DIS und AuDHS: Was passiert, wenn ein frühkindliches Trauma auf ein AuDHS-Nervensystem trifft

Warum die Kombination aus Autismus und ADHS das Risiko für Traumatisierung erhöht, wie sie Traumaverarbeitung beeinflusst – und was das für das Leben mit einem System bedeutet.

Für Systeme, Begleitende & Therapeuten

Inhalt:

  • Was ist AuDHS – und warum ist es mehr als die Summe seiner Teile?
  • AuDHS oder DIS oder beides? Herausforderungen in der Diagnostik
  • Wie DIS und AuDHS zusammen entstehen können
  • Wo sich DIS und AuDHS überschneiden – und verwechselt werden
  • Das AuDHS-Nervensystem unter Dauerstress: Burnout, Shutdown, Kollaps
  • Im System: Anteile, AuDHS und innere Dynamiken
  • Diagnostik: warum beides so häufig übersehen oder verwechselt wird
  • Was hilft – in Therapie und im Alltag

„Ich habe mein ganzes Leben das Gefühl gehabt, in zwei Richtungen gleichzeitig zerrissen zu werden. Eins von mir braucht Struktur und Vorhersagbarkeit. Ein anderes Teil dreht durch, wenn es zu wenig Reiz gibt. Und dann ist da noch das System – das noch mal andere Logiken hat, andere Bedürfnisse, andere Stimmen. Erst als ich den Begriff AuDHS zum ersten Mal gelesen habe, hat sich etwas entspannt. Nicht weil es einfacher wurde. Sondern weil es einen Namen hatte."

Dieses Zitat stammt von jemandem, der seit Jahren mit einem System lebt – und dessen Weg zur eigenen AuDHS-Erkenntnis durch das Labyrinth zweier übersehener Diagnosen führte, von denen jede einzelne schon zu lange unerkannt geblieben war. Es trifft etwas sehr Präzises: AuDHS ist nicht einfach Autismus plus ADHS. Es ist ein eigenes neurobiologisches Profil – mit eigenen Stärken, eigenen Herausforderungen, und einer eigenen Art, in der Welt zu sein. Und wenn frühkindliches Trauma dazukommt, entsteht eine Komplexität, welche derzeit noch kaum erforscht ist. 

Was ist AuDHS – und warum ist es mehr als die Summe seiner Teile?

AuDHS bezeichnet das gemeinsame Vorliegen von Autismus und ADHS in einer Person. Lange galten beide Diagnosen als gegenseitig ausschließend – das DSM-IV verbot die Doppeldiagnose explizit. Seit DSM-5 (2013) ist die Komorbidität offiziell anerkannt. Was die Forschung seitdem zunehmend zeigt: Das gemeinsame Auftreten ist häufiger als das getrennte. Schätzungen zufolge haben 50–70 % der autistischen Menschen auch ADHS-Symptome; bei Menschen mit ADHS liegen die Schätzungen für gleichzeitigen Autismus je nach Studie zwischen 20 und 50 %.

AuDHS ist dabei nicht einfach die Addition zweier Störungsbilder. Die Kombination erzeugt ein Nervensystem mit einem eigenen, manchmal widersprüchlichen Profil:

Das autistische Nervensystem braucht Vorhersagbarkeit, Routine und sensorische Kontrolle. Es verarbeitet Reize intensiv, braucht klare Strukturen und reagiert auf Unerwartetes oft mit Stress.

Das ADHS-Nervensystem braucht Neuheit, Stimulation und Abwechslung. Es kämpft mit Routine, leidet unter Unterstimulation und sucht aktiv nach Reiz.

Diese beiden Logiken existieren im AuDHS-Nervensystem gleichzeitig – nicht abwechselnd, nicht hierarchisch, sondern in einem permanenten, oft erschöpfenden Spannungsfeld. Wer AuDHS hat, kennt das Paradox: Routine ist notwendig und gleichzeitig unerträglich. Neue Reize sind belebend und gleichzeitig überwältigend. Soziale Situationen sind anziehend und abstoßend zugleich.

Dieses Paradox hat einen Namen, den viele AuDHS-Menschen selbst prägen: der innere Widerspruch. Er ist keine Fehlfunktion.-  Er ist das Nervensystem.


AuDHS oder DIS oder beides? – Herausforderungen in der Diagnostik

Wenn AuDHS auf frühkindliches Trauma trifft, und wenn aus diesem Trauma ein System entsteht, haben wir es mit drei Diagnosen zu tun, die sich gegenseitig auf eine Weise beeinflussen, die in der psychiatrischen Literatur kaum beschrieben ist.


