Objektkonstanz bei DIS: Warum die Abwesenheit einer Person emotional als vollständiger Verlust erlebt werden kann

Begriffsklärung: Was bedeutet Objektkonstanz?

Objektkonstanz ist ein entwicklungspsychologisches Konzept. Es beschreibt die Fähigkeit, innerlich präsent zu halten, dass eine Person, Beziehung oder ein inneres Objekt emotional und existenziell fortbesteht – auch dann, wenn kein direkter Kontakt, keine aktuelle Wahrnehmung oder keine emotionale Aktivierung besteht.

Dabei geht es nicht um das bloße Wissen („Ich weiß rational, dass diese Person existiert“), sondern um eine affektive Kontinuität: Die Beziehung bleibt innerlich stabil, selbst bei Distanz, Konflikten oder Abwesenheit.

Objektkonstanz entwickelt sich normalerweise in der frühen Kindheit auf Basis:
  • emotionaler Spiegelung
  • konsistenter Fürsorge
  • ausreichender Stressregulation durch Bezugspersonen

Fehlt diese Basis, bleibt Objektkonstanz fragil oder bruchstückhaft.

DIS und die Besonderheit fragmentierter innerer Strukturen

Die Dissoziative Identitätsstörung entsteht auf dem Boden frühkindlicher, chronischer Traumatisierung bei gleichzeitig fehlender sicherer Bindung. Um psychisches Überleben zu ermöglichen, wird das Erleben nicht integriert, sondern strukturell dissoziiert.

Das bedeutet:
  • verschiedene Selbstzustände (Anteile) tragen unterschiedliche Erinnerungen, Affekte und Beziehungserfahrungen
  • es existiert kein einheitliches, durchgängiges Selbst
  • innere Repräsentanzen von Bezugspersonen sind nicht gemeinsam gespeichert
Objektkonstanz ist damit nicht einheitlich „vorhanden oder nicht vorhanden“, sondern anteilsabhängig organisiert.

Wie sich gestörte Objektkonstanz bei DIS zeigt

(Die folgenden Beispiele dienen der Veranschaulichung typischer Zustandswechsel. Sie beschreiben innere Erlebensweisen, keine bewussten Entscheidungen.)

1. Wechselabhängige Wahrnehmung von Beziehungen

Eine Bezugsperson kann – abhängig vom gerade aktiven Anteil – völlig unterschiedlich erlebt werden:
  • als sicher
  • als fremd
  • als bedrohlich
  • als nicht existent
Beispiel:
Ein erwachsener Anteil erlebt die Therapeutin als konstant, verlässlich und unterstützend. Nach einem Trigger übernimmt ein jüngerer Schutzanteil. Für ihn fühlt sich dieselbe Therapeutin plötzlich kalt oder gefährlich an – nicht, weil sich die Therapeutin verändert hat, sondern weil dieser Anteil andere Beziehungserfahrungen gespeichert hat.

2.  Abwesenheit = emotionales Verschwinden

Typisch ist:
Wenn eine Person nicht präsent ist, fühlt sie sich innerlich nicht existent an.
Frühere Nähe, Fürsorge oder Zuwendung sind emotional nicht abrufbar.
Beziehungen werden nicht als kontinuierlich erlebt, sondern als punktuell.

Beispiel:
Nach einem intensiven Wochenende mit einer nahestehenden Person entsteht Nähe und Verbundenheit. Sobald die Person abreist und kein Kontakt besteht, fühlt sich die Beziehung innerlich wie ausgelöscht an. Nachrichten werden zwar gelesen und rational verstanden, lösen aber kein Gefühl von Bindung aus.

3. Konflikte löschen Beziehung innerlich aus

Bei Aktivierung von Angst-, Schutz- oder Täterintrojekt-Anteilen kann es passieren, dass:
  • eine eigentlich stabile Beziehung innerlich vollständig kippt
  • positive Erfahrungen nicht mehr zugänglich sind
  • nur noch Bedrohung oder Ablehnung wahrgenommen wird

Beispiel:
Ein Missverständnis oder eine klare Grenzsetzung durch eine Bezugsperson aktiviert einen traumabezogenen Anteil. In diesem Zustand sind alle positiven gemeinsamen Erinnerungen emotional nicht mehr vorhanden. Die Beziehung wird innerlich als feindlich oder gefährlich erlebt, obwohl auf der Sachebene kein realer Bruch stattgefunden hat.


Objektkonstanz nach innen: Anteile untereinander

(Objektkonstanz betrifft bei DIS nicht nur äußere Beziehungen, sondern auch das innere System selbst.)

