Wie kann ich traumatische Situationen in die Vergangenheit verorten?

Menschen mit Dissoziativer Identitätsstörung (DIS) oder komplexen Traumafolgestörungen erleben häufig, dass alte Erfahrungen in der Gegenwart aufbrechen. Ein Geräusch, ein Blick, ein Geruch – und plötzlich fühlt es sich an, als würde das Trauma erneut passieren. Das Herz rast, der Körper erstarrt, Bilder oder Gefühle überrollen einen.

Diese Überflutung ist kein Zeichen von Schwäche, sondern eine Folge davon, wie das Gehirn Trauma speichert: nicht als „abgeschlossene Vergangenheit“, sondern als Fragmente, die jederzeit ins Jetzt drängen können.

Der entscheidende Schritt für Stabilität und Sicherheit ist daher: lernen zu unterscheiden – das war damals, heute ist es vorbei.
 

Warum ist das Verorten so wichtig?

Gefühle entlasten

Wenn ich erkenne, dass die Angst zu „damals“ gehört, muss ich sie im Heute nicht mehr bekämpfen.

Handlungsfähigkeit zurückgewinnen

Wer weiß, dass es vorbei ist, kann sich heute schützen und eigene Entscheidungen treffen.

Anteile beruhigen

Gerade Kinderanteile brauchen die klare Botschaft: „Es ist nicht mehr jetzt. Es war früher.“

Überforderung reduzieren

Alte Gefühle wirken überwältigend – wenn sie ins Damals eingeordnet sind, verlieren sie ihre erdrückende Macht im Heute.

Realität wahrnehmen

Das Verorten hilft, die Gegenwart klarer zu sehen: „Ich bin erwachsen, hier und jetzt, nicht mehr ausgeliefert.“

Trigger entschärfen

Wer versteht, dass ein Auslöser nur eine Erinnerung aktiviert, kann ihn leichter einordnen und verliert weniger Energie.

Körperreaktionen verstehen

Herzrasen, Starre oder Panik sind dann kein Rätsel mehr, sondern erklärbare Echo-Symptome aus der Vergangenheit.

Selbstvertrauen stärken

Jedes Mal, wenn es gelingt, Vergangenheit und Gegenwart zu trennen, wächst das Vertrauen in die eigene Stärke.

Innere Ordnung schaffen

Vergangenheit kommt an ihren Platz, Gegenwart bleibt frei erlebbar – das System wird klarer und stabiler.

Sicherheit im Alltag spüren

Das Wissen, dass die Gefahr vorbei ist, macht es leichter, Nähe, Ruhe oder Freude im Heute überhaupt wahrzunehmen.

Beziehungen entlasten

Wenn alte Gefühle nicht mehr unbewusst auf Partnerinnen, Freundinnen oder Kolleg*innen übertragen werden, werden Begegnungen klarer und weniger konflikthaft.

Heilung ermöglichen

Nur wenn Erinnerungen als Vergangenheit erkennbar sind, können sie Stück für Stück verarbeitet, integriert und schließlich weniger belastend werden.



Praxisbeispiele

Beispiel 1: Geräusch als Auslöser

Du hörst eine Tür laut ins Schloss fallen. Sofort zieht sich dein Körper zusammen, Panik steigt auf. Dein System sagt: „Gefahr!“
Doch wenn du dich umschaust, siehst du: Du bist allein in deiner Wohnung, es war nur der Wind.
Strategie:
Laut sagen: „Das war ein Geräusch von heute, nicht von damals.“
Das aktuelle Datum nennen.
Dreimal bewusst ein- und ausatmen, die Füße auf den Boden drücken. 

Beispiel 2: Kritik im Job

Ein Kollege sagt: „Das hättest du anders machen können.“
Plötzlich spürst du Scham wie ein Schlag in den Bauch. Ein Anteil schreit innerlich: „Ich habe alles falsch gemacht, ich darf nicht auffallen.“
Rational weißt du: Es war nur ein Hinweis, keine Strafe.
Strategie:
Innerlich benennen: „Die Scham gehört zum Damals.“
Sich an erwachsene Beweise erinnern: „Heute kann ich reden. Ich kann fragen, wie es besser geht.“
Ggf. im Inneren zu einem Kindanteil sagen: „Heute sind wir nicht mehr ausgeliefert.“ 

Beispiel 3: Nähe in einer Partnerschaft

Dein Partner will dich umarmen, doch plötzlich wird dir schlecht. Dein Körper friert ein, Erinnerungen tauchen auf.
Früher war Nähe gefährlich, heute ist sie gewollt und sicher.
Strategie:
Stopp-Signal setzen: dich zurückziehen, tief atmen, innerlich sagen: „Das ist mein Partner, nicht die Person von damals.“
Wahrnehmung im Jetzt aktivieren: Geruch seines Parfüms, Stimme, der heutige Raum.
Erst dann entscheiden: „Möchte ich die Umarmung jetzt zulassen oder nicht?“

 

Methoden, um Erinnerungen ins „Damals“ zurückzubringen

1. Die Galerie-Methode

Stell dir deine Erinnerungen wie Bilder in einer Galerie vor. Jedes Bild hängt an der Wand, gerahmt, beschriftet. Du kannst davorstehen und schauen – oder weitergehen.
Schritt 1: Nimm die Erinnerung als „Bild“ wahr, nicht als Realität.
Schritt 2: Stell dir vor, wie du sie in einen Rahmen setzt und an die Wand hängst.
Schritt 3: Lies die Beschriftung: „Damals, als ich klein war.“
Schritt 4: Geh bewusst weiter zu einem anderen Bild – zum Beispiel einer schönen Erinnerung oder etwas aus dem Heute.
Wirkung: So bleibt klar: Das Bild gehört zur Vergangenheit, nicht ins Jetzt.

