Co-Regulation bei Dissoziativer Identitätsstörung - wenn Sicherheit von außen kommt


Was bedeutet "Co-Regulation"?

Co-Regulation ist keine Technik, die man anwendet. Sie ist auch keine Methode, die man lernt wie Atemübungen oder progressive Muskelentspannung. Co-Regulation ist ein biologischer Prozess – so fundamental wie Atmen oder Schlafen.

Das menschliche Nervensystem ist von Grund auf ein soziales Organ. Es ist nicht dafür gebaut, alleine zu regulieren. In der frühen Kindheit ist das besonders deutlich: Ein Säugling hat keinerlei Kapazität zur Selbstregulation. Wenn er schreit, kommen Stresshormone hoch – Cortisol flutet den Körper, das Herz rast, der Atem wird flach. Die einzige Möglichkeit, diesen Zustand wieder zu verlassen, ist eine regulierende Außenperson: eine Bezugsperson, die kommt, trägt, wiegt, spricht, wärmt. Das Nervensystem des Kindes synchronisiert sich mit dem der Bezugsperson. Es beruhigt sich – nicht weil das Kind etwas gelernt hat, sondern weil das Nervensystem der Erwachsenen buchstäblich die Regulation übernimmt.

Dieses Prinzip verschwindet nie vollständig. Auch als Erwachsene regulieren wir uns ständig gegenseitig – meistens ohne es zu merken.

Stell dir vor, du sitzt im Wartezimmer beim Arzt, nervös wegen einer Diagnose. Eine fremde Person betritt den Raum, setzt sich, atmet gleichmäßig, blättert ruhig in einer Zeitschrift. Ohne dass ihr ein Wort gewechselt habt, wirst du vielleicht ein kleines Stück ruhiger. Das ist Co-Regulation.

Oder: Du bist aufgewühlt nach einem Streit. Deine beste Freundin ruft an. Sie sagt gar nichts Besonderes – aber ihre Stimme, ihr Atemrhythmus, die Art, wie sie einfach zuhört, lässt etwas in dir weicher werden. Auch das ist Co-Regulation.

Stephen Porges' Polyvagal-Theorie erklärt, warum das funktioniert. Unser Nervensystem scannt permanent – weit unterhalb der bewussten Wahrnehmung – die Umgebung nach Signalen für Sicherheit oder Gefahr. Dieser Prozess heißt Neurozeption. Signale kommen dabei nicht primär über den Inhalt von Sprache, sondern über:
  • Prosodische Merkmale der Stimme (Tonhöhe, Rhythmus, Melodie – nicht die Worte)
  • Mimik, besonders die obere Gesichtshälfte
  • Körperhaltung und Bewegungsrhythmus
  • Augenkontakt (Intensität, Dauer, Qualität)
  • Berührung (Druck, Wärme, Tempo)
  • Geruch (besonders bei nahen Bezugspersonen)
Das Entscheidende: Das alles passiert, bevor wir darüber nachdenken. Die Neurozeption ist schneller als das kognitive Bewusstsein. Wir fühlen uns bei jemandem sicher oder nicht – oft bevor wir überhaupt wissen warum.

Die Grundlage: Was in der Kindheit eigentlich passieren sollte

Um zu verstehen, warum Co-Regulation bei DIS so komplex ist, muss man kurz verstehen, was unter günstigen Umständen passiert.

Ein Kind, das wiederholt und verlässlich co-reguliert wird, lernt dabei etwas: Es internalisiert die regulierende Funktion. Das Nervensystem macht eine Art Gedächtnis – nicht in Worten, sondern im Körper. „Wenn ich aufgewühlt bin, wird das besser. Ich habe das schon viele Male überlebt. Es gibt Menschen, die da sind." Dieses verkörperte Wissen ist die Basis für Selbstregulation.

Daniel Stern, ein Entwicklungspsychologe, hat beschrieben, wie Säuglinge sogenannte RIGs aufbauen – „Representations of Interactions that have been Generalized". Übersetzt: Das Kind speichert nicht einzelne Erinnerungen an Momente der Fürsorge, sondern generalisierte Muster. „Wenn ich Not habe, kommt jemand." Dieses Muster wird zu einer inneren Ressource.

