Wie man seinem Körper Sicherheit signalisiert: „Du musst keine Angst haben. Die Gefahr ist vorbei."

Viele Betroffene mit einer Dissoziativen Identitätsstörung (DIS) oder anderen komplexen Traumafolgestörungen kennen das Problem:

Der Kopf weiß eigentlich, dass keine Gefahr besteht – doch der Körper reagiert, als wäre man mitten in einer Bedrohung. Herzrasen, Enge im Brustkorb, Panik oder Leere tauchen auf, obwohl objektiv nichts Bedrohliches passiert.

Warum ist das so? Und wie kann man dem Körper heute zeigen, dass er sicher ist?

Warum der Körper anders reagiert als der Kopf

Traumatische Erfahrungen werden oft nicht als geordnete Erinnerung gespeichert, sondern als Körperreaktionen: Herzklopfen, Atemnot, Muskelspannung, Schreckreflex.
Das Nervensystem hat gelernt: „So fühlt sich Gefahr an – also sofort reagieren!“ Das heißt:

Verstand: „Ich bin im Hier und Jetzt, alles okay.“
Körper zur gleichen Zeit: „Alarm! Gefahr! Angriff oder Rückzug!“


Die Folge: Ein Missverhältnis zwischen Denken und Fühlen. Um aus diesem Kreislauf auszusteigen, braucht der Körper Signale in seiner Sprache – über Atem, Bewegung, Sinne und Rituale.

Über den Atem: Sicherheit ein- und ausatmen

Der Atem ist die direkteste Verbindung zum Nervensystem.
Lange Ausatmung: Einatmen 4 Sekunden, Ausatmen 6–8 Sekunden.
Summen oder Singen: erzeugt Vibrationen im Brustkorb, beruhigt Herz und Bauch.
Box-Breathing 4-4-4-4: Einatmen 4, halten 4, ausatmen 4, halten 4 – wie ein gleichmäßiges Quadrat.
Beispiel: Im Supermarkt steigt Panik hoch. Statt hektisch zu atmen, bewusst auf langes Ausatmen konzentrieren. Der Körper versteht: „Wir haben Zeit, niemand jagt uns.“

Über Körperkontakt: Spüren, dass man im Heute ist

Der Körper vertraut festen, klaren Signalen.
Füße spüren: kräftig in den Boden drücken, spüren: „Ich stehe hier.“
Wandkontakt: Rücken oder Handflächen gegen die Wand lehnen – Halt spüren.
Gewicht: Decke, Kissen, Kuscheltier, Gewichtstier → Nervensystem begreift: „Ich bin gehalten.“
Beispiel: Bei einem lauten Knall rutscht ein Kindanteil in Panik. Eine schwere Decke oder das Lehnen an die Wand gibt sofort Halt: „Heute hält uns etwas Sicheres fest.“

Über die Sinne: Gegenwart sichtbar machen

Trauma bindet an das Damals – die Sinne holen ins Heute zurück.
Orientierungsübung 5-4-3-2-1: 5 Dinge sehen, 4 hören, 3 fühlen, 2 riechen, 1 schmecken.
Kälte-Wärme-Reize: Hände kurz ins kalte Wasser, dann warm.
Duftanker: vertrauter Geruch (z. B. Öl, Creme, Tee) mit Sicherheit verknüpfen.
Beispiel: Bei aufkommender Leere eine duftende Creme nutzen und bewusst riechen: „Das ist mein Heute-Geruch – damals gab es das nicht.“

Über Bewegung: Spannung ab- oder aufbauen

Der Körper hält alte Alarmenergie fest – Bewegung hilft, sie zu regulieren.
Schütteln: Arme und Beine ausschütteln wie Tiere nach Schreck.
Gehen im Rhythmus: gleichmäßige Schritte, bewusst zählen.
Mini-Stretch: Arme hoch, Brust öffnen – Signal: „Wir sind frei, nicht gefangen.“
Beispiel: Nach einer Trigger-Situation im Büro → aufstehen, 20 Schritte bewusst gehen, bei jedem Schritt das Gewicht spüren.

Über Worte: Mit dem Körper sprechen

Logik allein überzeugt nicht – aber kurze, klare Sätze wirken wie innere Wegweiser.
„Ich bin hier.“
„Es ist vorbei.“
„Heute ist jetzt.“
„Ich habe das Steuer.“


Bei Anteilen: 
„Danke, dass du mich schützen willst. Heute ist keine Gefahr.“
„Ich übernehme.“


Beispiel: Ein Schutzanteil spürt sofortige Kampfbereitschaft. Statt zu diskutieren: „Heute brauchst du das nicht. Ich halte uns jetzt sicher.“

Über Rituale: Sicherheit sichtbar machen

Rituale geben dem Körper Verlässlichkeit.
Gegenwartsmarker: Datum laut sagen, Kalender zeigen, Uhrzeit ablesen.
Raum absichern: Tür schließen, Licht einschalten, Fenster kontrollieren.
Kleines Ritual: Tee kochen, Kerze anzünden → „Routine = Sicherheit.“
Beispiel: Nach einem Flashback: Kerze anzünden und sagen: „Das ist mein Heute-Ritual. Hier und jetzt.“

Der Körper braucht Wiederholung

Einmalige Übungen helfen kurz, aber erst durch Regelmäßigkeit entsteht Vertrauen.
3× am Tag eine Mini-Übung (Atmung, Wandkontakt, Decke spüren).
Immer dieselben Worte/Rituale → das Nervensystem verknüpft sie mit Sicherheit.
Kleine Schritte, kein Druck: lieber 1 Minute täglich als 20 Minuten nur einmal im Monat.



Der Körper versteht Sicherheit nicht über Logik, sondern über Signale: 
Atmung, Körperkontakt, Sinnesreize, Bewegung, Worte und Rituale.
Jeder kleine Schritt sendet: „Heute ist jetzt. Du musst keine Angst haben.“
Mit der Zeit lernt das Nervensystem: Nicht alles ist Gefahr – Sicherheit ist möglich.

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