärt, was Ressourcenarbeit bei DIS bedeutet, warum sie kompliziert sein kann, und was konkret helfen kann.


Was ist eine Ressource? 

Eine Ressource ist alles, was das Nervensystem reguliert, stabilisiert oder Kraft gibt.
Das klingt vage. Konkreter:

Äußere Ressourcen – Dinge außerhalb des Körpers:

  • Bestimmte Menschen (Freunde, Therapeutin, Haustier)
  • Bestimmte Orte (ein Zimmer, ein Park, eine Bank am See)
  • Bestimmte Gegenstände (Decke, Stein, Kuscheltier, Schmuck)
  • Bestimmte Aktivitäten (Spaziergang, Zeichnen, Kochen, Zocken)
  • Bestimmte Medien (eine Serie, ein Lied, ein Buch, ein Podcast)

Innere Ressourcen – Dinge innerhalb:

  • Erinnerungen an sichere Momente
  • Körpergefühle, die sich gut anfühlen (z.B. Wärme, Schwere, Stille)
  • Eigene Fähigkeiten und Stärken
  • Imaginierte Orte oder Figuren
  • Bei DIS: andere Anteile
Ressourcen sind kein Ersatz für Traumaverarbeitung. Sie sind die Voraussetzung dafür. Das Nervensystem muss stabil genug sein, um schwierige Therapieinhalte aushalten zu können. Ohne ausreichend Ressourcen ist Traumaarbeit schlicht nicht sicher.

Warum ist Ressourcenarbeit bei DIS anders?

Bei den meisten Menschen gilt: Eine Ressource, die funktioniert, funktioniert für die Person.
Bei DIS gilt das nicht.

Das System besteht aus mehreren Anteilen, die:
  • unterschiedliche Erinnerungen tragen
  • unterschiedliche Assoziationen haben
  • unterschiedliche Bedürfnisse haben
  • unterschiedliche Bewertungen von Sicherheit haben
Das heißt: Eine Ressource kann für Anteil A hilfreich sein und für Anteil B neutral oder sogar triggernd.

Konkretes Beispiel:
Stell dir vor, das System nutzt Kerzenlicht als Beruhigungsritual – warmes Licht, Ruhe, Heimeligkeit.
  • Anteil 1 (erwachsen, stabilisierend): findet Kerzenlicht schön und beruhigend.
  • Anteil 2 (jüngerer Teil): verbindet Kerzenlicht mit einem bestimmten Raum, in dem etwas Schlimmes passiert ist.
  • Anteil 3 (beschützender Teil): ist sofort in Alarmbereitschaft, weil er den Körper schützen will und Entspannung als Gefahr einordnet.
Ergebnis: Das Kerzenlicht entspannt nicht das System – es entspannt einen Teil, triggert einen anderen und versetzt einen dritten in Hab-Acht-Stellung.
Das ist kein Fehler des Systems. Es ist die Logik von DIS.

Ressourcen für einzelne Anteile

Bevor man systemweite Ressourcen sucht, ist die erste Frage:

Wer ist gerade vorne – und was braucht dieser Anteil?

Das ist eine andere Frage als „Was brauche ich?" – denn das „Ich" bei DIS ist situationsabhängig.

Wie findet man anteilspezifische Ressourcen?

Mögliche Fragen (innerlich oder in der Therapie):
  • Was hat diesem Anteil früher gut getan – auch wenn es im Außen seltsam wirkt?
  • Was beruhigt diesen Anteil, was aktiviert ihn?
  • Welche Sinne sind für diesen Anteil zentral? (manche reagieren stark auf Geruch, andere auf Berührung, andere auf Klang)
  • Gibt es Dinge, die dieser Anteil explizit ablehnt? → Diese Liste ist genauso wichtig wie die Ressourcenliste.
Beispiele für anteilspezifische Ressourcen:

Beispiele für anteilspezifische Ressourcen:

AnteilRessource
Kindlicher Anteil (6 Jahre)Bestimmtes Kuscheltier, Kinderhörspiel, weiche Decke
Jugendlicher Anteil (14 Jahre)Bestimmte Musikplaylist, ein bestimmtes Videospiel, Tagebuch
Beschützender AnteilKlare Struktur, Plan für den Tag, physische Stärke (Sport)
Beobachtender AnteilStille, Rückzug, Natur, Bücher

Wichtig: Ressourcen für einzelne Anteile können im Außen ungewöhnlich wirken. Eine erwachsene Person, die eine Zeichentrickserie braucht, weil ein kindlicher Anteil gerade vorne ist – das ist nicht peinlich, das ist angemessen und hilfreich.

Wenn Anteile Ressourcen ablehnen 

Manche Anteile wollen keine Ressourcen. Nicht weil sie schwierig sind, sondern weil:

Grund 1: Entspannung ist nicht sicher kodiert

Wenn im Aufwachsen Entspannung immer wieder mit Gefahr zusammengefallen ist (man war entspannt → dann passierte etwas Schlimmes), dann lernt das Nervensystem: Entspannung = Alarm.