(Wenn du dich irgendwann selbst beruhigen kannst, bedeutet das nicht, dass du Co-Regulation nicht mehr brauchst oder nie gebraucht hättest. Es bedeutet, dass du Co-Regulation so oft erlebt hast, dass sie sich in dir drin abgespeichert hat: Du hast sie verinnerlicht.
Stell es dir so vor: Jemand hat dir früher immer gesagt „Atme tief durch, das geht vorbei" – und irgendwann sagst du das zu dir selbst, ohne darüber nachzudenken. Die Stimme von außen ist zur inneren Stimme geworden. Selbstregulation ist also nicht das Gegenteil von Co-Regulation. Sie ist Co-Regulation – nur von innen) .

Was passiert, wenn diese Grundlage nicht gelegt wird?

Wie DIS entsteht – und was das für das Nervensystem bedeutet

DIS entsteht durch anhaltende, schwere Traumatisierungen in der frühen Kindheit, die das Bewusstsein des Kindes so überfordern, dass es keine andere Möglichkeit hat, als sich zu fragmentieren. Das ist kein Versagen – das ist eine außerordentliche Überlebensstrategie.

Und diese Traumatisierungen passieren in aller Regel nicht durch Fremde in einmaligen Ereignissen, sondern durch primäre Bezugspersonen – also genau die Menschen, die für Co-Regulation zuständig gewesen wären.

Was das für das Nervensystem bedeutet, ist kaum zu überschätzen:
  • Die Person, die eigentlich Sicherheit hätte sein sollen, war Quelle der Gefahr.
  • Die Situation, die eigentlich Trost hätte bringen sollen – Nähe, Berührung, eine bestimmte Stimme – war mit Bedrohung verbunden.
  • Das Nervensystem hat eine sehr klare Konsequenz daraus gezogen: Nähe und Regulierung durch andere Menschen ist gefährlich.
Ein Kind, das lernt, dass die Mutter manchmal zärtlich und manchmal gewalttätig ist, löst dieses Problem nicht durch Rationalität – es kann noch nicht rational denken. Es löst es, indem es Teile seiner Wahrnehmung und Erfahrung voneinander trennt. Die „gute Mutter" existiert in einem Zustand, die „gefährliche Mutter" in einem anderen. So kann das Kind überleben, ohne dauerhaft in Panik zu sein.

Diese Lösung – die Dissoziation – ist brillant. - Hat aber ihren Preis. 

Das System und Co-Regulation: Wer sitzt eigentlich am Steuer?

Hier beginnt die eigentliche Komplexität. Bei DIS gibt es nicht eine Person, die Co-Regulation erlebt oder ablehnt. Es gibt ein System aus Persönlichkeitsanteilen – und diese Anteile können in Bezug auf Co-Regulation fundamental unterschiedlich aufgestellt sein.

Anteile mit starkem Bedürfnis nach Co-Regulation

Das sind oft jüngere Anteile, die nah an den ursprünglichen Bedürfnissen des traumatisierten Kindes sind. Sie wollen Nähe. Sie suchen Verbindung. Sie sehnen sich nach genau dem, was gefehlt hat.

Valentina, 34, lebt mit DIS. Wenn sie einen Streit mit ihrem Partner hat und sich versöhnen, beschreibt sie: „Dann gibt es einen Teil von mir, der einfach nur gehalten werden will. Der könnte stundenlang einfach so dasitzen, angelehnt an sie. Das fühlt sich an wie Ankommen."

Anteile, die Co-Regulation aktiv abwehren

Das sind oft Anteile mit Schutzfunktionen. Sie haben gelernt, dass Nähe der Weg in die Gefahr ist. Sie übernehmen die Kontrolle, wenn Co-Regulation angeboten wird – und sorgen dafür, dass der Kontakt abbricht.

Valentina weiter: „Und dann gibt es einen anderen Teil, der in genau diesem Moment aufsteht und sagt: 'Fass mich nicht an.' Der will raus aus der Situation. Der findet die Umarmung unerträglich, obwohl... obwohl da auch ein Teil ist, der sie braucht. Ich weiß, das klingt verrückt."

Es klingt nicht verrückt. Es ist die logische Folge eines Systems, das gelernt hat, dasselbe gleichzeitig zu brauchen und zu fürchten.

