Wenn ein neurodivergenter Anteil unter angepassten Anteilen das Ruder übernimmt
Physisch gesehen hat der Körper nur ein zentrales Nervensystem (ZNS).
Alle Anteile eines dissoziativen Systems entstehen aus diesem einen Gehirn.
Wenn eine Person AuDHS hat, betrifft diese neurobiologische Grundstruktur das gesamte Nervensystem – und damit grundsätzlich alle Anteile.
Trotzdem kann es sich im Alltag so anfühlen, als gäbe es „neurotypische“ und „neurodivergente“ Anteile. Dieses Gefühl entsteht durch unterschiedliche Funktionsweisen innerhalb des Systems.
Ein Nervensystem – verschiedene Funktionszustände
In einem dissoziativen System entwickeln sich Anteile mit unterschiedlichen Aufgaben und Organisationsformen.
Manche Anteile:
- übernehmen Alltagsfunktionen
- planen und strukturieren
- orientieren sich stark an äußeren Erwartungen
- kompensieren Reizüberflutung und Impulse
Sie wirken nach außen oft:
- ruhig
- kontrolliert
- sozial angepasst
- „unauffällig“
Andere Anteile:
- reagieren sensibler auf Reize
- denken assoziativer statt linear
- haben schwankendere Energie
- können Struktur schlechter halten
- zeigen impulsivere oder emotionalere Reaktionen
Diese Anteile zeigen die neurodivergente Funktionsweise des Nervensystems oft direkter und weniger kompensiert.
Warum das wie „neurotypische“ und „neurodivergente“ Anteile wirkt
Das Gehirn ist zwar ein gemeinsames System,
aber in einer DIS können sich unterschiedliche Funktionskreisläufe bilden.
Man kann sich das wie ein Haus vorstellen:
Es gibt nur einen Stromanschluss.
Aber mehrere Stromkreise im Haus.
Jeder reagiert anders auf Belastung.
So kann es sein, dass:
- einige Anteile stark strukturierend und kontrollierend arbeiten
- andere offener, impulsiver oder reizempfindlicher reagieren
Dann entsteht das innere Erleben: „Die einen sind normal, der eine ist anders.“- Biologisch gesehen stammen aber alle aus demselben Nervensystem.
Was passiert, wenn ein neurodivergent reagierender Anteil nach vorne kommt
Wenn ein Anteil die Führung übernimmt, der weniger kompensiert und die neurodivergente Funktionsweise direkter zeigt, kann sich das gesamte Funktionsniveau verändern.
Typische Veränderungen
1. Strukturverlust
Planung fällt schwerer
Reihenfolgen brechen auseinander
Aufgaben bleiben liegen
2. Sprunghaftes Denken
viele Gedanken gleichzeitig
schnelle Themenwechsel
Schwierigkeiten, bei einer Sache zu bleiben
3. Reizüberlastung
Geräusche oder Licht wirken intensiver
soziale Situationen kosten mehr Energie
Rückzugsbedürfnis steigt
4. Energieextreme
Phasen von Ideenflut oder Aktivität
gefolgt von Erschöpfung oder Blockade
Für das Umfeld kann das wie ein plötzlicher Funktionsverlust wirken.
Tatsächlich handelt es sich oft um einen Wechsel der inneren Funktionslogik.
Innere Konflikte zwischen Anteilen
Wenn stark angepasste und stärker neurodivergent reagierende Anteile sehr unterschiedlich arbeiten, entstehen häufig Spannungen.
Typische innere Konflikte:
„Du musst funktionieren.“
„Ich kann gerade nicht funktionieren.“
„Das ist doch einfach.“
„Das ist viel zu viel.“
„Reiß dich zusammen.“
„Ich bin überfordert.“
Diese inneren Gegensätze können:
- Schuldgefühle verstärken
- Selbstabwertung auslösen
- zusätzliche Instabilität erzeugen
Warum solche Wechsel entstehen
Ein Anteil übernimmt nicht zufällig die Kontrolle.
Meist gibt es konkrete Gründe.
1. Überlastung der funktionalen Anteile
Wenn angepasste Anteile:
- zu lange funktionieren müssen
- zu viel Verantwortung tragen
- zu wenig Erholung bekommen
kann ein anderer Anteil nach vorne treten.
2. Reizüberflutung oder Trigger
Bestimmte Situationen können:
- sensorische Überforderung auslösen
- alte Stressmuster aktivieren
- emotional oder körperlich gebundene Anteile nach vorne bringen
3. Unterdrückte Bedürfnisse
Wenn Bedürfnisse wie:
- Rückzug
- Reizreduktion
- Spezialinteressen
- körperliche Entlastung
zu lange ignoriert werden, kann ein Anteil übernehmen, der diese Bedürfnisse direkter ausdrückt.
Wie sich das für das System anfühlen kann
Typische innere Erfahrungen:
- „Ich war doch eben noch organisiert.“
- „Jetzt geht plötzlich nichts mehr.“
- „Mein Kopf funktioniert ganz anders als vorher.“
- „Ich kann mich nicht mehr an die Struktur halten.“
Es wirkt wie ein plötzlicher Einbruch, obwohl es in Wirklichkeit ein Wechsel des inneren Zustands ist.
Was dahinter steckt
In solchen Situationen arbeiten:
- unterschiedliche Stressreaktionen
- verschiedene Denkstile
- verschiedene Wahrnehmungslogiken
- nacheinander oder gleichzeitig.
Das System versucht nicht zu sabotieren. Es versucht, Belastung zu regulieren und Bedürfnisse auszugleichen.
Was helfen kann
Wenn ein Anteil vorne ist, der stärker neurodivergent reagiert, braucht das System oft andere Bedingungen als zuvor.
1. Erwartungen anpassen
- weniger Aufgaben
- kleinere Schritte
- mehr Pausen
2. Reizreduktion
- ruhiger Raum
- weniger soziale Anforderungen
- klare, einfache Umgebung
3. Innere Kooperation
Statt innerer Kritik:
- Verständnis für unterschiedliche Funktionsweisen
- Kommunikation zwischen Anteilen
- gemeinsame Lösungen
Zum Beispiel:
- feste Ruhezeiten
- klare Strukturzeiten
- getrennte Aufgabenbereiche
Wenn ein Anteil die Führung übernimmt,
der die neurodivergente Funktionsweise des Nervensystems stärker zeigt,
verändert sich nicht nur das Verhalten, sondern die gesamte Funktionslogik.
Was wie ein Zusammenbruch wirkt, ist oft ein Wechsel zu einem anderen inneren Zustand.
Stabilität entsteht nicht durch Unterdrückung einzelner Anteile, sondern durch:
Verständnis, Kooperation und passende Bedingungen
für die unterschiedlichen Funktionsweisen im System.