Nicht nur äußere Personen, auch innere Anteile unterliegen fehlender Objektkonstanz:
  • Ein Anteil weiß emotional nichts von den anderen.
  • Nach einem Wechsel können andere Anteile als „nicht existent“ erlebt werden.
  • Vereinbarungen, Erinnerungen oder innere Nähe gehen verloren.

Das erklärt:
  • innere Konflikte
  • Amnesien
  • widersprüchliche Entscheidungen
  • das Gefühl, sich selbst ständig zu verlieren

Beispiel:
Ein organisierender Alltagsanteil trifft Absprachen und plant Termine. Nach einem Wechsel übernimmt ein anderer Anteil, der keinerlei emotionalen oder inneren Bezug zu diesen Vereinbarungen hat. Die vorherige innere Ordnung fühlt sich dann an, als hätte sie nie existiert.

Abgrenzung zu ähnlichen Konzepten

1. Objektpermanenz vs. Objektkonstanz

  • Objektpermanenz: Wissen, dass etwas weiter existiert (kognitiv)
  • Objektkonstanz: emotionale Stabilität der Beziehung
Bei DIS ist Objektpermanenz meist vorhanden, Objektkonstanz jedoch fragil oder anteilsabhängig.

2. Abgrenzung zu Borderline-Strukturen

Bei Borderline-Strukturen ist Objektkonstanz ebenfalls beeinträchtigt, jedoch:
existiert ein einheitlicher Selbstkern
es kommt zu affektiver Instabilität innerhalb desselben Selbst

Bei DIS dagegen:
  • wechseln ganze Selbstzustände
  • Wahrnehmung und Beziehung sind strukturell getrennt gespeichert

Neurobiologische und traumatherapeutische Einordnung

Chronische frühe Traumatisierung beeinflusst:
  • Hippocampus (Gedächtnisintegration)
  • Amygdala (Bedrohungsbewertung)
  • präfrontale Netzwerke (Affektregulation)
Dadurch:
  • werden Beziehungserfahrungen zustandsabhängig gespeichert
  • fehlen integrierte, übergreifende Beziehungsschemata

Objektkonstanz kann sich nur dort entwickeln, 
wo Sicherheit wiederholt, vorhersehbar und über längere Zeiträume erlebt wird.


Therapie und Entwicklung von Objektkonstanz bei DIS

(Die Entwicklung von Objektkonstanz zeigt sich meist zuerst in kleinen, konkreten Erfahrungen.)

Ziel ist nicht, Objektkonstanz zu erzwingen, sondern sie schrittweise erfahrbar zu machen.

Wesentliche therapeutische Faktoren:
  • konstante therapeutische Beziehung
  • klare äußere und innere Strukturen
  • Benennung und Validierung unterschiedlicher Anteile
  • Förderung von Co-Bewusstsein
  • Zeit, Wiederholung und Vorhersagbarkeit
Objektkonstanz entsteht dabei oft zuerst:
  • in einzelnen Anteilen
  • dann zwischen Anteilen
  • schließlich in Bezug auf äußere Beziehungen
  • Rückschritte sind normal und kein Therapieversagen.
Beispiel:
Ein Patient erlebt erstmals, dass die therapeutische Beziehung auch nach einer Sitzungsunterbrechung emotional wieder erreichbar ist. Wochen später bricht dieses Erleben unter Stress erneut weg. Das stellt keinen Verlust dar, sondern einen noch nicht stabilisierten Entwicklungsschritt.


Wichtig für das Umfeld

Für Bezugspersonen gilt:
  • Rückzüge sind meist zustandsbedingt, nicht absichtlich
  • Nähe kann für manche Anteile bedrohlich sein
  • Kontinuität wirkt nur über Zeit, nicht durch Argumente
Sätze wie „Du weißt doch, dass ich da bin“ helfen selten. Erlebte Verlässlichkeit hilft mehr als Erklärungen.



Zusammengefasst:

Objektkonstanz ist bei DIS nicht einheitlich beeinträchtigt, sondern fragmentiert organisiert.
Beziehungen existieren zustandsabhängig.
Abwesenheit kann emotional als vollständiger Verlust erlebt werden.
Entwicklung von Objektkonstanz ist möglich, aber langsam und erfahrungsbasiert.
Fehlende Objektkonstanz ist kein Beziehungsunwille, sondern ein logisches Ergebnis früher Traumatisierung und struktureller Dissoziation.

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