Anteile, die Co-Regulation nicht wahrnehmen

Manche Anteile sind so weit vom Körpergefühl abgeschnitten – durch Depersonalisation, Taubheit, oder eine stark intellektuelle Ausrichtung – dass sie Regulierung gar nicht erleben können. Nicht ablehnen, nicht suchen. Einfach: kein Zugang.

Sarah, 28, beschreibt einen Anteil so: „Der ist einfach... kalt? Nicht unfreundlich, aber wenn jemand zu nahe kommt, registriert sie das wie eine Information. 'Person ist 30 Zentimeter entfernt.' Keine emotionale Valenz dazu. Keine Wirkung."

Anteile, die Co-Regulation geben – nach innen

Manche Systeme entwickeln innere Anteile, die regulierende Funktionen für andere Teile des Systems übernehmen. Das ist eine wertvolle Ressource, die in der Therapie gestärkt werden kann.

Mira, 41: „Ich habe eine innere Figur, die ich 'die Ruhige' nenne. Wenn ein kleinerer Anteil in Panik gerät, taucht sie manchmal auf – nicht immer, und ich kann sie nicht erzwingen. Aber wenn sie da ist, beruhigt sich das System irgendwie von innen. Ich weiß nicht, wie ich das besser erklären soll."

Was konkret passiert – und warum es so verwirrend wirkt

Das Januskopf-Phänomen: gleichzeitiges Wollen und Ablehnen

Ein stark verwirrendes Erleben für Menschen mit DIS und ihre Umgebung ist, wenn Co-Regulation im System gleichzeitig gesucht und abgewehrt wird. Von außen sieht das wie Ambivalenz oder widersprüchliches Verhalten aus. Von innen ist es ein echter, oft schmerzhafter Konflikt.

Beispiel: Sabine hat Angst. Ihre Therapeutin bietet an, kurz nebeneinander zu sitzen, ohne zu reden. Sabine nickt. Kaum sitzt sie neben ihr, zieht Sabine den Stuhl ein Stück weg, verschränkt die Arme, schaut weg. Kurz danach lehnt sich Sabine minimal vor – als würde er sich unbewusst annähern wollen. Dann wieder weg.

Was in Sabine passiert: Ein Anteil hat dem Angebot zugestimmt und ist erleichtert. Ein anderer Anteil hat die körperliche Nähe registriert und Alarm geschlagen – das Nervensystem kennt Nähe als Vorboten von Gefahr. Ein dritter Anteil weiß rational, dass die Therapeutin sicher ist, kann das aber nicht ins Körpererleben übersetzen.

Das ist ein System, das versucht, gleichzeitig zu überleben und zu heilen.

Triggering durch Co-Regulations-Angebote

Bestimmte Gesten, die bei anderen Menschen beruhigend wirken, können bei DIS einen Anteil triggern, der diese spezifische Geste mit Gefahr verbindet. Das ist keine Überreaktion – das ist das Nervensystem, das eine gelernte Verbindung aktiviert.

Annas Therapeutin tippt ihr beim Verabschieden kurz auf die Schulter – eine Geste, die gut gemeint ist. In Anna taucht augenblicklich ein Anteil auf, der Panik empfindet und sich nicht erklären kann warum. Erst später, in der Therapie, wird deutlich: Diese spezifische Geste – Schulter, von hinten – war eine Geste, die ein Täter vor dem Missbrauch gemacht hat.

Die Therapeutin hat nichts falsch gemacht. Aber das Nervensystem kennt keinen Unterschied zwischen dem damals und dem jetzt. Es reagiert auf die sensorischen Merkmale, nicht auf die Absicht dahinter.

Freeze als Scheinregulation

Manchmal wirkt ein Mensch mit DIS nach einem Co-Regulations-Angebot plötzlich ruhig. Ruhiger als vorher. Entspannter. Der Konflikt scheint vorbei zu sein.

Das kann echte Regulation sein. Es kann aber auch ein Shutdown sein – ein Erstarren des Nervensystems als Schutzreaktion. Der Unterschied von außen ist kaum zu sehen.

