Nonverbale Anteile

Menschen mit einer Dissoziativen Identitätsstruktur (DIS) erleben ihre Innenwelt als vielschichtig. Manche Anteile treten deutlich sprechend und handelnd hervor, andere zeigen sich stiller – und wieder andere kommunizieren fast ausschließlich nonverbal.

Das kann für Betroffene selbst, aber auch für das Umfeld oder die Therapie herausfordernd sein: Was soll man mit einem Anteil anfangen, der schweigt, sich zurückzieht oder nur über Körpersprache etwas andeutet? Gerade diese Anteile sind jedoch wichtig, weil sie meist Erinnerungen, Gefühle oder Schutzstrategien tragen, die zu einem Zeitpunkt entstanden sind, als Sprache noch nicht verfügbar war.

Warum nonverbal?

Frühe Entstehung: Viele nonverbale Anteile haben sich in sehr früher Kindheit gebildet – in einer Zeit, in der Sprache noch gar nicht zur Verfügung stand.

Überwältigende Erfahrungen

In traumatischen Momenten wird das Sprachzentrum oft blockiert („sprachlos vor Angst“). Erlebnisse prägen sich als Körpererinnerungen ein.

Schutzfunktion

Nicht sprechen zu können oder zu wollen, kann ein Schutz sein. Schweigen verhindert, dass Geheimnisse verraten oder Strafen provoziert werden.

Kommunikationsform

Manche Anteile zeigen ihre Gefühle und Bedürfnisse bewusst über Körperhaltung, Mimik oder Handlungen statt über Worte.

Typische Merkmale nonverbaler Anteile

  • Schweigen, selbst bei direkter Ansprache.
  • Ausdruck über Gestik, Mimik, Körperspannung.
  • Auftreten von körpernahen Erinnerungen (z. B. Schmerzen, Druckgefühle, Erstarren).
  • Ein „kindlicher“ Eindruck ohne Sprache – oft wie ein sehr kleines Kind.
  • Rückzug in Stille oder Verstecken im Inneren.
  • Kommunikation über Bilder, innere Szenen oder Gefühle, statt über Sprache.
  • Teilweise auch: Laute ohne Sprache (Weinen, Schreie, Seufzen).

Bedeutung im Gesamtsystem

Nonverbale Anteile tragen oft früheste Erfahrungen, die nicht in Worte gefasst wurden.

Sie können:
  • Warnungen geben, wenn eine Situation unsicher wirkt.
  • unverarbeitete Traumafragmente in Körpersensationen speichern.
  • Bindungsbedürfnisse ausdrücken, die nie erfüllt wurden.
  • Schutzstrategien fortsetzen, indem sie sich unsichtbar machen.
  • Diese Anteile sind damit nicht „schwach“, sondern ein essenzieller Teil des Systems.

Umgang mit nonverbalen Anteilen

Anwesenheit akzeptieren

Schweigen ist auch Kommunikation. Druck, „endlich etwas zu sagen“, verstärkt meist die Blockade.

Körpersignale wahrnehmen

Gestik, Spannung, Blickrichtung oder innere Bilder können wichtige Hinweise sein.

Alternative Kanäle öffnen

Malen, Schreiben, Symbolkarten, Musik oder Gegenstände anbieten.

Zeit geben

Sprache kann sich langsam entwickeln, muss aber nicht. Auch nonverbale Kommunikation ist gültig.

Innere Übersetzer finden

Andere Anteile können manchmal „übersetzen“, was ein nonverbaler Anteil ausdrücken will.

Sicherheit im Außen

Ein klarer, geschützter Rahmen ist Grundlage, damit nonverbale Anteile überhaupt auftauchen.

Sicherheit im Inneren

Auch innerhalb der Innenwelt braucht es Schutz: klare Abgrenzungen, sichere Orte (z. B. ein inneres Zimmer oder eine Höhle), vertrauensvolle Begleiter oder innere Helferfiguren. So können nonverbale Anteile sich zeigen, ohne überfordert zu werden.


Mit nonverbalen Anteile kommunizieren

1. Kreative Wege

Malen/Kritzeln – auch ohne „schön“, nur Farben und Formen.
Ton/Knete – etwas formen, drücken, zerreißen.
Collage – Bilder aus Zeitschriften oder Symbolkarten auswählen.
Fotografien – Motive zeigen lassen, die „passen“.

2. Körperliche Ausdrucksformen

Körperhaltung bewusst einnehmen (z. B. in Embryostellung legen, in die Ecke setzen).
Bewegung – wippen, stampfen, schaukeln, laufen.
Gesten – zeigen mit Hand, Kopf schütteln/nicken.
Körperspannung – Druckkissen, Gewichtdecken, Fäuste ballen.

3. Gegenstände & Symbole

Kuscheltiere oder Figuren auswählen und hinstellen.
Steine, Muscheln, Alltagsobjekte legen lassen (z. B. ein Kreis = Schutz).
Farbkarten oder Tücher zeigen (z. B. Rot = Angst, Blau = Ruhe).
Symbolische Dinge in die Hand nehmen (Schlüssel, Feder, Stoffstück).

4. Sinneskanäle nutzen

Musik – ein Lied wählen oder einfach Geräusche machen.
Gerüche – etwas riechen lassen (Öl, Tee, Seife).
Berührung – ein weiches Tuch, etwas Festes in der Hand.
Temperatur – warmes Kissen, kalter Stein, Wasser.

5. Schreiben ohne Sprache

Wörter ankreuzen (Liste mit Gefühlen/Bedürfnissen).
Zeichen setzen (Kreuz, Strich, Punkt).
Buchstaben kritzeln oder nur Anfangsbuchstaben.
Farben codieren: Jeder Stift steht für eine Stimmung.

6. Innerer Dialog

Andere Anteile „übersetzen“ lassen: „Mag jemand für dich sprechen?“
Innere Bilder aufschreiben: Was taucht auf, wenn der Anteil da ist?
Symbolisch sprechen: „Zeig es mir als Bild, nicht als Worte.“

Wichtig: Alles ist gültig.
Nonverbale Anteile müssen nicht „lernen zu sprechen“. Es reicht, wenn sie überhaupt wahrgenommen und ernstgenommen werden – auch durch Symbole oder Körperreaktionen.


Wer diesen Anteilen Raum gibt, ohne zu drängen, kann neue Wege der Annäherung finden – über Gesten, Symbole, Bilder, Nähe oder einfach über stille Präsenz.

Arbeitsblatt