Jede der drei Diagnosen – Autismus, ADHS, DIS – teilt Symptombereiche mit den anderen.
Wenn alle drei zusammenkommen, ist die diagnostische Situation nicht dreifach schwierig. 
Sie ist exponentiell schwieriger. 
Und die Wahrscheinlichkeit, dass alle drei erkannt werden, sinkt entsprechend.

Was in der klinischen Praxis immer wieder passiert: Eine Diagnose kommt zuerst – fast immer mit erheblicher Verzögerung. Die zweite folgt Jahre oder Jahrzehnte später. Die dritte kommt, wenn überhaupt, letzte – oder nie. Die Person lebt jahrelang mit einem Selbstbild, das immer nur Teilantworten liefert. Etwas stimmt, aber es stimmt nicht ganz. Etwas erklärt, aber nicht alles. Das Unbehagen bleibt.

Der Moment, in dem alle drei Diagnosen da sind, ist selten einfach. Er bringt keine Erleichterung im herkömmlichen Sinne. Er bringt: Neukontextualisierung. Das langsame, oft schmerzhafte Sortieren der Frage – was war wann woher? Was habe ich als Versagen meiner selbst erlebt, das eigentlich Neurobiologie war? Was habe ich als Persönlichkeitsmerkmal abgetan, das eigentlich Traumafolge war? Was habe ich überhaupt noch nicht benannt?

Wie DIS und AuDHS zusammen entstehen können

DIS entsteht aus schwerem, wiederholtem frühkindlichem Trauma in einer Entwicklungsphase, in der das Ich noch nicht stabil genug ist, um die Erfahrung zu integrieren. Das Nervensystem spaltet ab, was es nicht tragen kann.

AuDHS ist eine neurologische Grundstruktur. Sie ist von Geburt an vorhanden. Sie verändert sich nicht durch Erfahrung – aber sie beeinflusst erheblich, wie Erfahrungen gemacht, verarbeitet und abgespeichert werden.


Wenn beides zusammenkommt, bedeutet das:
Ein Kind mit einem AuDHS-Nervensystem erlebt schweres frühkindliches Trauma. 
Das AuDHS-Nervensystem beeinflusst, wie dieses Trauma erlebt und verarbeitet wird.
Und umgekehrt prägt das Trauma, welche Aspekte des AuDHS sichtbar bleiben, welche kompensiert werden und welche tief vergraben bleiben unter Schichten von Überlebensstrategie.

Das AuDHS-Nervensystem als Risikofaktor für Trauma

Autistische Kinder und Kinder mit ADHS haben beide statistisch erhöhte Risiken, Opfer von Missbrauch, Vernachlässigung und chronischem Stress zu werden. Wenn beides zusammenkommt, vervielfacht sich dieses Risiko.

Für das AuDHS-Nervensystem kommen spezifische Faktoren zusammen:

Das Kind kommuniziert Grenzen anders und wird seltener gehört. Gleichzeitig sucht es impulsiv nach Verbindung und Nähe – auch zu unsicheren Bezugspersonen. Es reagiert auf sensorische Überreizung und emotionale Dysregulation auf eine Weise, die von Erwachsenen als Trotz, Manipulation oder Sturheit fehlgedeutet wird – was zu Bestrafungen führt, die in traumatisierenden Umgebungen eskalieren. Es hat Schwierigkeiten, soziale Warnsignale zu lesen und gleichzeitig die Impulshemmung aufzubringen, nicht in riskante Situationen zu geraten. Und es hat möglicherweise keine verlässliche Sprache für das, was passiert – nicht weil es nicht spürt, sondern weil Alexithymie, Kommunikationsbesonderheiten und fehlendes soziales Feedback die Benennung verhindern.

Das AuDHS-Kind ist in einer traumatisierenden Umgebung auf eine bestimmte Art besonders schutzlos: Es fühlt viel, kann aber oft wenig benennen. Es braucht Verbindung, kann sie aber schlecht navigieren. Es reagiert intensiv, wird dafür aber bestraft, anstatt verstanden zu werden. Diese Kombination schafft ideale Bedingungen für chronische Traumatisierung – und damit für dissoziative Fragmentierung.

