Die Rolle des Körpers – wenn Anteile ihn unterschiedlich wahrnehmen

Menschen mit einer Dissoziativen Identitätsstruktur teilen sich denselben Körper. Von außen wirkt es so, als gäbe es eine einzige Person, die diesen Körper steuert. Innen jedoch erleben die verschiedenen Anteile ihn auf sehr unterschiedliche Weise.

Für Außenstehende ist das oft schwer nachzuvollziehen. Ein Anteil sagt vielleicht, er sei viel kleiner, während der Körper doch eindeutig erwachsen ist. Ein anderer spürt Schmerzen extrem, während ein dritter dieselben Schmerzen kaum bemerkt. Eine Berührung kann für den einen Anteil Geborgenheit bedeuten und für den nächsten pure Bedrohung.

Diese Unterschiede sind keine Einbildung und auch kein „verrücktes Verhalten“. Sie sind die logische Folge von Schutzstrategien, die in der Kindheit überlebenswichtig waren. Der Körper war damals der Ort, an dem Gewalt, Schmerz oder Bedrohung erlebt wurde. Um damit zurechtzukommen, haben sich verschiedene Anteile gebildet:
  • Manche haben das Fühlen abgeschaltet.
  • Andere haben bestimmte Erinnerungen oder Gefühle übernommen.
  • Wieder andere sind in einer früheren Entwicklungszeit „stehen geblieben“.
Deshalb kann die Wahrnehmung des Körpers so stark schwanken: Ein Anteil fühlt sich klein, ein anderer groß, ein dritter kaum körperlich vorhanden. Einer sieht sich als männlich, ein anderer als weiblich. Einer will Bewegung, ein anderer kann sich kaum rühren.

Das Ziel ist nicht, dass alle Anteile den Körper gleich erleben – das wäre weder realistisch noch heilsam. Wichtiger ist, den Körper gemeinsam zu nutzen und zu schützen. Der Körper kann, trotz all seiner Widersprüche, zu einem verbindenden Ort werden. Ein Ort, an dem Unterschiede nebeneinander bestehen dürfen. Und ein Ort, an dem Sicherheit und Fürsorge für alle möglich ist.


Unterschiedliche Wahrnehmungen des Körpers

Alter und Größe

Kind-Anteile fühlen sich klein und sehen Kinderhände im Spiegel. Jugendliche Anteile nehmen den Körper pubertär wahr. Erwachsene Anteile erleben ihn erwachsen.

Schmerz

Manche spüren Schmerzen sofort und stark, andere kaum. Beides sind Schutzmechanismen: Überempfindlichkeit als Warnsystem, Schmerzlosigkeit als Überlebenshilfe.

Körpergrenzen

Einige Anteile erleben den Körper als riesig, andere als winzig. Manche spüren ihn gar nicht richtig und fühlen sich außerhalb oder losgelöst.

Geschlecht

Nicht alle Anteile identifizieren sich mit dem biologischen Geschlecht. Manche fühlen sich neutral, andere entgegengesetzt, wieder andere wechseln.

Motorik, Stimme, Handschrift

Gang, Stimmlage oder Schrift können sich je nach Anteil verändern. Außen wirkt es manchmal wie ein anderer Mensch.

Essen und Sinneswahrnehmungen

Vorlieben und Abneigungen widersprechen sich oft. Manche Anteile reagieren stark auf Gerüche oder Geräusche, andere kaum.

Nähe und Distanz

Berührung ist für den einen angenehm, für den anderen kaum erträglich. Ein und dieselbe Situation kann völlig anders erlebt werden.


Folgen im Alltag

Die Unterschiede im Körpererleben machen den Alltag oft kompliziert:
  • Kleidung wird zu einem Konfliktfeld („zu eng“, „zu kindisch“, „zu freizügig“).
  • Arztbesuche verlaufen widersprüchlich (ein Anteil kooperiert, ein anderer blockiert).
  • Essenssituationen werden zum Streitpunkt.
  • Zwischenmenschliche Nähe ist schwer planbar.
  • Der Blick in den Spiegel kann Orientierung bringen oder Überforderung auslösen.

Warum ist das so?

  • Trauma: Der Körper war der Ort von Gewalt. Verschiedene Anteile haben verschiedene Erfahrungen gespeichert.
  • Schutzmechanismen: Schmerz oder Sinneswahrnehmungen wurden abgeschaltet, um weiterleben zu können.
  • Zeitverschiebung: Manche Anteile sind in Entwicklungsphasen stehen geblieben und nehmen den Körper so wahr, wie er damals war.

Wege zur Annäherung

Es geht nicht darum, die Wahrnehmungen anzugleichen. Ziel ist, mit ihnen umzugehen und den Körper gemeinsam zu nutzen.

Unterschiede anerkennen

Jede Wahrnehmung ist real für den Anteil, auch wenn sie objektiv nicht stimmt. Kein Anteil liegt falsch.

Gemeinsame Rituale

Kleine, wiederholbare Handlungen, die für alle verträglich sind:
Hände eincremenein Glas Wasser trinken
bewusst barfuß den Boden spüren
drei ruhige Atemzüge nehmen

Spiegelarbeit in kleinen Schritten

Kurze, geplante Spiegelblicke mit neutraler Beobachtung: „Augenfarbe“, „Form der Hände“. Keine Bewertung. Sofort abbrechen, wenn es zu viel wird.

Positive Körpererfahrungen sammeln

Weiche Decke, warmes Bad, Spaziergang, Musik spüren – kleine Eindrücke, die den Körper positiv erlebbar machen.

Absprachen treffen

Klare Regeln helfen: Wer nutzt den Körper wann? Wer übernimmt Bewegung, wer Ruhe? So entsteht Zusammenarbeit.

Haltung, die hilft

Unterschiede sind normal bei DIS.
Niemand muss sich beweisen oder rechtfertigen.
Fortschritt heißt nicht „alles gleich erleben“, sondern den Körper sicher und gemeinsam nutzen.



Bei DIS ist der Körper kein neutraler Rahmen,
sondern ein Ort voller Erinnerungen, Empfindungen und Widersprüche.
Jeder Anteil hat seine eigene Sicht, seine eigene Wahrheit.
Statt sie zu vereinheitlichen, geht es darum, Akzeptanz und Zusammenarbeit zu fördern.
Der Körper kann zu einem gemeinsamen Zuhause werden
– einem Ort, der Schutz bietet, statt Bedrohung.

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