Hannah ist in einer Krisensituation. Ihr Freund setzt sich neben sie, redet ruhig, hält ihre Hand. Nach ein paar Minuten scheint Hannah ruhiger zu werden. Ihr Gesicht wird ausdruckslos, sie antwortet einsilbig, sitzt sehr still.

Was ihr Freund annimmt: Sie beruhigt sich. Was tatsächlich passiert: Ein Anteil ist in den Shutdown gegangen. Das Nervensystem hat kapituliert, nicht entspannt. Der Unterschied: Echte Regulation fühlt sich von innen wärmer an, mehr geerdet. Shutdown fühlt sich leer an, abgeschnitten, als wäre man hinter Glas. Hannah selbst merkt den Unterschied oft erst hinterher – wenn der Shutdown nachlässt und sie merkt, wie erschöpft sie eigentlich ist.

Dissoziation mitten in der Verbindung

Co-Regulation braucht Verbindung, Präsenz, Kontakt. 
Aber genau Verbindung, Präsenz und Kontakt können triggern.

Das kann dazu führen, dass mitten in einem gelungenen Co-Regulations-Moment ein Anteil wechselt, der nicht in der Situation ist und die Verbindung unterbricht – ohne dass es dafür eine bewusste Entscheidung gibt.

Sophie und ihre Therapeutin haben gerade einen guten Moment. Sophie spricht über etwas Wichtiges, die Therapeutin ist ganz präsent, nickt, spiegelt zurück. Dann – mitten im Satz – bricht Sophie ab. Sie schaut zur Seite. Wenn sie wieder spricht, ist die Stimme leicht verändert, das Thema gewechselt, die Verbindung weg. Ein anderer Anteil ist da.
Der Anteil, der jetzt vorne ist, weiß nicht von dem Moment davor. Die Therapeutin schaut auf jemanden, der eben noch da war – und jetzt nicht mehr.

Das Problem mit der Kontinuität – Sicherheitserfahrungen akkumulieren nicht automatisch

Selbst wenn Co-Regulation gelingt – selbst wenn ein Anteil eine wirklich gute, regulierende Erfahrung macht – ist diese Erfahrung nicht automatisch für alle Anteile zugänglich.

Das gehört zu den frustrierenden Merkmale der DIS-Dynamik, sowohl für Betroffene als auch für Bezugspersonen.

Tanja hat eine gute Woche gehabt. Sie hat sich in Gegenwart ihrer Therapeutin sicher gefühlt, hat entspannt, hat eine Co-Regulations-Erfahrung gemacht, die sich verankert hat. Beim nächsten Termin ist ein anderer Anteil vorne – einer, der die Therapeutin fast nicht kennt, für den jedes Mal wieder fast Neuanfang ist. Die Erfahrung der letzten Woche existiert für diesen Anteil nicht.
Tanja sagt hinterher: „Es ist, als würde ich immer wieder von vorne anfangen. Als könnte ich nicht sammeln. Als wäre da ein Eimer mit einem Loch."

Deshalb ist systemweite Kommunikation – das Teilen von Erfahrungen zwischen Anteilen – ein so wichtiger Teil der Therapiearbeit bei DIS.

Was konkret helfen kann 

Vorhersehbarkeit vor Intensität

Das Nervensystem entspannt sich an dem, was es kennt und als verlässlich einschätzen kann. Eine gleichmäßige, bekannte Stimme, ein immer gleicher Begrüßungsritual, ein vertrauter Geruch – das alles gibt dem Nervensystem Orientierung. Das ist oft mächtiger als eine besonders warmherzige, aber intensive Geste.

Beate, die Freundin von Luna (DIS), hat gelernt, dass sie Luna am Telefon immer gleich mit denselben Worten begrüßt: „Hey, ich bin's. Ich hab Zeit." Nicht immer, und nicht ritualisiert bis zur Starrheit – aber oft genug, dass es vertraut ist. Luna sagt: „Schon diese drei Sätze machen etwas mit meinem Nervensystem. Bevor wir auch nur über irgendetwas gesprochen haben."