Diese Kopplung löst sich nicht dadurch, dass man erklärt, dass es jetzt sicher ist. Das Nervensystem arbeitet nicht mit Argumenten.

Grund 2: Wohlbefinden ist unbekanntes Terrain

Manche Anteile kennen Wohlbefinden schlicht nicht. Es fühlt sich fremd an. Fremd = potenziell gefährlich. Also wird es vermieden.

Grund 3: Ressourcenarbeit fühlt sich wie Verleugnung an

Einige Anteile tragen sehr schwere Inhalte. Für sie kann eine Ressource sich anfühlen wie: „Tut so, als wäre alles okay." Das ist nicht gemeint – aber es kann sich so anfühlen.

Wie zeigt sich Sabotage konkret?
  • Man beginnt eine Übung und bricht nach zwei Minuten ab, ohne zu wissen warum
  • Man fühlt sich direkt nach einer „Ressource" schlechter als vorher
  • Man kann sich nicht auf positive Gefühle konzentrieren, es drängt immer etwas anderes rein
  • Man vergisst immer wieder, die Ressource zu nutzen (obwohl man es eigentlich wollte)
  • Was hilft bei ablehnenden Anteilen?
Nicht kämpfen. Der Anteil hat einen Grund. Neugierig werden:
  • Was passiert in dir, wenn du diese Ressource ausprobierst?
  • Was befürchtest du?
  • Was bräuchtest du, damit das okay wäre?
Kleinere Ressourcen suchen. Je weniger Entspannung eine Ressource auslöst, desto weniger Alarm. 

Sehr kleines Wohlbefinden als Einstieg:

  • Einen warmen Becher halten (nicht trinken müssen, nur halten)
  • Eine Textur berühren, die sich interessant anfühlt
  • Zehn Sekunden lang bewusst ausatmen – nicht mehr
  • Innere Verhandlung. Gibt es eine Ressource, der alle Anteile zustimmen können – oder gegen die zumindest niemand aktiv ist? Das ist oft ein guter Anfang.

Das System als eigene Ressource

Anteile können füreinander Ressourcen sein.

Wie das aussehen kann:

  • Ein stabilerer Anteil begleitet innerlich einen jüngeren, verängstigten Anteil
  • Ein Anteil mit viel Humor bringt Leichtigkeit, wenn das System in Schwere feststeckt
  • Ein Anteil, der gut mit Struktur kann, übernimmt Tagesplanung, wenn andere Teile zu überwältigt sind
  • Anteile mit spezifischen Fähigkeiten werden gezielt in Situationen gebeten, in denen ihre Fähigkeit gebraucht wird

Voraussetzung dafür:

Innerer Kontakt muss möglich sein. Das bedeutet nicht, dass alle Anteile sich gut verstehen oder kooperieren. Es bedeutet, dass es zumindest eine minimale Wahrnehmung der anderen gibt.
Wenn dieser Kontakt noch fehlt – das ist keine Kritik, dann ist das einfach der Stand. Innerer Kontakt zu entwickeln ist dann der erste Schritt, und der ist nicht klein.

Innere Ressourcenpersonen

Manche Systeme entwickeln mit der Zeit Anteile, die bewusst regulierende Funktionen übernehmen. Das kann organisch entstehen oder in der Therapie behutsam entwickelt werden.

Beispiel: Ein System hat einen Anteil, den alle „die Ruhige" nennen. Wenn das System in Panik gerät, gibt es eine Art inneres Signal: „Die Ruhige, kannst du vorne sein?" – und das hilft, die Gesamtaktivierung zu senken.


Äußere Ressourcen – was bei DIS zu beachten ist

Menschen als Ressource

Menschen können stabilisieren. Aber:
  • Nicht jeder Anteil erlebt dieselbe Person gleich. Anteil A mag jemanden, Anteil B hat Angst vor ihr.
  • Wenn eine Vertrauensperson nur einen Teil des Systems kennt, kann es sein, dass sie verwirrt oder überfordert reagiert, wenn jemand anderes „herauskommt". Das ist für das System oft schwierig zu handhaben.
  • Abhängigkeit von einzelnen Personen kann ein Problem werden, besonders wenn diese Person nicht immer verfügbar ist.
Was hilft: Mehrere Ressourcenpersonen haben statt eine. Und: Vertrauenspersonen informieren (soweit das möglich und gewollt ist), damit sie nicht aus dem Nichts mit einem unbekannten Teil konfrontiert werden.

Orte als Ressource

Ein Ort kann für manche Anteile Schutz bedeuten und für andere Enge oder Erinnerungen aktivieren. Das ist nicht immer vorhersehbar.

Sinnvoll: Orte bewusst auf verschiedene Anteile testen. Welcher Anteil fühlt sich wo wohl? Das kann man sich notieren.

