DIS (Dissoziative Identitätsstörung) bei vorliegender Neurodivergenz
Wenn eine dissoziative Identitätsstörung (DIS) bei einem neurodivergenten Nervensystem entsteht, überlagern sich zwei unterschiedliche Ebenen:
- die grundlegende neurobiologische Funktionsweise (z. B. ASS, ADHS oder AuDHS)
- die traumabedingte Aufspaltung in Anteile
Zwei Ebenen im selben Nervensystem
Ebene 1: Neurodivergenz als Grundstruktur
Neurodivergenz betrifft die grundlegende Arbeitsweise des Gehirns. Dazu gehören unter anderem:- Reizverarbeitung
- Aufmerksamkeitssteuerung
- Emotionsregulation
- Denkstil
- Energiehaushalt
- Stressreaktionen
Diese Merkmale sind biologisch angelegt und betreffen das gesamte Nervensystem.
Das bedeutet: Wenn ein Mensch neurodivergent ist, gilt das für den ganzen Organismus – nicht nur für einzelne Anteile.
Typische Faktoren:
DIS entsteht nicht trotz Neurodivergenz,sondern oft in einem Nervensystem, das ohnehin:
sichere Routinen
Reizreduktion
verlässliche Tagesstruktur
flexible Strukturen
ausreichende Erholungszeiten
klare Abläufe
realistische Erwartungen an Energie und Leistung
Ein neurodivergentes Nervensystem mit DIS braucht keine „Normalisierung“.
Es braucht:
Das bedeutet: Wenn ein Mensch neurodivergent ist, gilt das für den ganzen Organismus – nicht nur für einzelne Anteile.
Ebene 2: Dissoziation als Schutzreaktion
DIS entsteht durch:- frühe, anhaltende oder extreme Belastungen
- fehlende sichere Bindung
- Überforderung des kindlichen Nervensystems
- unterschiedliche Aufgaben übernehmen
- verschiedene Erinnerungen tragen
- unterschiedliche Reaktionsmuster zeigen
Wie sich Neurodivergenz auf die Entstehung von DIS auswirken kann
Ein neurodivergentes Nervensystem kann bestimmte Belastungen intensiver erleben.Typische Faktoren:
1. Höhere Reizempfindlichkeit
Viele neurodivergente Menschen haben:- stärkere sensorische Wahrnehmung
- geringere Filterleistung
- schnellere Überlastung
- belastende Situationen intensiver erlebt werden
- das Nervensystem schneller in Schutzreaktionen geht
2. Schwierige Emotionsregulation
Bei ASS, ADHS oder AuDHS können auftreten:- starke emotionale Reaktionen
- verzögerte Verarbeitung
- Schwierigkeiten, Gefühle einzuordnen
- emotionale Zustände nicht integriert werden
- sich getrennte Funktionszustände entwickeln
3. Soziale Missverständnisse und fehlende Unterstützung
Neurodivergente Kinder werden oft:- missverstanden
- überfordert
- als „schwierig“ eingeordnet
- weniger feinfühlig begleitet
- weniger sichere Bindung
- weniger emotionale Spiegelung
- mehr Stress im Alltag
4. Hoher innerer Stress durch Anpassungsdruck
Viele neurodivergente Kinder:- versuchen sich anzupassen
- unterdrücken eigene Bedürfnisse
- funktionieren gegen ihre Natur
- die Belastungsgrenze senken
- Dissoziation begünstigen
Wie sich Neurodivergenz in einem DIS-System zeigen kann
Da die Neurodivergenz das gesamte Nervensystem betrifft, kann sie:- in allen Anteilen vorhanden sein
- aber unterschiedlich stark sichtbar werden
- welche Aufgabe ein Anteil hat
- aus welcher Entwicklungsphase er stammt
- in welchem Nervensystemzustand er arbeitet
Typische Erscheinungsformen
Anteile mit starker neurodivergenter Ausprägung
- hohe Reizoffenheit
- Rückzugsbedürfnis
- Spezialinteressen
- Blockaden bei Überforderung
- starke emotionale Reaktionen
Anteile mit angepasster Funktionsweise
- strukturiertes Verhalten
- soziale Anpassung
- Leistungsorientierung
- kontrolliertes Auftreten
- „funktionieren nach außen“
Typische Herausforderungen bei DIS und Neurodivergenz
- schnelle Überlastung im Alltag
- starke Energieschwankungen
- Konflikte zwischen Funktionsanteilen
- hohe Reizempfindlichkeit
- Schwierigkeiten mit Struktur oder Planung
- sozialer Anpassungsdruck
- emotionale Nachreaktionen
- häufige innere Wechsel
- erschwerte Selbstwahrnehmung
- verzögerte Verarbeitung von Belastung
Wichtiger Grundsatz
Bei vorliegender Neurodivergenz gilt:DIS entsteht nicht trotz Neurodivergenz,sondern oft in einem Nervensystem, das ohnehin:
- empfindsamer reagiert
- schneller überlastet
- intensiver wahrnimmt
Was für die Stabilisierung wichtig ist
Bei DIS mit Neurodivergenz müssen beide Ebenen berücksichtigt werden:1. Traumabezogene Stabilisierung
innere Kooperationsichere Routinen
Reizreduktion
verlässliche Tagesstruktur
2. Neurodivergenzgerechte Rahmenbedingungen
reizärmere Umgebungflexible Strukturen
ausreichende Erholungszeiten
klare Abläufe
realistische Erwartungen an Energie und Leistung
Ein neurodivergentes Nervensystem mit DIS braucht keine „Normalisierung“.
Es braucht:
- passende Bedingungen
- innere Zusammenarbeit
- stabile, reizangepasste Strukturen
Stabilität entsteht nicht durch Anpassung an eine neurotypische Norm,
sondern durch ein Leben, das zum eigenen Nervensystem passt.