Psychologisches Glaubwürdigkeitsgutachten bei DIS - eine besondere Herausforderung

Wenn ein Mensch mit einer Dissoziativen Identitätsstruktur (DIS) über traumatische Erfahrungen aussagt, steht das Rechtssystem vor einer besonderen Herausforderung.
Ein Glaubwürdigkeitsgutachten soll klären, ob die Schilderungen auf realem Erleben beruhen – doch genau das ist bei komplexer Dissoziation schwer zu bewerten, weil das Erleben selbst fragmentiert ist.

Ein DIS-System erinnert nicht linear, sondern bruchstückhaft. Verschiedene Anteile besitzen unterschiedliche Wissensstände, Emotionen und Zugänge zu Erinnerungen. Was für Außenstehende wie „Widersprüche“ wirkt, ist oft ein direktes Abbild dissoziativer Gedächtnisverarbeitung.
Ein psychologisches Glaubwürdigkeitsgutachten bei DIS ist deshalb kein Routineverfahren.
Es erfordert tiefes Verständnis für Traumafolgen, Dissoziation, neurobiologische Schutzmechanismen – und eine forensische Haltung, die nicht vorschnell über Plausibilität urteilt.

Ziel und Aufgaben eines Glaubwürdigkeitsgutachtens

Ein Glaubwürdigkeitsgutachten dient dazu, die Aussage einer Person im Hinblick auf ihre inhaltliche Glaubhaftigkeit und psychologische Plausibilität zu prüfen.
Das Gutachten bewertet nicht, ob das Geschehen tatsächlich stattgefunden hat – das bleibt Aufgabe des Gerichts.
Es untersucht vielmehr, ob die geschilderten Ereignisse so erzählt sind, wie es für reales Erleben typisch ist.

Dazu werden folgende Fragen geprüft:
  • Enthält die Aussage Merkmale realer Erlebnisverarbeitung?
  • Gibt es innere Widersprüche, die auf Fantasie oder Suggestion schließen lassen könnten?
  • Lässt sich das Verhalten der betroffenen Person psychologisch nachvollziehen (z. B. Vermeidung, Erinnerungslücken, Dissoziationen)?
  • Gibt es alternative Erklärungen (z. B. psychische Störung, Lügenmotiv, sekundären Gewinn)?
Ein Gutachten ist also keine Wahrheitsmaschine, sondern eine strukturierte psychologische Beurteilung, wie glaubhaft eine Aussage wirkt – basierend auf wissenschaftlich erprobten Kriterien.

Der methodische Rahmen: Aussagepsychologie

Die forensische Glaubwürdigkeitsbegutachtung stützt sich auf die aussagepsychologische Analyse nach Undeutsch, Steller, Volbert, Niehaus u. a.
Zentrales Prinzip: Eine Aussage, die auf realem Erleben beruht, unterscheidet sich qualitativ von einer erfundenen oder suggerierten Aussage.

Diese Unterschiede zeigen sich in Merkmalen wie:
  • Detailreichtum und Einbettung in lebensnahe Zusammenhänge
  • Schilderung irrelevanter, aber authentischer Nebeninformationen
  • Selbstkorrekturen und Unsicherheiten, die echte Erinnerung zeigen
  • Emotionaler Gehalt, der situationsangemessen schwankt
  • innere Konsistenz, auch wenn äußere Widersprüche vorkommen
Doch genau an diesem Punkt wird es bei DIS schwierig – denn Dissoziation verändert, wie Erinnerung, Affekt und Sprache zusammenarbeiten.


Besondere Herausforderungen bei DIS (Dissoziative Identitätsstörung)

Eine Person mit DIS verfügt nicht über ein einheitliches Selbst und Gedächtnis, sondern über funktional getrennte Anteile.
Diese Anteile können unterschiedliche Emotionen, Erinnerungen und Wahrnehmungen enthalten.
Für ein Gutachten bedeutet das:

Fragmentierung der Erinnerung

Erinnerungen liegen in einzelnen „Modulen“ vor: Körperwahrnehmungen, Bilder, Gerüche oder Gefühle – oft ohne zeitlichen Zusammenhang.
Ein Anteil erinnert vielleicht den Geruch des Zimmers, ein anderer den Schmerz, ein dritter gar nichts.
Das wirkt wie eine unvollständige Geschichte, ist aber biologisch stimmig für dissoziative Speicherung.