Aktivitäten als Ressource

Bewegung, Kunst, Natur, Musik – das gilt auch bei DIS. Aber:

Wer macht die Aktivität gerade? Manchmal übernimmt mitten in einer Aktivität ein anderer Anteil – und der hat andere Interessen, einen anderen Körper-Bezug, ein anderes Tempo. Das kann sich anfühlen wie: plötzlich keine Lust mehr, plötzlich Erschöpfung, plötzlich Ablehnung.

Was hilft: Aktivitäten identifizieren, die für viele Anteile gleichzeitig okay sind – oder Aktivitäten, die man auch abbrechen kann, ohne dass das ein Problem ist.

Praktische Methoden und Werkzeuge

Ressourcenbox

Eine physische Box oder Tasche mit Gegenständen für verschiedene Anteile.

Beispielinhalt:
  • Kleines Kuscheltier (für kindliche Anteile)
  • Stein oder Muschel mit interessanter Textur (für Grounding)
  • Duftsäckchen oder Roll-On mit einem bestimmten Geruch
  • Karte mit einem Satz, der sich wahr und beruhigend anfühlt
  • Kopfhörer + Playlist auf dem Handy
  • Kleine Zeichnung oder Foto, das jemandem im System wichtig ist
Die Box ist greifbar, immer da, und kann in Krisen direkt genutzt werden, ohne erst nachdenken zu müssen.

Ressourcen-Anteilskarte

Wenn das System einigermaßen bekannt ist: Eine Übersicht, welche Ressource zu welchem Anteil gehört.
Format kann sein: Tabelle, Zettelwirtschaft, Zeichnung, digitale Notiz – was auch immer für das System funktioniert.

Beispiel:

AnteilNameRessource 1Ressource 2Was hilft NICHT
KindlichMiaKuscheltier, HörspieleWarme DeckeLaute Musik
JugendlichK.Bestimmte PlaylistSpaziergang alleinMenschenmassen
BeschützendKlare Struktur, PlanSportPassivität

Grounding – der Basisschritt vor allem anderen

Wenn das Nervensystem hochaktiv ist (Dissoziation, Panik, Freeze), können Ressourcen oft nicht landen. Dann ist der erste Schritt: ankommen.

Konkrete Grounding-Methoden:

Über Sinne:
  • 5 Dinge sehen, 4 hören, 3 berühren, 2 riechen, 1 schmecken (5-4-3-2-1)
  • Eiswürfel halten oder kaltes Wasser auf Handgelenke
  • Füße flach auf den Boden stellen, Druck spüren
  • Eine raue Oberfläche (Teppich, Wand) anfassen
Über den Körper:
  • Langsam ausatmen (länger als einatmen – das aktiviert den Parasympathikus)
  • Sich in eine Decke einwickeln
  • Schaukeln oder wippen (rhythmische Bewegung reguliert)
Über Orientierung:
  • Laut sagen, wo man ist: „Ich bin in meinem Zimmer. Es ist [Uhrzeit]. Heute ist [Datum]."
  • Einen vertrauten Gegenstand in die Hand nehmen und beschreiben
Erst wenn das Nervensystem grob runterreguliert ist, kann man zu einer echten Ressource übergehen.

Innerer sicherer Ort

Eine Visualisierungsübung: Ein imaginierter Ort, an dem sich das System sicher fühlt.

Achtung bei DIS: Ein innerer sicherer Ort sollte nicht nur für einen Anteil existieren, sondern für alle – oder er sollte als Ort explizit für bestimmte Anteile gestaltet sein.

Wie das entwickelt werden kann:
  • Fragen: Wie sieht dieser Ort aus? Was gibt es dort? Wer darf dorthin?
  • Der Ort kann gebaut werden wie ein echter Raum: Möbel, Licht, Temperatur, Geräusche
  • Wenn manche Anteile den Ort ablehnen: Was bräuchten sie, damit sie sich dort sicher fühlen?
Das ist ein Prozess. Nicht etwas, das in einer Therapiestunde fertig ist.


Die wichtigsten Punkte auf einen Blick:

AspektWas bei DIS gilt
Ressourcen sind universellNein – sie wirken anteilsspezifisch
Eine Ressource reichtNein – verschiedene Anteile brauchen verschiedene Ressourcen
Ressourcenarbeit ist immer willkommenNein – manche Anteile lehnen sie ab, aus nachvollziehbaren Gründen
Das Ziel ist WohlbefindenDas Ziel ist Stabilität – als Grundlage für weitere Arbeit
Ressourcen kommen von außenAuch das System selbst kann eine Ressource sein











Beliebte Posts aus diesem Blog

Unterschiede und Gemeinsamkeiten: DIS, Borderline, PTBS und KPTBS

Beziehungsaus bei DIS – warum Trennungen so schwer und so schmerzhaft sind

Impressum