Beispiel: Annabelle, heute 31, hat mit 27 ihre AuDHS-Diagnose bekommen. Ihre DIS hat sie mit 24 verstanden. Rückblickend sieht sie: Als Kind war sie permanent in einem Zustand, den sie heute als „zu viel und zu wenig gleichzeitig" beschreibt – sensorisch überflutet, emotional allein, von Erwachsenen ständig als „schwierig" markiert. Der Missbrauch, den sie erlebte, wurde von niemandem gesehen. Ihr Verhalten, das auf Trauma hinwies, wurde als AuDHS-typische Dysregulation kategorisiert und bestraft. Sie wurde in beide Richtungen unsichtbar gemacht.

AuDHS beeinflusst, wie traumatische Fragmentierung aussieht

Das AuDHS-Nervensystem verarbeitet Reize, Emotionen und soziale Information auf eine Art, die sich von sowohl autistischer als auch ADHS-typischer Verarbeitung allein unterscheidet. Die innere Widersprüchlichkeit des Nervensystems – das Spannungsfeld zwischen Struktur und Chaos, zwischen Überempfindlichkeit und Reizhunger – kann sich in der Art und Weise niederschlagen, wie ein System sich intern organisiert.

Manche klinischen Beobachtungen legen nahe, dass Systeme mit AuDHS manchmal besonders vielstimmig und gleichzeitig besonders widersprüchlich strukturiert sind: Anteile mit klaren, fast schematischen Rollen und Bedürfnissen neben Anteilen, die chaotisch, impulsiv und unstrukturiert sind. Ruhebedürfnisse neben Aktivierungsbedürfnissen. Ordnung neben Unordnung. Das ist kein Zufall – es ist das innere Abbild eines Nervensystems, das in sich selbst schon widersprüchlich ist. Ob das kausal mit AuDHS zusammenhängt oder andere Gründe hat, ist nicht gesichert. Aber es ist eine Beobachtung, die immer wieder auftaucht.


Wo sich DIS und AuDHS überschneiden – und verwechselt werden

Die Überschneidungsbereiche von DIS und AuDHS sind umfangreicher als die von DIS mit Autismus oder ADHS allein – weil AuDHS beide Überschneidungsfelder gleichzeitig mitbringt, plus einige eigene.

MerkmalAuDHS oder DIS?
Starke Stimmungsschwankungen, die andere nicht nachvollziehenFrontingwechsel oder AuDHS-emotionale Dysregulation (Meltdown, RSD, Shutdown)
Gedächtnislücken und vergessene GesprächeDIS-Amnesie oder ADHS-Arbeitsgedächtnis oder autistisches Aufgehen in Zuständen
Schwierigkeit zu sagen, wer man istDissoziatives Selbstbild oder AuDHS-typische Identitätsdiffusion durch chronisches Scheitern und Masking
Unterschiedliches Auftreten in verschiedenen KontextenDIS-Anteile oder autistisches Masking oder ADHS-kontextabhängige Regulation
Innere Widersprüchlichkeit und UnruheInnere Systemkonflikte oder das AuDHS-Grundparadox selbst
Hyperfokus-Episoden mit ZeitverlustFrontingwechsel oder ADHS-Hyperfokus oder autistisches Monotropismus-Aufgehen
Impulsive Handlungen, die man nicht verstehtHandlungen eines frontenden Anteils oder ADHS-Impulskontrollschwäche
Sensorische Krisen ohne erkennbaren AuslöserTrauma-Trigger oder autistische sensorische Überempfindlichkeit oder beides verstärkt sich gegenseitig
Erschöpfungszustände, die nicht durch Schlaf behoben werdenTraumabedingter Erschöpfungszustand oder autistischer Burnout oder ADHS-Erschöpfung durch Überanpassung
Stimming und repetitive VerhaltensweisenAutistisches Stimming oder Grounding-Strategie eines traumatisierten Anteils oder ADHS-Bewegungsbedürfnis

Dieses Bild ist komplex – bewusst. Es soll nicht verwirren, sondern zeigen, warum schnelle diagnostische Urteile bei AuDHS-Systemen so häufig falsch sind. Fast jedes Symptom hat mindestens zwei oder drei mögliche Herkünfte. Gute Diagnostik braucht Zeit, Tiefe und das Wissen um alle Möglichkeiten gleichzeitig.


Was typisch AuDHS, was typisch DIS ist – und was beides ist

Das Grundparadox: Über- und Unterstimulation gleichzeitig

Das spezifisch AuDHS-typische Erleben von gleichzeitiger Über- und Unterstimulation hat kein direktes Äquivalent in DIS. Es ist neurologisch: Das autistische Nervensystem ist überempfindlich für bestimmte Reize, das ADHS-Nervensystem sucht gleichzeitig aktiv nach Stimulation. Daraus entsteht ein Zustand, der von außen chaotisch wirkt und von innen wie ein permanent laufender Motor in einem zu kleinen Raum.