Zustandswechsel

Unterschiedliche Ich-Zustände können während der Exploration auftreten – mit wechselnder Stimme, Mimik, Haltung oder Affekt.
Der Gutachter muss erkennen, dass es sich dabei nicht um Simulation handelt, sondern um dissoziative Zustandswechsel.
Ungeübte Gutachter interpretieren dies oft als „Inkonsistenz“ oder „Rollenspiel“.

Erinnerungslücken und Amnesien

Teile der Erlebnisse sind für das bewusste Ich nicht zugänglich.
Einige Anteile wissen nichts voneinander.
Wenn im Verlauf des Gutachtens plötzlich neue Informationen auftauchen, bedeutet das nicht automatisch Widerspruch – es kann schlicht Integration eines anderen Erinnerungsfragments sein.

Affektive Diskrepanzen

Während ein Anteil ruhig und sachlich berichtet, bricht ein anderer in Panik oder Dissoziation aus.
Diese affektive Inkohärenz ist typisch für DIS und darf nicht als „geschauspielert“ gedeutet werden.

Suggestibilität

Menschen mit Trauma- und Dissoziationshintergrund sind oft hoch empathisch und sozial anpassungsfähig. Sie reagieren stark auf subtile Erwartungen in der Kommunikation.
Daher ist suggestionsarme Fragetechnik entscheidend, um nicht unbeabsichtigt Inhalte zu „implantieren“.


Aufbau eines Glaubwürdigkeitsgutachtens bei DIS

Ein fachgerechtes Gutachten folgt einer klaren Struktur:

Auftrag und Fragestellung

  • Wer hat das Gutachten beauftragt (z. B. Gericht, Staatsanwaltschaft)?
  • Was genau soll beurteilt werden? (z. B. „Sind die Angaben der Person zu sexualisierter Gewalt glaubhaft?“)

Aktenanalyse

  • Sichtung vorhandener Dokumente, Therapieberichte, frühere Aussagen
  • Beachtung von Diagnosen, Medikamenten, Traumaindikationen

Exploration der Person

  • Biografische Anamnese
  • Erhebung psychischer Symptome (Dissoziation, Depression, PTSD)
  • Beobachtung von Zustandswechseln, Affekten, Sprachmustern
  • Einschätzung der Belastungsgrenze (um Retraumatisierung zu vermeiden)

Psychologische Tests

  • ggf. standardisierte Verfahren zur Erfassung von Dissoziation (z. B. DES-II, TADS, MID)
  • kognitive Leistungsdiagnostik (zur Beurteilung von Aufmerksamkeit und Erinnerung)
  • keine Lügendetektion oder Suggestibilitätstests, da sie bei DIS nicht valide sind

Aussageanalyse

  • Detaillierte Prüfung der Aussage nach inhaltlichen Glaubhaftigkeitskriterien
  • Abgleich zwischen innerer Logik, affektiver Stimmigkeit und situativer Einbettung
  • Erkennen dissoziativer Lücken als Teil des Krankheitsbildes

Psychologische Gesamtbeurteilung

  • Einschätzung, ob die Symptomatik die Aussagefähigkeit beeinflusst
  • Bewertung, ob die Schilderungen Merkmale realer Traumaverarbeitung aufweisen
  • Berücksichtigung differentialdiagnostischer Alternativen (Psychose, Fantasie, Borderline)


Was während des Traumas im Gehirn passiert

Um zu verstehen, warum DIS-Aussagen fragmentiert sind, muss man die neurobiologischen Grundlagen kennen:

HirnstrukturFunktionWährend des TraumasReaktionFolge
AmygdalaBedrohungserkennungÜberaktiviertDaueralarmPanik, Flashbacks
Präfrontaler KortexRationales Denken, SpracheGehemmtKein Überblick, kein Ich-BewusstseinLeere, Sprachlosigkeit
HippocampusZeit- & RaumgedächtnisBlockiertErinnerung fragmentiertBruchstückhafte Flashbacks
Stammhirn / PAGÜberlebensreflexeAktiviert ErstarrungKörperliche TaubheitStarre, Energieverlust
Vagusnerv (dorsaler Ast)Parasympathische BremseÜberaktiviertAbschaltmodusLeere, Dissoziation, Ohnmacht

Diese Schutzmechanismen trennen Wahrnehmung, Gefühl und Erinnerung – genau das zeigt sich später in der Aussage.


