Was Therapeut*innen bei Neurodivergenz (AuDHS) und DIS beachten sollten
Wenn Dissoziative Identitätsstrukturen und AuDHS zusammen auftreten, treffen zwei unterschiedliche Erklärungs- und Funktionsmodelle aufeinander. Einerseits arbeitet ein dissoziatives Schutzsystem, das auf traumatische Erfahrungen mit Zustandswechseln, inneren Anteilen und Gedächtnisfragmentierung reagiert. Andererseits wirkt ein neurodivergentes Nervensystem, das Reize, Emotionen, Zeit und Energie grundsätzlich anders verarbeitet als ein neurotypisches.
In der therapeutischen Praxis werden diese beiden Ebenen häufig vermischt. Zustände, die neurobiologisch erklärbar sind, werden als traumatische Schutzreaktionen gedeutet. Umgekehrt werden dissoziative Prozesse manchmal als reine Reizüberlastung oder „ADHS-Problematik“ verstanden. Dadurch entstehen Fehldeutungen, unnötiger Druck und oft auch Therapieabbrüche.
AuDHS bringt eigene Dynamiken mit: schwankende Energie, widersprüchliche Regulationsbedürfnisse, Reizempfindlichkeit, Zeitblindheit und nicht-lineare Leistungsfähigkeit. In einem DIS-System können diese Eigenschaften zusätzlich auf verschiedene Anteile verteilt sein. Was nach außen wie Unlogik oder Inkonsequenz wirkt, ist in Wirklichkeit das Zusammenspiel mehrerer Zustände und neurobiologischer Steuerungsmechanismen.
Therapie bei AuDHS und DIS kann deshalb nicht nach rein neurotypischen Maßstäben erfolgen. Einsicht führt nicht automatisch zu Veränderung, Belastung zeigt sich oft zeitversetzt, und Stabilität hängt stark vom aktuellen Nervensystemzustand ab. Der Fokus verschiebt sich damit weg von reiner Inhaltsarbeit hin zu Reizregulation, Struktur, Zustandsverständnis und innerer Kooperation.
Die folgenden Punkte sollen Therapeut*innen eine strukturierte Orientierung geben, worauf es bei der Arbeit mit AuDHS und DIS besonders ankommt. Ziel ist eine Therapie, die das Nervensystem stabilisiert, Schutzfunktionen respektiert und Veränderung in einem für das System tragbaren Tempo ermöglicht.
1. Zwei Ebenen gleichzeitig berücksichtigen: Trauma und Neurobiologie
Bei AuDHS und DIS wirken immer zwei Systeme:
- das dissoziative Schutzsystem (Anteile, Zustandswechsel, Amnesien)
- das neurodivergente Nervensystem (Reizverarbeitung, Energie, Aufmerksamkeit)
Therapeutische Konsequenz:
- Nicht jedes Verhalten ist traumabedingt.
- Nicht jeder Zustandswechsel ist ein Anteil.
Beispiel:
Eine Klientin wird in der Stunde plötzlich sehr still, antwortet nur noch knapp und schaut auf den Boden. Das kann sein:
- ein traumabedingter Rückzugsanteil oder
- ein autistischer Shutdown durch Reizüberlastung
Die therapeutische Reaktion sollte daher nicht sofort in Traumainhalte gehen, sondern zuerst klären:
„Ist gerade etwas zu viel?“
2. Widersprüchliche Bedürfnisse im Nervensystem verstehen
AuDHS vereint zwei gegensätzliche Regulationsmuster.
ADHS-Anteile:
suchen Reize
brauchen Bewegung und Abwechslung
Autistische Anteile:
meiden Reize
brauchen Struktur und Vorhersagbarkeit
Das System kann gleichzeitig:
- unterfordert
- und überfordert sein.
Beispiel:
Ein Klient berichtet, dass er sich zu Hause extrem langweilt, aber sobald Besuch kommt, sofort erschöpft ist und sich zurückziehen muss.
Das ist kein „sozialer Widerstand“, sondern ein typischer Konflikt zwischen Reizsuche und Reizvermeidung.
3. Verhalten nicht vorschnell psychologisieren
Viele AuDHS-typische Verhaltensweisen werden in der Therapie falsch gedeutet.
Beispiele:
Termin vergessen
→ häufige Deutung: „Widerstand“
→ tatsächliche Ursache: ADHS-Zeitblindheit
Themen springen
→ Deutung: „Vermeidung“
→ Ursache: Aufmerksamkeitsdynamik
monotone Stimme
→ Deutung: „Gefühllosigkeit“
→ Ursache: autistischer Kommunikationsstil
Therapeutische Haltung:
Erst neurobiologische Möglichkeiten prüfen, bevor psychologische Deutungen vorgenommen werden.
4. Energieverläufe sind nicht linear
Bei AuDHS gilt: Leistung hängt vom Nervensystemzustand ab, nicht vom Willen.
Viele Systeme:
funktionieren lange stabil
kompensieren stark
wirken belastbar
Dann folgt:
plötzlicher Zusammenbruch
Shutdown
depressive Phase
Dissoziation
Beispiel:
Eine Klientin kann eine Woche lang täglich arbeiten und wirkt stabil.
Am Wochenende bricht sie völlig zusammen, kann nicht mehr sprechen, schläft viel und fühlt sich emotional leer.
Das ist kein Rückschritt, sondern eine zeitversetzte Erschöpfungsreaktion.
5. Reizüberlastung als Auslöser von Zustandswechseln erkennen
Viele Krisen entstehen nicht durch traumatische Erinnerungen, sondern durch sensorische oder soziale Überforderung.