Bei DIS kann innere Aktivierung ähnlich wirken – wenn ein System innen in Konflikt ist, wenn viele Anteile gleichzeitig aktiv sind, wenn Trigger und Reaktionen sich überschlagen. Aber die Herkunft ist anders: Das DIS-System reagiert auf äußere oder innere Bedrohungswahrnehmung. Das AuDHS-Nervensystem ist einfach so.

In der Praxis sind beide oft gleichzeitig aktiv: Das AuDHS-Nervensystem läuft auf Grundlautstärke, und das System reagiert darüber hinaus auf traumatische Trigger. Die Gesamtlautstärke ist entsprechend.

Masking, Stimming und Regulation

Autistisches Masking – das Verbergen des autistischen Selbst, das Imitieren neurotypischen Verhaltens – kostet allein schon enorm viel Energie. Beim AuDHS-Masking kommt hinzu, dass gleichzeitig ADHS-Symptome verborgen werden: die Impulsivität, die Unruhe, das Springen zwischen Themen, das Vergessen. Das ist doppeltes Masking – zwei verschiedene Neurodivergenzen gleichzeitig unsichtbar machen.

Stimming – repetitive Bewegungen oder Sinnesreize zur Selbstregulation – ist autistisch und häufig beim ADHS verwandt. Im AuDHS-Erleben ist Stimming oft besonders notwendig und wird besonders stark unterdrückt: weil es doppelt sichtbar macht, doppelt abweicht, doppelt erklärt werden müsste.

Bei DIS können Grounding-Strategien ähnlich aussehen wie Stimming – repetitive sensorische Inputs, die einen Anteil in der Gegenwart verankern. Was von außen wie Stimming aussieht, kann im System entweder autistisch-regulatorisch sein, traumabedingt-erdend, oder beides gleichzeitig.

Zeiterleben

Das AuDHS-Zeiterleben ist doppelt komplex: Das autistische Nervensystem kann in Momenten und Kontexten stark verhaftet sein, Zeit nur begrenzt als fließenden Strom wahrnehmen. Das ADHS-Nervensystem kennt nur zwei Zeiten: jetzt und nicht jetzt. Die Kombination ergibt ein Zeiterleben, das intensiv präsent und gleichzeitig völlig zukunftsblind ist – die Zukunft existiert kaum, die Vergangenheit existiert intensiv oder gar nicht.

DIS bringt eine weitere Zeitdimension: Amnesie. Zeit, die nicht nur subjektiv anders erlebt, sondern faktisch nicht zugänglich ist. Das AuDHS-Zeiterleben und DIS-Amnesie sind beide Formen von Zeitdiskontinuität – aber mit sehr verschiedenen Ursachen und Implikationen.

Für Menschen, die AuDHS haben und ein System sind, kann es schwer sein, überhaupt zu beurteilen, was Amnesie ist und was AuDHS-Zeitwahrnehmung. Beides ergibt das Bild eines Lebens, das in Inseln existiert, nicht in einer kontinuierlichen Geschichte. Das ist kein Versagen. Es ist das Ergebnis eines Nervensystems und einer Traumageschichte, die beide die Kontinuität von Erfahrung unterbrechen – jedes auf seine eigene Art.


Das AuDHS-Nervensystem unter Dauerstress: Burnout, Shutdown, Kollaps

Dreifacher Burnout

Autistischer Burnout entsteht, wenn die Kapazität für Masking und Anpassung vollständig erschöpft ist. ADHS-Burnout entsteht durch chronische Überanpassung an ein neurotypisches System, das ADHS-Nervensysteme systematisch überfordert. Traumabedingter Erschöpfungszustand entsteht, wenn das Nervensystem dauerhaft im Überlastungsmodus läuft.

Beim AuDHS-System mit Traumageschichte können alle drei gleichzeitig auftreten – sich gegenseitig auslösen, gegenseitig verstärken, zu einem Zustand führen, in dem buchstäblich nichts mehr geht. Dieser Zustand sieht von außen aus wie schwere Depression. Er hat andere Ursachen, eine andere Logik und braucht andere Antworten.

Ein wichtiger Unterschied: Depressive Erschöpfung reagiert häufig auf Antidepressiva. AuDHS-Burnout nicht – oder nur begrenzt. Traumaerschöpfung braucht Stabilisierung, nicht Aktivierung. Wer alle drei behandelt, als wären sie dasselbe, hilft nicht. Und wer nur eine behandelt, kommt nicht weiter.

