Besondere Herausforderungen in der Therapie bei DIS und Neurodivergenz

Wenn eine dissoziative Identitätsstörung (DIS) und eine Neurodivergenz (z. B. ASS, ADHS oder AuDHS) zusammen vorliegen, treffen zwei komplexe Ebenen im selben Nervensystem aufeinander:

  • eine traumabedingte Aufspaltung in Anteile
  • eine grundlegend andere Art der Reizverarbeitung, Energieverteilung und Selbststeuerung

Therapie muss dann zwei unterschiedliche Problembereiche gleichzeitig berücksichtigen.
Wenn nur eine Ebene beachtet wird, entstehen schnell Überforderung, Missverständnisse oder Therapieabbrüche.


Grundproblem: Therapie trifft auf ein anders arbeitendes Nervensystem


Viele traumatherapeutische Ansätze setzen unbewusst voraus, dass:
  • Energie relativ konstant ist
  • Aufmerksamkeit steuerbar bleibt
  • Emotionen benannt werden können
  • Reize gut gefiltert werden
  • Struktur eingehalten werden kann
Bei neurodivergenten Nervensystemen ist das oft nicht der Fall. Dadurch entstehen besondere Herausforderungen.

1. Unterschiedliche Funktionslogiken innerhalb des Systems

In einem DIS-System mit Neurodivergenz können Anteile sehr unterschiedlich organisiert sein.

Typische Konstellationen
strukturierte, funktionale Alltagsanteile
reizempfindliche, sensorisch offene Anteile
emotional stark reagierende Anteile
kognitiv assoziativ arbeitende Anteile
kindliche, wenig regulierte Anteile

Mögliche Konflikte in der Therapie
Ein Anteil will Fortschritt und Leistung.
Ein anderer Anteil braucht Rückzug und Reizreduktion.
Ein Anteil versteht die Therapie kognitiv.
Ein anderer Anteil fühlt sich bedroht oder überfordert.

Folgen
innerer Widerstand gegen therapeutische Schritte
plötzliche Blockaden
scheinbar unlogische Reaktionen
Sitzungen mit sehr wechselnden Zuständen

2. Reizüberlastung durch das Therapiesetting

Viele Therapieräume sind nicht reizarm gestaltet.

Mögliche Reizquellen
helles Deckenlicht
flackernde Lampen
Straßengeräusche
visuell unruhige Einrichtung
wechselnde Gerüche
andere Stimmen im Gebäude

Wirkung auf ein neurodivergentes Nervensystem
schnelle Überaktivierung
Konzentrationsprobleme
innere Unruhe
Wechsel zwischen Anteilen
Erschöpfung nach der Sitzung

Typische Folgen
Inhalte werden schlecht aufgenommen
Sitzungen fühlen sich anstrengend statt stabilisierend an
Therapie wird mit Stress verknüpft

3. Schwierigkeiten mit emotionaler Sprache und Selbstreflexion

Viele Therapieverfahren arbeiten stark über:
Gefühlsbenennung
innere Bilder
emotionale Verarbeitung
metaphorische Sprache
Für viele neurodivergente Menschen ist das schwierig.

Typische Probleme
Gefühle werden eher körperlich wahrgenommen
emotionale Zustände sind schwer zu benennen
Verarbeitung erfolgt zeitverzögert
abstrakte Sprache bleibt unklar

Beispiele
Statt: „Wie fühlt sich das für Sie an?“
Erlebt das Nervensystem vielleicht: Druck im Brustkorb, Hitze im Kopf, Unruhe im Bauch
Aber ohne klare emotionale Begriffe.

Folgen
Therapie wirkt unverständlich
Betroffene fühlen sich „falsch“
Fortschritte bleiben aus

4. Schwankende Zugänglichkeit zu Inhalten

Bei DIS wechseln:
  • Anteile
  • Erinnerungszugänge
  • emotionale Zustände
Bei Neurodivergenz kommen hinzu:
  • Energieschwankungen
  • Aufmerksamkeitswechsel
  • sensorische Überlastung
Typische Auswirkungen
  • Ein Thema ist in einer Sitzung zugänglich, in der nächsten völlig blockiert.
  • Erkenntnisse gehen scheinbar verloren.
  • Therapie wirkt inkonsistent.
Mögliche Missinterpretationen

Therapeutisch kann das wirken wie:
  • Widerstand
  • mangelnde Motivation
  • fehlende Einsicht
In Wirklichkeit handelt es sich oft um:
  • Zustandswechsel
  • Energieeinbruch
  • sensorische Überlastung

5. Maskierung und scheinbare Stabilität

Manche Anteile können sehr angepasst wirken.

Typische Merkmale solcher Anteile
ruhige, kontrollierte Sprache
strukturiertes Erzählen
soziale Anpassung
sachliche Darstellung von Problemen

Was dabei leicht übersehen wird
Unter dieser Oberfläche können liegen:
starke Anspannung
Dissoziation
Überlastung
emotionale Abspaltung

Folgen in der Therapie
Therapeut*innen überschätzen die Stabilität
Tempo wird zu hoch
zu früh traumatische Inhalte angesprochen
nach der Sitzung kommt es zu Zusammenbrüchen

6. Überforderung durch klassische Therapieaufgaben

Viele Therapieformen arbeiten mit:
Tagebüchern
Reflexionsbögen
Übungsplänen
regelmäßigen Hausaufgaben
Bei DIS und Neurodivergenz entstehen dabei besondere Probleme.