Typische Auslöser:
lautes Wartezimmer
grelles Licht
viele Fragen hintereinander
emotionale Intensität
lange Sitzungen ohne Pause
Mögliche Folgen:
Dissoziation
Shutdown
Sprachverlust
innerer Rückzug
Beispiel:
Ein Klient wirkt in der Sitzung zunehmend fahrig, antwortet unkonzentriert und verliert den Faden.
Die Therapeutin interpretiert das als „Widerstand gegen das Thema“. Tatsächlich war das Wartezimmer laut, das Licht grell, und die Sitzung emotional dicht – das Nervensystem war schlicht überlastet.
6. Zeitverarbeitung ist oft fragmentiert
Bei AuDHS und DIS überlagern sich mehrere Probleme:
ADHS:
- Zeitblindheit
- Terminprobleme
ASS:
- Schwierigkeiten mit zeitlicher Einordnung
DIS:
- amnestische Lücken
- zustandsabhängige Erinnerung
Folgen:
- widersprüchliche Aussagen
- „vergessene“ Sitzungen
- verspätete emotionale Reaktionen
Beispiel:
Ein Klient berichtet in einer Sitzung sehr sachlich über ein belastendes Ereignis.
Zwei Tage später bricht er emotional zusammen, ohne den Zusammenhang sofort zu erkennen.
Das Gefühl kommt zeitversetzt.
7. Klare, direkte Kommunikation ist entscheidend
AuDHS-Systeme reagieren empfindlich auf:
Mehrdeutigkeit
indirekte Kritik
implizite Erwartungen
unklare Fragen
Hilfreich sind:
klare, konkrete Fragen
kurze Zusammenfassungen
transparente Abläufe
Beispiel:
Statt: „Was löst das bei Ihnen aus?“
Besser: „Merken Sie etwas im Körper? Wird es enger, wärmer, kälter oder unruhiger?“
8. Masking kann Stabilität vortäuschen
Viele AuDHS-DIS-Systeme:
In der Sitzung:
reflektiert
angepasst
kooperativ
Nach der Sitzung:
erschöpft
dissoziativ
emotional instabil
Beispiel:
Eine Klientin wirkt in der Stunde ruhig und strukturiert.
Am Abend kann sie nicht mehr sprechen, zieht sich zurück und fühlt sich innerlich leer.
Die Sitzung war für das Nervensystem zu anstrengend, auch wenn es äußerlich nicht sichtbar war.
9. Anforderungen können Zustandswechsel auslösen
Viele AuDHS-Systeme reagieren empfindlich auf:
Druck
Erwartungen
Hausaufgaben
starre Therapieziele
Mögliche Folgen:
innerer Widerstand
Dissoziation
Terminabsagen
Therapieabbruch
Beispiel:
Eine Therapeutin gibt die Aufgabe:
„Schreiben Sie bitte jeden Tag Ihre Gefühle auf.“
Der Klient erscheint danach zwei Wochen nicht mehr.
Nicht aus Unwillen, sondern weil die Aufgabe inneren Druck und Kontrollverlust ausgelöst hat.
10. Dissoziation und neurodivergente Zustände unterscheiden
Nicht jede Veränderung ist ein Anteil.
ADHS-typisch:
Abschweifen
impulsives Reden
Themenwechsel
Autistisch:
Shutdown
Sprachverlust
starre Körperhaltung
monotone Antworten
Beispiel:
Ein Klient verliert im Gespräch ständig den Faden. Das kann ein dissoziativer Zustand sein – oder schlicht ADHS-bedingte Aufmerksamkeitsinstabilität.
11. Traumaarbeit muss langsamer und dosierter erfolgen
Bei AuDHS + DIS ist das Toleranzfenster oft:
enger
instabiler
reizabhängig
Deshalb wichtig:
kurze Annäherungen an Traumainhalte
häufige Stabilisierung
klare Stoppsignale
kein Druck zur Konfrontation
Beispiel:
Ein Klient erzählt zwei Minuten über ein belastendes Erlebnis.
Dann folgt:
Orientierung im Raum
Atemregulation
Rückkehr ins Hier und Jetzt
Statt 30 Minuten durchgehend in traumatischen Inhalten zu bleiben.
12. Nachreaktionen nach Sitzungen ernst nehmen
Viele Systeme reagieren zeitversetzt.
Mögliche Nachreaktionen:
- Müdigkeit
- Reizempfindlichkeit
- Dissoziation
- depressive Einbrüche
- Schlafprobleme
Beispiel:
Eine Klientin berichtet, dass sie nach jeder Sitzung zwei Tage lang kaum ansprechbar ist.
Das zeigt, dass das therapeutische Tempo zu hoch ist.
13. Was in der Therapie besonders hilfreich ist
Strukturell
klare Abläufe
feste Rituale
transparente Regeln
Kommunikativ
direkte Sprache
konkrete Fragen
Zusammenfassungen
Nervensystembezogen
Stabilisierung vor Traumaarbeit
Reiz- und Energieanalyse
Nachsorge nach Sitzungen
Systemisch
Schutzanteile respektieren
innere Kooperation fördern
Wahlmöglichkeiten geben
Bei AuDHS und DIS gilt:
Therapie bedeutet nicht in erster Linie:
→ Inhalte bearbeiten
Sondern:
→ Nervensystem stabilisieren
→ Zustände verstehen
→ innere Kooperation aufbauen
→ Traumaarbeit nur in tragbarer Dosierung durchführen