Beispiel: Sandras System ist seit drei Monaten in einem Zustand, den er als „alles ist weg" beschreibt. Morgens aufstehen ist nicht möglich. Sprache ist nicht möglich. Das Schreiben, das sonst Halt gibt, ist weg. Seine Therapeutin, die jetzt alle drei Kontexte kennt, identifiziert: autistischer Burnout nach einem Jahr besonders intensiven Maskings im neuen Job; ADHS-Erschöpfung durch den Versuch, mit mehr Willenskraft zu kompensieren, was Medikation nicht aufgefangen hat; und ein traumatisierter Anteil, der durch einen Beziehungskonflikt reaktiviert wurde und seither sehr präsent ist. Keine der drei Ursachen ist die einzige. Keine kann allein behandelt werden.

Meltdown, Shutdown und Frontingwechsel – was ist was?

Im AuDHS-System mit DIS kann ein Meltdown – die neurologische Überflutungsreaktion bei sensorischer oder emotionaler Überlastung – von einem Frontingwechsel kaum zu unterscheiden sein. Ein Shutdown – der Rückzug nach innen, das Erstarren, das Nicht-mehr-sprechen-Können – sieht einem dissoziativen Zustand sehr ähnlich.

Was von innen passiert, ist möglicherweise beides gleichzeitig: Das autistische Nervensystem ist überflutet, und gleichzeitig tritt ein Anteil in den Vordergrund, der auf den Auslöser reagiert. Diese Zustände trennen zu wollen ist manchmal sinnvoll – und manchmal unnötig. Was sie teilen: Die Person braucht Sicherheit, Ruhe, keine Anforderungen, keine Reize. Was dahintersteckt, kann hinterher sortiert werden.

AuDHS-Meltdown und DIS-Frontingwechsel haben manchmal dieselbe Oberfläche:
plötzlich, intensiv, von außen kaum verstehbar.
Sie haben eine andere Logik – aber dieselbe Antwort:
Sicherheit zuerst. Verstehen danach.

 

Im System: Anteile, AuDHS und innere Dynamiken

AuDHS als Systemeigenschaft – mit anteilsspezifischen Ausdrucksformen

Da AuDHS eine neurologische Grundstruktur ist, ist sie prinzipiell eine Eigenschaft des gesamten Systems. Aber wie sie sich zeigt, variiert erheblich von Anteil zu Anteil.

Manche Anteile maskieren stark – sie haben sich früh darauf spezialisiert, in der Außenwelt zu funktionieren, und zeigen nach außen weder autistische noch ADHS-typische Züge. Andere zeigen beides unverblümt: direkten Sprachgebrauch, sensorische Reaktionen, Impulsivität, Sprunghaftigkeit. Wieder andere sind so stark in traumatische Reaktionen eingebunden, dass neurologische Grundmuster darunter kaum sichtbar sind.

Aus einer Systemerzählung: „Wir haben eine Maske, die in Meetings funktioniert. Die macht Augenkontakt, erinnert sich an Namen, hält den Faden. Dann gibt es jemanden, der kein Augenkontakt machen kann und vergisst, was gerade gesagt wurde, sobald jemand im Hintergrund raschelt. Und dann gibt es noch jemanden, der drei Projekte gleichzeitig beginnt und keines beendet, weil etwas Interessanteres aufgetaucht ist. Autismus, ADHS, und noch jemand, der ich bin, wenn ich allein bin. Das sind nicht wirklich drei verschiedene Menschen. Aber es fühlt sich manchmal so an."

Das innere Paradox: Wenn das System gegen sich selbst zieht

Das AuDHS-Grundparadox – Struktur versus Stimulation, Vorhersagbarkeit versus Neuheit – spiegelt sich im System in einer besonders herausfordernden Weise wider. Manche Anteile brauchen Ruhe und Ordnung: feste Tagesabläufe, bekannte Umgebungen, keine Überraschungen. Andere brauchen Aktivierung: Bewegung, neue Eindrücke, das Gefühl, dass etwas passiert. Traumatisierte Anteile brauchen möglicherweise Rückzug und Stille. Jüngere Anteile brauchen Verbindung und Spiel.

Das ergibt ein System, das sich manchmal wie vier verschiedene Nervensysteme anfühlt, die in einem Körper nach Kontrolle kämpfen. Keine Entscheidung befriedigt alle. Jede Routine ist für jemanden zu viel. Jede Abweichung ist für jemanden zu gefährlich. Jede neue Situation ist gleichzeitig aufregend und unerträglich.