Typische Hindernisse
unterschiedliche Ziele der Anteile
fehlende Kontinuität im Alltag
Energieschwankungen
Reizüberlastung durch zusätzliche Aufgaben

Typische Folgen
Aufgaben werden nicht erledigt
Schuldgefühle entstehen
Selbstabwertung verstärkt sich
Therapie wird als „nicht passend“ erlebt

7. Unterschiedliche Bedürfnisse innerhalb des Systems

Strukturorientierte Anteile brauchen:
klare Aufgaben
feste Abläufe
Planung
Zielorientierung

Reizempfindliche oder traumatisierte Anteile brauchen
Rückzug
Ruhe
Schutz vor Anforderungen
langsames Tempo

Therapeutisches Problem
Wenn Therapie:
  • zu leistungsorientiert ist → Überforderung der empfindsamen Anteile
  • zu passiv ist → Frustration der strukturierten Anteile
Dann entsteht innerer Konflikt.


8. Schwierige Beziehungsgestaltung zur Therapeutin oder zum Therapeuten

Bei DIS mit Neurodivergenz können Beziehungsthemen komplex sein.

Mögliche Faktoren
unterschiedliche Bindungsstile der Anteile
sensorische Empfindlichkeiten im Kontakt
Schwierigkeiten mit Blickkontakt oder Nähe
Missverständnisse in der Kommunikation

Typische Auswirkungen
wechselnde Nähe-Distanz-Bedürfnisse
widersprüchliche Reaktionen auf dieselbe Person
Schwierigkeiten, Vertrauen aufzubauen


9. Tempo und Belastungssteuerung

Viele Therapien arbeiten mit einem bestimmten Fortschrittstempo.
Bei DIS und Neurodivergenz kann das problematisch sein.

Typische Schwierigkeiten
schnelle Überlastung
verzögerte emotionale Reaktionen
Zusammenbrüche nach Sitzungen
instabile Wochenverläufe

Risiko
Zu schnelles Vorgehen kann:
Dissoziation verstärken
Krisen auslösen
Therapieabbrüche begünstigen

10. Unterschiedliche Wahrnehmung von Fortschritt

Therapeutisch wird Fortschritt oft gesehen als:
  • mehr Einsicht
  • bessere Gefühlsbenennung
  • mehr Aktivität
  • mehr Offenheit
Bei DIS mit Neurodivergenz kann Fortschritt eher bedeuten:
  • weniger Überlastung
  • mehr Pausen
  • kleinere Schritte
  • stabilere Zustände

Das kann äußerlich wie Rückschritt wirken, ist aber oft echte Stabilisierung.


Typische therapeutische Stolpersteine 

  • zu schnelles Tempo
  • zu viel emotionale Aktivierung
  • zu abstrakte Sprache
  • zu viele Hausaufgaben
  • fehlende Reizreduktion
  • falsche Einschätzung der Belastbarkeit
  • Ignorieren der Neurodivergenz


Was Therapie bei DIS und Neurodivergenz braucht

Reizarme, vorhersehbare Rahmenbedingungen

ruhiger, übersichtlicher Raum
gedämpftes Licht, wenig visuelle Reize
gleichbleibender Sitzplatz und Ablauf
feste Anfangs- und Endrituale

Zustands- und energieorientiertes Arbeiten

Ziele an den aktuellen Zustand anpassen
keine starren Leistungsanforderungen
kleine, realistische Schritte
Pausen oder ruhigere Phasen innerhalb der Sitzung

Konkrete, klare Sprache

kurze, verständliche Sätze
wenig abstrakte Begriffe
kaum Metaphern oder Bildsprache
körpernahe Beschreibungen statt rein emotionaler Begriffe

Fokus auf innere Kooperation

Bedürfnisse aller Anteile ernst nehmen
keine Anteile drängen oder übergehen
Konflikte zwischen Anteilen moderieren
gemeinsame Lösungen erarbeiten

Stabiles, verlässliches therapeutisches Tempo

keine schnellen Themenwechsel
keine plötzlichen emotionalen Konfrontationen
Zeit für Nachspüren und Integration
klare Ankündigung von Themenwechseln

Klare Sitzungsstruktur

vorhersehbarer Ablauf jeder Stunde
Orientierung am Anfang der Sitzung
kurze Zusammenfassung am Ende
klare Übergänge zwischen Themen

Reduzierte und flexible Hausaufgaben

wenige, überschaubare Aufgaben
freiwillige statt verpflichtende Übungen
Anpassung an Energie und Alltag

Fokus auf Stabilisierung statt Leistung

Körper- und nervensystemorientierte Stabilisierung
Arbeit mit Körperwahrnehmung
rhythmische oder monotone Übungen
Reizreduktion als Stabilisierungsschritt
nicht nur kognitive Techniken einsetzen

Transparenz und Vorhersehbarkeit im therapeutischen Vorgehen

erklären, was warum gemacht wird
nächste Schritte ankündigen
keine überraschenden Interventionen
klare Absprachen über Ziele und Grenzen

Respekt vor neurodivergenten Bedürfnissen

Rückzug als legitime Regulation anerkennen
Energieschwankungen berücksichtigen
keine Bewertung von Blockaden als „Widerstand“
Anpassung der Therapie an das Nervensystem, nicht umgekehrt





Therapie bei DIS und Neurodivergenz scheitert oft nicht an fehlender Motivation oder mangelnder Einsicht.

Sie scheitert, wenn:
das Nervensystem überfordert wird
Methoden nicht zur Funktionsweise passen
Unterschiede zwischen Anteilen nicht berücksichtigt werden.

Stabilisierung wird möglich, wenn:
Tempo angepasst wird
Reize reduziert werden
Energie respektiert wird

innere Kooperation im Mittelpunkt steht

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