Wenn ein innerer Anteil ruft – Umgang mit dem Bindungsschrei im Hier und Jetzt

Menschen mit einer dissoziativen Identitätsstruktur berichten häufig von Situationen, in denen ein sehr junger innerer Zustand aktiviert wird. Dieser Zustand kann sich anfühlen, als würde ein inneres Kind nach seiner Mutter oder einer anderen Bezugsperson rufen.

Solche Reaktionen wirken oft sehr intensiv. Sie können plötzlich auftreten und starke Gefühle auslösen: Angst, Verzweiflung, Einsamkeit oder den Wunsch, gehalten zu werden.

Für Betroffene ist das häufig verwirrend. Der Körper reagiert wie ein kleines Kind – obwohl die Person erwachsen ist und sich in einer völlig anderen Lebenssituation befindet.

Um diese Reaktionen zu verstehen, ist es wichtig zu wissen: Der sogenannte Bindungsschrei kann im Nervensystem gespeichert bleiben. Wenn bestimmte Auslöser auftreten, kann ein innerer Zustand aktiviert werden, der zu einer sehr frühen Entwicklungsphase gehört.

Das bedeutet nicht, dass die Person „kindisch“ ist oder „zurückfällt“. Es bedeutet, dass ein Teil des inneren Systems eine alte Stress- und Bindungsreaktion aktiviert.

Wenn ein innerer Anteil ruft

Ein solcher innerer Zustand kann sich auf unterschiedliche Weise zeigen.

Typische Erfahrungen sind zum Beispiel:
  • plötzliches starkes Bedürfnis nach einer Mutter oder Bezugsperson
  • intensive Angst, allein zu sein
  • das Gefühl, sehr klein oder hilflos zu sein
  • inneres Rufen nach Hilfe
  • starke Verzweiflung ohne klaren aktuellen Auslöser
Manche Betroffene berichten, dass sie in solchen Momenten innerlich Wörter hören wie:
  • „Mama!“
  • „Komm zurück!“
  • „Lass mich nicht allein!“
Andere erleben eher körperliche Reaktionen: Weinen, Enge in der Brust oder ein starkes Bedürfnis, sich irgendwo zu verstecken oder gehalten zu werden.

Beispiel: Eine erwachsene Person sitzt abends allein in ihrer Wohnung. Plötzlich entsteht ein intensives Gefühl von Verlassenheit. Es kommt der Impuls zu weinen und innerlich taucht der Gedanke auf: „Mama, wo bist du?“

Objektiv ist nichts Gefährliches passiert. Trotzdem reagiert das Nervensystem mit großer Not.

In solchen Momenten kann ein sehr junger innerer Anteil aktiv sein, der ein frühes Bindungsbedürfnis trägt.

Der wichtige Unterschied: Damals und heute

In der Kindheit war das Kind vollständig abhängig von seinen Bezugspersonen. Wenn niemand reagierte, gab es kaum Möglichkeiten, sich selbst zu helfen.

Heute ist die Situation anders.

Die erwachsene Person verfügt über:
  • mehr Handlungsmöglichkeiten
  • ein entwickeltes Gehirn
  • Ressourcen und Erfahrungen
  • eventuell unterstützende Beziehungen
Das bedeutet nicht, dass der innere Schmerz sofort verschwindet. Aber es eröffnet neue Möglichkeiten, auf diese inneren Zustände zu reagieren.


Schritt 1 – Wahrnehmen, was gerade passiert

Der erste Schritt ist, zu erkennen, dass gerade ein innerer Zustand aktiviert wurde.

Hilfreiche Fragen können sein:
  • Was fühle ich gerade?
  • Wie alt fühlt sich dieser Zustand ungefähr an?
  • Gehört dieses Gefühl zur aktuellen Situation oder könnte es ein alter Zustand sein?
Allein diese Einordnung kann schon etwas Entlastung bringen.

Beispiel: Eine Person bemerkt: „Ich fühle mich gerade wie ein sehr kleines Kind. Ich habe Angst und will, dass jemand kommt.“ Diese Beobachtung hilft, den Zustand besser zu verstehen. Es wird klar: Hier reagiert ein innerer Anteil.

Schritt 2 – Orientierung im Hier und Jetzt

Wenn ein sehr junger innerer Zustand aktiv ist, kann es hilfreich sein, sich bewusst im Hier und Jetzt zu orientieren.