Das ist kein Versagen der inneren Kooperation. Es ist das ehrliche Ergebnis eines Nervensystems, das schon allein widersprüchlich ist – und eines Systems, das darin noch einmal differenziert.

Innere Kommunikation im AuDHS-System

Das AuDHS-Nervensystem bringt beide neurobiologischen Kommunikationsstile gleichzeitig mit: die autistische Präzision und Direktheit, die nach Klarheit und expliziter Sprache verlangt, und die ADHS-Sprunghaftigkeit, die Gedanken springt, abbricht, startet, vergisst.

Im Kontext eines Systems kann das bedeuten: Die innere Kommunikation zwischen Anteilen ist gleichzeitig sehr direkt und sehr unstrukturiert. Klare Botschaften neben Gedankenchaos. Präzise innere Sprache neben Momenten, in denen niemand mehr weiß, wo das Gespräch gerade war.

Was helfen kann: Externalisierung. Aufschreiben. Systemjournale, Notizbücher, Apps, die das halten, was das Arbeitsgedächtnis loslässt. Für AuDHS-Systeme ist das nicht nur ein therapeutischer Tipp – es ist oft eine echte neurologische Notwendigkeit. Gedanken, die nach außen gebracht werden, sind Gedanken, die bleiben. Und Gedanken, die bleiben, können Grundlage von innerer Kommunikation sein, die tatsächlich ankommt.


Diagnostik: warum beides so häufig übersehen oder verwechselt wird

Warum AuDHS übersehen wird, wenn DIS vorhanden ist

Wenn DIS im Mittelpunkt steht, wird fast alles durch das Traumaframing erklärt. Und das Traumaframing ist nicht falsch – es erklärt echte Dinge. Aber es erklärt nicht alles. AuDHS-Symptome, die biologische Grundstruktur sind, verschwinden im Traumaframing wie in einem zu starken Filter: Sensorische Besonderheiten werden als Dissoziation gelesen. Kommunikationsbesonderheiten werden einem Anteil zugeschrieben. Strukturbedürfnis wird als traumatische Kontrollstrategie gerahmt. Impulsivität wird als Traumareaktion kategorisiert.

Das ist nicht böswillig. Es ist das Ergebnis eines Wissenssystems, das AuDHS und DIS bisher fast nie gemeinsam denkt.

Warum DIS übersehen wird, wenn AuDHS vorhanden ist

Umgekehrt: Das AuDHS-Nervensystem macht es schwer, dissoziative Symptome klar zu benennen. Alexithymie – die Schwierigkeit, innere Zustände wahrzunehmen und zu benennen – ist sowohl bei Autismus als auch bei Dissoziation häufig. Ein AuDHS-Kind, das keine verlässliche Sprache für innere Zustände hat, gibt keine klassischen Signale für Dissoziation. Amnestische Episoden werden als ADHS-Vergessen abgetan. Verhaltensänderungen, die auf Frontingwechsel hinweisen, werden als kontextabhängiges Masking erklärt.

Und bei Erwachsenen: Wer gerade frontet, beeinflusst das Diagnosegespräch erheblich. Ein organisierter Alltagsanteil in einer Diagnostiksitzung macht einen ganz anderen Eindruck als ein jüngerer, dysregulierter Anteil – und wer die AuDHS-Maske aufhat, klingt möglicherweise gar nicht dissoziert.

Was gute Diagnostik für AuDHS-Systeme braucht

Gute Diagnostik braucht Zeit – deutlich mehr als üblich. Sie braucht Fachleute, die Autismus, ADHS und DIS gleichzeitig kennen. Sie braucht die Bereitschaft, alle drei Möglichkeiten für jedes Symptom gleichzeitig im Blick zu behalten.

Einige Fragen, die in einem guten Prozess auftauchen sollten: Gibt es Muster, die unabhängig von traumatischen Triggern stabil sind? Gibt es Berichte aus der Kindheit über Verhalten, das vor bekanntem Trauma bestand? Gibt es sensorische Erfahrungen, die nicht durch Trigger erklärbar sind? Gibt es Aufmerksamkeits- und Regulationsprobleme auch in ruhigen, sicheren Phasen? Gibt es Anteile, die mit diesen Fragen sehr unterschiedlich umgehen?


