Arbeitsblatt: "Traumatisierte Sexual-Anteile stabilisieren"

 "Traumatisierte Sexual-Anteile stabilisieren"


1. Erkennen
☐ Mein Körper reagiert plötzlich (Erstarrung, Zittern, Ekel, Druck, Taubheit, unpassende Erregung).
☐ Ich spüre, dass etwas „zu nah“ oder „zu viel“ ist, ohne zu verstehen warum.
☐ Ich vermeide Berührung oder Nähe, obwohl ich mich danach sehne.
☐ Ich habe das Gefühl, beschmutzt, schuldig oder „falsch“ zu sein.
☐ Ich verliere kurzzeitig das Zeitgefühl oder das Gefühl, „im Körper zu sein“.
→ Das sind Signale eines Anteils, der sexualisierte Gewalt überlebt hat und heute Sicherheit braucht, nicht Aufarbeitung.

2. Sofortmaßnahmen – Erste Hilfe für den Körper
Atmung: Lang ausatmen (zählen bis 6). Kein Zwang zu tiefer Einatmung.
Boden: Füße fest aufstellen, Gewicht spüren.
Orientierung: Drei Dinge sehen, eine Farbe, ein Geräusch benennen.
Kontakt: Einen stabilen Gegenstand halten (Stein, Becher, Tischkante).
Abgrenzung: Hände auf die Schultern legen – körperliche Grenze spüren.
Wärme: Decke oder Tuch umlegen.
Satz: „Ich bin im Jahr 2025. Ich bin erwachsen. Ich bin sicher.“
Nach Trigger: Wasser trinken, frische Luft, kurze Bewegung.
Bei Überwältigung: Laut STOP sagen, Geräusch machen (Klatschen, Summen).
Nachsorge: Ruhig sitzen, Hände auf Brustkorb, Atem beobachten.

3. Die vier Säulen der Stabilisierung
A. Co-Regulation (äußere Sicherheit durch Präsenz und Beziehung)
HandlungWirkung
Klare Grenzen setzen („Ich will das nicht“)Kontrolle zurückgewinnen
Verlässliche Bezugsperson, die ruhig bleibtNervensystem spiegelt Sicherheit
Kurze, vorhersehbare NäheAngst reduziert sich
Stimme ruhig, tiefer TonfallDämpft Alarmreaktionen
Stopp-Signal vereinbaren (Wort, Geste)Kontrolle über Körperkontakt

B. Selbst-Regulation (innere Sicherheit aktivieren)
ÜbungWirkung
Langes AusatmenParasympathikus aktiviert
Hände auf Bauch oder HerzKörpergrenzen spüren
Summen / BrummenVagusnerv stimuliert
Kühlen / Wärmen nach GefühlSelbstwahrnehmung stärkt
„Ich bin hier“ laut sagenZeitliche Orientierung

C. Orientierung & Kontrolle zurückgewinnen
ÜbungAnwendung
Datum & Ort laut sagenGegenwart verankert
Bewegung – Arme, BeineStarre löst sich
Raum beschreiben (3 Dinge)Gehirn aus Flashback holen
Spiegelblick, Name nennenSelbstidentität
Wiederholte Erinnerung: „Das war damals.“Zeitliche Trennung

D. Fürsorge & Nachnährung
HandlungBedeutung
Warmes Getränk / SuppeKörper nährt, beruhigt
Sanfte Körperpflege (Waschen, Eincremen)Eigentum am Körper spüren
Kuscheldecke, Duft, MusikSinnliche Sicherheit
Ruhe nach jeder ÜberflutungNachverarbeitung
Freundlicher Selbstkontakt: „Ich darf leben.“Selbstwert regeneriert

4. Nach einem Trigger – 5-Minuten-Protokoll
Anhalten. Nicht weitermachen, nicht analysieren.
Atmen. Langer Ausatem. Hände auf Brustkorb.
Orientieren. 3 Dinge sehen, 2 berühren, 1 hören.
Satz sagen: „Ich bin erwachsen. Der Körper ist jetzt sicher.“
Trinken. Ein Glas Wasser.
Bewegen. Schulterkreisen, Fußsohlen spüren.
Nachspüren. Was hilft? Was überfordert?
Notieren (optional). 2–3 Stichpunkte, nicht interpretieren.

5. Langzeit-Nachreifung
Verlässlichkeit: Feste Tagesstruktur, gleichbleibende Rituale.
Körperarbeit: sanfte Bewegung, Yoga, Gehübungen, Atemarbeit.
Therapie: körper- oder bindungsorientiert (SE, NARM, SP, EMDR stabilisiert).
Keine erzwungene Erinnerung. Erst Stabilität, dann behutsame Integration.
Grenzen trainieren: bewusst Nein sagen, ohne Schuld.
Sexualität neu lernen: erst, wenn Sicherheit etabliert ist – langsam, mit klarer Sprache und Stopp-Signal.
Selbstbild verändern: „Mein Körper ist nicht schuld – er hat überlebt.“

6. Frühwarnzeichen & Schutzmaßnahmen
☐ Erhöhte Anspannung nach Körpernähe oder bestimmten Reizen.
☐ Flashbacks, Taubheitsgefühl, innere Bilder, Ekel.
☐ Drang, sich zu reinigen, zu bestrafen oder zu betäuben.
☐ Verlust von Zeit / Erinnerung.
☐ Selbstverletzungsimpulse.
→ In diesen Fällen: Stabilisierung zuerst, keine Analyse.
→ Bei anhaltender Belastung: traumasensible Begleitung aufsuchen.

7. Reflexion
„Der Anteil in mir, der sexualisierte Gewalt erlebt hat, trägt nicht Schuld. Er hat getan, was nötig war, um zu überleben. Heute kann ich entscheiden, wer mich berührt, wem ich vertraue und wann ich Nein sage. Heute gehört mein Körper mir.“

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