Fragen statt Annahmen – Kontrolle zurückgeben

Kontrolle ist das, was in traumatischen Erfahrungen fundamental gefehlt hat. Kontrolle zurückzugeben – auch in kleinen Dingen – ist eine der wirkungsvollsten Formen der Unterstützung.
  • Statt: einfach die Arme öffnen für eine Umarmung
  • Besser: „Würde dir gerade Körperkontakt gut tun, oder lieber nicht?"
  • Statt: sich neben jemanden setzen, der gerade aufgewühlt ist
  • Besser: „Darf ich neben dich, oder brauchst du mehr Abstand?"
  • Statt: zu versuchen, jemanden aufzumuntern
  • Besser: „Was wäre gerade hilfreich für dich? Reden, Stille, zusammen sein, alleine sein?"
Das klingt vielleicht bürokratisch. In der Praxis bewirkt es etwas Wichtiges: Es gibt dem System Zeit, sich zu sortieren – und es signalisiert: Deine Grenzen werden respektiert. Das ist selbst regulierend.

Körperliche Co-Regulation durch Wahlmöglichkeit

Nicht alle Anteile wollen dasselbe. Körperliche Nähe ist nicht universell hilfreich – manchmal ist Distanz das, was Sicherheit schafft.

Wenn Annika in einem schwierigen Zustand ist, hat sie mit ihrer Therapeutin besprochen, dass es verschiedene Optionen gibt: Annika kann im selben Raum bleiben, aber Abstand halten. Sie kann mit einer ruhigen Stimme sprechen, ohne die Therapeutin dabei anzusehen. Annika kann eine schwere Decke holen. Sie kann den Raum kurz verlassen, damit sie Luft hat, aber die Tür offenlassen. Annika wählt jedes Mal. Das Wählen selbst ist Teil der Regulation.

Übergangsobjekte – Co-Regulation, wenn die Person nicht da ist

Für viele Menschen mit DIS gibt es Zeiten, in denen Co-Regulation gebraucht wird, aber keine regulierende Person verfügbar ist. Übergangsobjekte können hier eine Brücke bauen.

Emilias Therapeutin hat ihr einmal ein kurzes Audio aufgenommen – nur zwei Minuten, eine ruhige Stimme, die sagt, dass Emilia sicher ist, dass sie nicht alleine ist. Emilia hört das Audio manchmal nachts. „Es ist nicht dasselbe wie wirklich mit ihr zu reden. Aber es ist genug, um durch die Nacht zu kommen."

Kai trägt eine Jacke seiner Mutter (die jetzt sicher ist – in einer späteren Phase seines Lebens) manchmal beim Einschlafen. Der Geruch aktiviert etwas im Nervensystem, das er nicht erklären kann, aber das funktioniert.

Übergangsobjekte sind keine infantile Regression. Sie sind eine kluge Nutzung der Tatsache, dass das Nervensystem assoziativ funktioniert – und dass Sicherheitssignale auch ohne körperliche Präsenz der Person wirken können.

Sensorische Anker – Regulation über den Körper

Weil viele Anteile schwer über Sprache oder Kognition zu erreichen sind, kann es helfen, direkt über sensorische Erfahrungen zu gehen:

  • Wärme: Heiße Getränke, Wärmflasche, warmes Wasser – Wärme aktiviert den ventralen Vagusast, der mit Sicherheit assoziiert ist
  • Gewicht: Schwere Decken (Gewichtsdecken) geben propriozeptiven Input, der das Nervensystem erdet
  • Rhythmus: Schaukeln, Wiegen, rhythmisches Klopfen – Rhythmus ist ein uraltes Regulationssignal (Herzschlag, Schritte, Atem)
  • Geruch: Vertraute, angenehme Gerüche können sofort regulierend wirken, weil das Geruchssystem direkt mit dem limbischen System verbunden ist
Wenn Nora in einer schwierigen Nacht nicht schlafen kann, macht sie sich Tee – nicht wegen der Wirkung des Tees, sondern wegen der Wärme der Tasse, des Dampfes, des Geruchs. „Das holt mich in den Körper zurück. Ein kleines Stück wenigstens."

In der Therapie: Sicherheit vor Inhalt

Eines der größten Missverständnisse in der Traumatherapie ist, dass man möglichst schnell an das Traumamaterial heran müsste. Aber Co-Regulation und die Herstellung von Sicherheit sind nicht die Vorbereitung auf die eigentliche Arbeit – sie sind die eigentliche Arbeit, besonders zu Beginn.