Was hilft – in Therapie und im Alltag

In der Therapie: drei Rahmen, nicht einer

Gute Therapie für AuDHS-Systeme braucht drei konzeptionelle Rahmen gleichzeitig: das Traumamodell, das autistische Modell und das ADHS-Modell. Alle drei sind wahr. Alle drei erklären unterschiedliche Dinge. Und eine Intervention, die im einen Rahmen sinnvoll ist, kann im anderen kontraproduktiv sein.

Traumatherapeutische Stabilisierungsübungen setzen oft sensorisches Grounding voraus – das für autistische Nervensysteme kontraproduktiv sein kann. Strukturierte Sitzungen, die für ADHS-Nervensysteme notwendig sind, können für Traumaarbeit zu wenig Offenheit lassen. Und Exposition als Traumatechnik kann bei gleichzeitig sensorischer Überempfindlichkeit zu einer Reizüberflutung führen, bevor therapeutische Arbeit stattfinden kann.

Das heißt nicht, dass Therapie nicht funktioniert. Es heißt: Gute Therapeuten fragen dreifach. Was braucht dieses System therapeutisch? Was verträgt dieses Nervensystem neurologisch? Und was können wir heute – mit diesem Anteil, in diesem Moment – sinnvoll tun?

Beispiel aus der Therapiepraxis: Isabelles Therapeutin hat jahrelang mit langen, offenen Sitzungen gearbeitet und Grounding-Techniken eingesetzt, die körperorientiert waren. Was passierte: sensorische Überflutung durch Körperwahrnehmungsübungen (autistisch), Verlust des Gesprächsfadens durch das offene Format (ADHS), Amnesie für Sitzungsinhalte (DIS). Erst als sie auf kürzere, klar strukturierte Einheiten umstellten, rein kognitive Grounding-Strategien einführten und Isabelle anfing, Sitzungsnotizen zu führen, begann etwas anzukommen. Nicht eine Anpassung hat das ermöglicht – alle drei zusammen.

Die Paradoxie der Struktur

Struktur ist für AuDHS-Systeme gleichzeitig lebensnotwendig und widerständig. Das autistische Nervensystem braucht sie für Sicherheit. Das ADHS-Nervensystem kämpft gegen sie. Traumatisierte Anteile brauchen Vorhersagbarkeit. Andere Anteile brechen jede Routine auf, sobald sie zu fest wird.

Was hilft: Strukturen, die flexibel genug sind, um das ADHS-Nervensystem nicht zu erstickend, und stabil genug, um das autistische Nervensystem nicht zu destabilisieren. Das klingt abstrakt – in der Praxis bedeutet es oft: klare Anker bei freier Ausfüllung. Ein fester Morgenritus, der aber inhaltlich variieren darf. Ein festes Format für Tage, das Platz für Sprunghaftigkeit lässt. Eine innere Systemstruktur, die bekannte Rollen gibt, ohne Starrheit zu verlangen.

Das erarbeitet sich nicht schnell. Es erarbeitet sich gemeinsam – mit dem System als Ganzem, nicht als Verordnung von außen.

Selbstoffenbarung und doppelte Unsichtbarkeit

AuDHS-Systeme navigieren eine dreifache Unsichtbarkeit: Autismus ist unsichtbar. ADHS ist unsichtbar. DIS ist unsichtbar. Alle drei werden häufig nicht geglaubt. Alle drei erfordern Erklärung, die Energie kostet und Verletzlichkeit erfordert.

Es gibt keine Pflicht, sich vollständig zu erklären. Es gibt keine Hierarchie, welche Diagnose zuerst genannt wird. Und es gibt kein richtiges Maß an Selbstoffenbarung – nur das, das gerade für das System als Ganzes tragbar ist.

Was es erleichtert: Menschen, die aufgehört haben zu fragen, warum man die Verabredung vergessen hat. Die nicht überrascht sind, wenn heute jemand anderes klingt als gestern. Die verstehen, dass manche Tage sensorisch nicht möglich sind – und andere voller Energie. Diese Menschen sind selten. Aber sie existieren.

Selbstverstehen als fortlaufender Prozess

Wer mit DIS und AuDHS lebt, kommt oft erst relativ spät im Leben zu einem vollständigen Bild der eigenen inneren Welt. Die Puzzleteile kommen nach und nach – und oft kommen die AuDHS-Teile und die DIS-Teile aus verschiedenen Richtungen, brauchen verschiedene Sprachen, verschiedene Gemeinschaften, verschiedene Erklärungsmodelle.

Das Selbstverstehen hört nicht auf, wenn alle Diagnosen da sind. Welche Anteile sind besonders AuDHS-geprägt? Was ist Neurologie, was ist Trauma, was ist beides? Was brauche ich – welcher Teil von mir – gerade wirklich? Diese Fragen sind keine Probleme. Sie sind ein Prozess.