Zum Beispiel:
  • den Raum ansehen
  • Gegenstände benennen
  • das aktuelle Datum sagen
  • sich daran erinnern, wie alt man heute ist
Das Nervensystem bekommt dadurch Informationen darüber, dass die aktuelle Situation anders ist als früher.

Beispiel: Eine Person sagt sich bewusst: „Ich bin heute 42 Jahre alt. Ich sitze in meiner Wohnung. Ich bin hier sicher.“ Diese Orientierung kann helfen, den Stress im Nervensystem etwas zu reduzieren.

Schritt 3 – Den inneren Anteil wahrnehmen

Statt den inneren Zustand wegzudrücken, kann es hilfreich sein, ihn wahrzunehmen.

Der Anteil versucht meistens, ein Bedürfnis auszudrücken.

Zum Beispiel:
  • Schutz
  • Nähe
  • Trost
  • Sicherheit
Wenn dieser Zustand ernst genommen wird, kann sich die innere Spannung oft etwas verändern.

Beispiel: Eine Person merkt: „Ein Teil von mir hat gerade große Angst. Dieser Teil fühlt sich sehr klein.“ - Allein diese Anerkennung kann bereits beruhigend wirken.

Schritt 4 – Innerlich antworten

Ein wichtiger Schritt besteht darin, dass ein erwachsener Teil des Systems beginnt, auf diesen inneren Ruf zu reagieren.

Das bedeutet nicht, die Rolle der früheren Bezugsperson vollständig zu ersetzen. Aber es kann eine Form von innerer Unterstützung entstehen.

Mögliche innere Antworten können sein:
  • „Ich sehe dich.“
  • „Du bist nicht allein.“
  • „Ich bin jetzt hier.“
  • „Wir schaffen das zusammen.“

Beispiel: Ein Kind-Anteil ruft innerlich: „Mama!“ Ein erwachsener Anteil antwortet innerlich:
„Ich bin zwar nicht Mama, aber ich bin hier. Du bist jetzt nicht allein.“ - Solche inneren Antworten können helfen, die Aktivierung langsam zu reduzieren.

Schritt 5 – Körper beruhigen

Der Bindungsschrei ist nicht nur emotional, sondern auch körperlich. Das Nervensystem ist stark aktiviert.

Deshalb können körperliche Maßnahmen hilfreich sein:
  • ruhiges Atmen
  • eine Decke um sich legen
  • warme Getränke
  • langsame Bewegungen
  • beruhigende Musik
Diese Reize helfen dem Nervensystem, wieder in einen stabileren Zustand zu kommen.

Beispiel: Eine Person merkt starke innere Unruhe und setzt sich bewusst hin, legt eine Decke um die Schultern und konzentriert sich einige Minuten auf ruhiges Atmen. Die körperliche Aktivierung nimmt langsam ab.

Schritt 6 – Unterstützung von außen

Manchmal reicht die innere Regulation nicht aus. In solchen Situationen kann es sinnvoll sein, Unterstützung von außen zu suchen.

Mögliche Optionen sind:
  • eine vertraute Person kontaktieren
  • eine therapeutische Bezugsperson
  • eine unterstützende Nachricht schreiben
  • sich in eine sichere Umgebung begeben
Der ursprüngliche Bindungsschrei konnte in der Kindheit möglicherweise nicht beantwortet werden.
Im Erwachsenenleben besteht jedoch die Möglichkeit, dass dieser Ruf manchmal doch gehört wird.


Ein wichtiger Gedanke
Wenn ein innerer Anteil ruft, ist das kein Zeichen von Schwäche.
Es ist ein Hinweis darauf, dass ein Teil des Nervensystems noch immer eine sehr frühe Erfahrung trägt.
Diese Reaktionen entstehen nicht aus Willkür, sondern aus biologischen und emotionalen Schutzmechanismen.


Der Umgang mit solchen Zuständen ist ein Lernprozess. Viele Betroffene stellen fest, dass es mit der Zeit leichter wird, diese inneren Signale zu erkennen und darauf zu reagieren.


Der Bindungsschrei, der früher unerhört blieb,
muss im heutigen Leben nicht mehr vollständig verhallen.


zum Arbeitsblatt

Beliebte Posts aus diesem Blog

Unterschiede und Gemeinsamkeiten: DIS, Borderline, PTBS und KPTBS

Beziehungsaus bei DIS – warum Trennungen so schwer und so schmerzhaft sind

Impressum