Typische Fehler in Gutachten

Leider sind viele Glaubwürdigkeitsgutachten über Menschen mit DIS methodisch mangelhaft. Die häufigsten Fehler sind:

Unkenntnis über Dissoziation

Fragmentierung wird als „Widerspruch“ bewertet, obwohl sie neurologisch erklärbar ist.

Fehlende traumasensible Haltung

Druck, emotionale Konfrontation oder Unverständnis lösen Dissoziation aus, die dann fälschlich als „Unkooperativität“ interpretiert wird.

Falsche Annahme von Simulation

Zustandswechsel oder veränderte Sprache werden oft als „Theatralik“ gedeutet.
Überbewertung äußerer Konsistenz:
Eine linear strukturierte, „perfekte“ Geschichte gilt als glaubwürdig – dabei sind echte Traumaberichte oft unlogisch und lückenhaft.

Ignorieren des therapeutischen Verlaufs

Integration und Erinnerungszugänge verändern sich im Verlauf. Ein „neues Detail“ ist nicht automatisch eine Falschaussage, sondern Teil des Verarbeitungsprozesses.


Anforderungen an qualifizierte Gutachter

Ein glaubwürdiges Gutachten bei DIS erfordert:
  • Fachpsychologe für Rechtspsychologie (BDP / DGPs)
  • Zusatzqualifikation in Psychotraumatologie oder Traumatherapie
  • Erfahrung mit dissoziativen Störungen, komplexer PTSD, Bindungstrauma
  • Fähigkeit, traumasensibel und neutral zu explorieren
  • Kenntnis der aktuellen Forschung zu Gedächtnis, Dissoziation und Zeugenaussagen

Rechtliche und ethische Dimension

Fehlgutachten bei DIS können verheerend wirken. Sie entscheiden über Glauben oder Nicht-Glauben, über Gerechtigkeit oder erneute Entwertung. Wird Dissoziation falsch verstanden, werden Betroffene ein zweites Mal retraumatisiert – diesmal institutionell.

Daher gilt:

Ein Glaubwürdigkeitsgutachten bei DIS ist nicht nur ein juristisches, sondern auch ein ethisches Gutachten über den Umgang mit menschlicher Fragmentierung.


Es sollte immer das Grundprinzip beachten:
„Was inkonsistent wirkt, kann im dissoziativen Erleben völlig logisch sein.“


Ein Glaubwürdigkeitsgutachten bei DIS ist nur dann seriös, wenn es die komplexe Struktur des dissoziativen Erlebens wirklich versteht. Es reicht nicht, psychologische Kriterien abzufragen.
Man muss wissen, wie Erinnerung unter Trauma funktioniert – und warum eine Aussage, die zersplittert wirkt, gerade dadurch authentisch sein kann.

Literatur / Quellen

Diagnostik & Klassifikation (ICD/DSM, Überblick)
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  • Amado, B. G., et al. (2016). CBCA reality criteria in adults: Meta-analytic review. Int J Clin Health Psychol. (mit Open-Access-Version). 
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  • Wouters, E., et al. (2024). Use of Statement Validity Analysis (SVA) with minors: Systematic review. J Forensic Sci. 
  • Handbuch der Rechtspsychologie. Hogrefe (Kapitel zu Aussagepsychologie & Gutachtenmethodik). 
  • ZAB Berlin (Volbert/Steller) – Publikationsüberblick & Fachtexte (deutsche Forensik-Schule). 
Forensik & DIS: Begutachtung, Simulation, Differenzialdiagnostik
  • Brand, B. L., et al. (2016). Assessment of complex dissociative disorder patients and simulated dissociation in forensic contexts. J Nerv Ment Dis. / PubMed-Abstract.
  • Dalenberg, C. J., et al. (2012). Trauma vs. fantasy model of dissociation: Empirical evaluation. Psychol Bull., 138(3), 550–588. (Schlüsselevidenz pro Trauma-Modell). 
Kritische/überblickende Beiträge (methodische Grenzen)
  • Vrij, A. (2022). Verbal lie detection: Past, present & future (Überblick, inkl. Grenzen klassischer Verfahren). Frontiers in Psychology. 
  • (Deutschsprachige Überblickstexte & Expertisen zur Glaubwürdigkeitsbegutachtung; methodische Grenzen und Praxisprobleme). 

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