Die Therapeutin als Co-Regulatorin funktioniert nicht durch das, was sie sagt, sondern durch das, was sie ist, wenn sie mit jemandem im Raum ist.

In den ersten Monaten der Therapie von Daria wurde fast nie über Traumainhalte gesprochen. Die Therapeutin hat stattdessen sehr bewusst daran gearbeitet, ein vorhersehbares, verlässliches Gegenüber zu sein. Immer pünktlich. Immer dieselbe Begrüßung. Ruhige Stimme. Keine plötzlichen Bewegungen. Sie hat Daria regelmäßig gefragt: „Wie ist es gerade für dich, hier zu sein?" Nicht: was ist passiert, nicht: wie war deine Woche. Nur: Wie ist es gerade, hier.
Daria sagt dazu: „Das klingt nach wenig. Aber ich habe in dieser Zeit eigentlich das Grundlegendste gelernt – dass es möglich ist, in einem Raum mit einem anderen Menschen zu sein, ohne in Alarm zu gehen. Das hatte ich vorher nie wirklich erlebt."

Systemweite Kommunikation stärken

Da Co-Regulations-Erfahrungen nicht automatisch für alle Anteile zugänglich sind, ist es ein wichtiger Teil der Arbeit, Wege zu finden, Erfahrungen im System zu teilen.

Nach einer guten Therapiestunde schreibt Mia – oder der Anteil, der gerade vorne ist – in ein gemeinsames Tagebuch, das alle Anteile lesen können: „Heute war die Therapeutin ganz ruhig. Es hat sich sicher angefühlt. Der Raum war warm. Ich war nicht in Gefahr." Nicht für sich selbst – sondern als Botschaft an die anderen Anteile. Eine Art Zeugnis: Es ist möglich.

Für Angehörige und Bezugspersonen: Was ihr tun könnt

  • Verlässlichkeit aufbauen, langsam. Nicht mit Intensität überrumpeln, sondern mit Kontinuität überzeugen. Das Nervensystem lernt durch Wiederholung, nicht durch Höhepunkte.
  • Die eigene Regulation nicht vergessen. Co-Regulation funktioniert nur, wenn die co-regulierende Person selbst einigermaßen reguliert ist. Ein Nervensystem, das selbst in Alarm ist, überträgt diesen Alarm – auch ohne Absicht. Das ist nicht Versagen, das ist Biologie. Wenn ihr selbst überfordert seid, dürft ihr das sagen: „Ich merke, dass ich gerade selbst nicht so geerdet bin. Ich bin trotzdem da – aber ich sage dir das, damit du weißt, dass das, was du vielleicht von mir wahrnimmst mit mir zu tun hat, nicht mit dir."
  • Reparieren üben. Es werden Missverständnisse passieren. Gesten werden falsch ankommen. Worte werden triggern, ohne dass ihr das gewusst habt. Der Umgang damit ist wichtiger als die Vermeidung: Benennen, nachfragen, ehrlich sein. „Ich glaube, mein Verhalten gerade hat etwas ausgelöst. Das tut mir leid. Was wäre jetzt hilfreich?"

Wenn du mit DIS lebst und merkst, dass Co-Regulation für dich unglaublich kompliziert ist – dass du sie brauchst und gleichzeitig kaum zulassen kannst – 
dann ist das kein Zeichen, dass mit dir etwas nicht stimmt.

Es ist das Zeichen eines Nervensystems, das genau das gelernt hat, was es lernen musste,
 um in einer unmöglichen Situation zu überleben.

Der Weg zu mehr Fähigkeit, Co-Regulation zuzulassen, ist kein gerader. 
Er verläuft nicht von A nach B. 
Er verläuft durch viele kleine, wiederholte Momente, 
in denen das Nervensystem langsam, sehr langsam lernt: 
Diesmal ist es anders.
 Diesmal ist es sicher. 
Und manchmal ist das nicht lernbar
 – zumindest nicht jetzt, nicht mit dieser Person, nicht in dieser Situation.

Das ist kein Scheitern. 
Das ist ein System, das Zeit braucht.

Und diese Zeit darf es haben.

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