Wenn du ein System bist und AuDHS hast: alles davon hat eine Geschichte, eine Logik, einen Grund. Nichts davon ist deine Schuld. Und alles davon verdient Verständnis – von außen, und von dir selbst.


Quellenverzeichnis

Zur Forschungslage: Peer-reviewed Literatur, die AuDHS (Autismus und ADHS komorbid) und Dissoziative Identitätsstörung gemeinsam untersucht, existiert nach aktuellem Stand praktisch nicht. Die folgende Liste deckt die relevanten Teilbereiche ab. Das Fehlen gemeinsamer Forschung ist selbst ein Befund.

Dissoziation & DIS

Van der Hart, O., Nijenhuis, E. R. S., & Steele, K. (2006). The Haunted Self: Structural Dissociation and the Treatment of Chronic Traumatization. W. W. Norton & Company.

Herman, J. L. (1992). Trauma and Recovery. Basic Books.

Brand, B. L., Loewenstein, R. J., & Spiegel, D. (2014). Dispelling myths about dissociative identity disorder treatment. Psychiatry: Interpersonal and Biological Processes, 77(2), 169–189.

Autismus und ADHS als Komorbidität (AuDHS)

Leitner, Y. (2014). The co-occurrence of autism and attention deficit hyperactivity disorder in children – what do we know? Frontiers in Human Neuroscience, 8, 268.

Antshel, K. M., Zhang-James, Y., Wagner, K. E., Ledesma, A., & Faraone, S. V. (2016). An update on the comorbidity of ADHD and ASD: a focus on clinical management. Expert Review of Neurotherapeutics, 16(3), 279–293.

Lau-Zhu, A., Fritz, A., & McLoughlin, G. (2019). Overlaps and distinctions between attention deficit/hyperactivity disorder and autism spectrum disorder in young adulthood: Systematic review and guiding framework for EEG-imaging research. Neuroscience & Biobehavioral Reviews, 96, 93–115.

Autismus – Masking & Burnout

Hull, L., Petrides, K. V., Allison, C., Smith, P., Baron-Cohen, S., Lai, M.-C., & Mandy, W. (2017). „Putting on My Best Normal": Social Camouflaging in Adults with Autism Spectrum Condition. Journal of Autism and Developmental Disorders, 47(8), 2519–2534.

Raymaker, D. M. et al. (2020). „Having All of Your Internal Resources Exhausted Beyond Measure and Being Left with No Clean-Up Crew": Defining Autistic Burnout. Autism in Adulthood, 2(2), 132–143.

ADHS – Emotionale Dysregulation & Trauma

Shaw, P., Stringaris, A., Nigg, J., & Leibenluft, E. (2014). Emotion dysregulation in attention deficit hyperactivity disorder. American Journal of Psychiatry, 171(3), 276–293.

Ouyang, L., Fang, X., Mercy, J., Perou, R., & Grosse, S. D. (2008). Attention-deficit/hyperactivity disorder symptoms and child maltreatment. Journal of Pediatrics, 153(6), 851–856.

Alexithymie bei Autismus und Dissoziation

Bird, G., & Cook, R. (2013). Mixed emotions: The contribution of alexithymia to the emotional symptoms of autism. Translational Psychiatry, 3, e285.

Frewen, P. A., Dozois, D. J. A., Neufeld, R. W. J., & Lanius, R. A. (2008). Meta-analysis of alexithymia in posttraumatic stress disorder. Journal of Traumatic Stress, 21(2), 243–246.

Unterdiagnose bei Frauen und nicht-binären Menschen

Lai, M.-C. et al. (2015). Sex/gender differences and autism. Journal of Child Psychology and Psychiatry, 56(12), 1241–1342.

Quinn, P. O., & Madhoo, M. (2014). A review of attention-deficit/hyperactivity disorder in women and girls. The Primary Care Companion for CNS Disorders, 16(3).

Leitlinien

International Society for the Study of Trauma and Dissociation (ISSTD) (2011). Guidelines for Treating Dissociative Identity Disorder in Adults, Third Revision. Journal of Trauma & Dissociation, 12(2), 115–187.

Beliebte Posts aus diesem Blog

Unterschiede und Gemeinsamkeiten: DIS, Borderline, PTBS und KPTBS

Beziehungsaus bei DIS – warum Trennungen so schwer und so schmerzhaft sind

Impressum