DIS - Ein DIS-System – ein Nervensystem mit verschiedenen Zuständen




Man kann sich das Nervensystem bei einer Dissoziativen Identitätsstörung wie ein Haus mit mehreren Stromkreisen vorstellen:

Das Haus ist eines. Der Stromanschluss ist derselbe.
Aber je nachdem, welcher Schalter aktiv ist:
  • brennt nur Licht im Keller
  • oder nur im Wohnzimmer
  • oder alles ist dunkel
Das Haus bleibt dasselbe.

Nur die aktiven Bereiche wechseln.

So ähnlich funktioniert das Nervensystem bei DIS.


Ein Körper hat nur ein Nervensystem

Physisch besitzt der menschliche Körper nur ein einziges Nervensystem.

Dazu gehören:
  • das zentrale Nervensystem (Gehirn und Rückenmark)
  • das autonome Nervensystem (Sympathikus, Parasympathikus, Vagus)
  • das hormonelle Stresssystem

Diese Strukturen sind nur einmal vorhanden.
Es entstehen also keine neuen Nervensysteme, wenn verschiedene Anteile auftreten.



Warum es sich trotzdem wie mehrere Nervensysteme anfühlen kann

Bei einer DIS sind unterschiedliche Persönlichkeitsanteile mit eigenen:
  • Erinnerungen
  • Emotionen
  • Körperzuständen
  • Stressreaktionen
verbunden.

Das bedeutet:

Ein Anteil kann:
  • im Alarmzustand sein
  • stark auf Geräusche reagieren
  • Herzklopfen und Muskelanspannung haben

Ein anderer Anteil kann:
  • ruhig und sachlich wirken
  • kaum emotionale Reaktionen zeigen
  • eine andere Schmerz- oder Temperaturwahrnehmung haben
Für das Erleben fühlt sich das an, als wären verschiedene Nervensysteme aktiv. Neurologisch passiert jedoch etwas anderes.


Was im Gehirn tatsächlich passiert

Das gleiche Nervensystem nutzt unterschiedliche Aktivierungsmuster.

Dabei gilt:
  • Bestimmte Netzwerke im Gehirn werden aktiviert.
  • Andere werden gleichzeitig gehemmt.
  • Dadurch entstehen klar unterscheidbare Zustände.
Das Nervensystem arbeitet nicht als ein durchgehend integriertes Ganzes, sondern in getrennten Funktionszuständen.


Was Studien dazu zeigen

In verschiedenen Studien wurden messbare körperliche Unterschiede zwischen Anteilszuständen gefunden.

Unterschiede im autonomen Nervensystem

Studien von Putnam, Reinders und anderen zeigten:
  • unterschiedliche Herzfrequenzen
  • verschiedene Blutdruckreaktionen
  • veränderte Herzratenvariabilität
  • unterschiedliche Stressreaktionen
je nach Anteil.

Unterschiede in der Gehirnaktivität
fMRT-Studien zeigten:
  • unterschiedliche Aktivierung emotionaler Hirnregionen
  • andere Reaktionen auf traumabezogene Reize
  • verschiedene sensorische Aktivitätsmuster

Das bedeutet: Der gleiche Körper kann je nach Anteil messbar anders reagieren.

Was die Forschung auch zeigt

Die Ergebnisse sind nicht in allen Bereichen eindeutig.

Es gibt:
  • noch keinen klaren biologischen Marker für Dissoziation
  • teilweise widersprüchliche Ergebnisse bei Hautleitfähigkeit und Stresswerten
Das heißt:
  • Es gibt deutliche Hinweise auf Unterschiede zwischen Anteilszuständen,
  • aber die Forschung ist noch nicht vollständig.

Die zentrale neurobiologische Erklärung

Bei DIS kommt es zu:
  • starker Zustandsabhängigkeit
  • fragmentierter Stressverarbeitung
  • getrennten Gedächtnis- und Emotionsnetzwerken
Das Nervensystem arbeitet also:
  • nicht kontinuierlich integriert,
  • sondern - je nach Anteil -  in voneinander getrennten Betriebsmodi.



Der entscheidende Punkt:
Es gibt nicht mehrere Nervensysteme.
Es gibt ein Nervensystem mit verschiedenen Zuständen.
Jeder Anteil kann einen anderen neurologisch messbaren
 und psychogisch unterscheidbaren Zustand haben. 




Bei einer Dissoziativen Identitätsstörung:
  • bleibt das Nervensystem körperlich eines
  • kann aber sehr unterschiedliche Zustände annehmen
  • die sich wie getrennte Systeme anfühlen

Diese Zustände sind:
  • neurologisch messbar
  • psychologisch unterscheidbar
  • und funktional oft stark voneinander getrennt

Das erklärt, warum sich ein System manchmal wie mehrere Nervensysteme anfühlt,  obwohl biologisch nur eines vorhanden ist.

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