2. Zeitlinie anlegen

Stell dir dein Leben wie eine lange Linie vor, mit Markierungen: Vergangenheit – Gegenwart – Zukunft.
Übung: Lege ein Seil oder Band auf den Boden. Markiere einen Punkt für „Damals“ und einen für „Heute“.
Stelle dich erst in die Vergangenheit, spüre kurz das Gefühl.
Geh dann bewusst nach vorne auf den Punkt „Heute“ und sage: „Jetzt bin ich erwachsen. Es ist vorbei.“
Wirkung: Der Körper lernt, dass Vergangenheit und Gegenwart getrennte Orte sind.

3. Erinnerung in eine Box legen

Stell dir eine stabile Schachtel vor, in die du Erinnerungen legen kannst.
Schritt 1: Wenn ein Bild oder Gefühl auftaucht, halte es innerlich in den Händen.
Schritt 2: Lege es bewusst in die Box.
Schritt 3: Schließe die Box und stelle sie an einen sicheren Ort in deiner Vorstellung.
Wirkung: Du gewinnst Kontrolle: Die Erinnerung bleibt, aber sie überflutet dich nicht.

4. Tagebuch der Vergangenheit

Schreibe Erinnerungen auf – mit dem klaren Vermerk: „Das gehört zum Damals.“
Notiere Datum und Auslöser im Heute.
Schreibe dazu: „Es fühlt sich wie jetzt an, aber es war früher.“
Wirkung: Das Gehirn ordnet die Erinnerung sprachlich in die Vergangenheit ein.

5. Erinnerungen altern lassen

Viele Flashbacks fühlen sich an, als wäre man wieder Kind.
Stell dir bewusst vor, wie die Erinnerung in Schwarz-Weiß erscheint.
Oder wie das Bild alt wird, vergilbt, in einem Fotoalbum liegt.
Sprich innerlich: „Das gehört zu einer anderen Zeit. Heute bin ich erwachsen.“
Wirkung: Die Erinnerung verliert den Druck der Gegenwart.

6. Gegenwartsbeweise sammeln

Mach dir eine „Heute-Box“ oder ein Notizbuch mit Beweisen, dass es jetzt anders ist.
Fotos von deinem Zuhause.
Zettel mit Telefonnummern von sicheren Menschen.
Symbole wie dein Wohnungsschlüssel, dein Arbeitsausweis, ein persönliches Schmuckstück.
Wenn Erinnerungen auftauchen, nimm einen dieser Beweise in die Hand: „Heute habe ich Sicherheit, damals nicht.“

7. Innere Begleitung einsetzen

Viele Betroffene mit DIS arbeiten mit inneren Anteilen.
Sprich zu einem Kindanteil: „Das war damals. Ich weiß, es fühlt sich echt an, aber heute bist du bei mir.“
Lade einen inneren Helfer oder Erwachsenen ein, der die Erinnerung mitträgt und schützt.
Wirkung: Anteile fühlen sich weniger allein mit den Bildern und lernen: Heute gibt es Schutz.

8. Galerie der schönen Momente

Nicht nur belastende Bilder hängen in deiner Galerie. Gestalte bewusst auch eine „positive Sammlung“:
Schöne Erlebnisse, kleine Freuden, sichere Momente.
Stell dir vor, wie diese Bilder die Wände deiner Galerie füllen.
So entsteht ein Gegengewicht – Erinnerungen sind nicht nur Trauma, sondern auch Überleben, Freude und Entwicklung.

9. Kalender-Methode

Hänge einen Kalender sichtbar auf oder nutze eine Handy-App.
Markiere jeden Tag mit einem Kreuz oder kleinen Notiz.
Wenn ein Flashback kommt, schau auf das Datum und sage:
„Heute ist der 17. September 2025 – nicht damals.“
Wirkung: Der Blick auf das Datum verankert dich in der Gegenwart.

10. Geruchsanker setzen

Trauma wird stark über Gerüche erinnert.
Lege dir einen angenehmen, sicheren Duft zurecht (z. B. Lavendelöl, Zitrus, Kaffee).
Wenn alte Gerüche auftauchen, halte deinen Anker-Duft unter die Nase und sage:
„Das ist mein Geruch von heute.“
Wirkung: Gerüche sprechen das limbische System direkt an – ein starker Gegenpol zu alten Erinnerungen.

11. Innerer Filmprojektor

Stell dir die Erinnerng als Film vor, der auf einer Leinwand läuft.
Drück innerlich die Pausetaste.
Stell dir vor, wie du den Film langsamer abspielst oder den Ton leiser drehst.
Sag dir: „Das war damals, jetzt sitze ich im Zuschauerraum.“
Wirkung: Du bist nicht mehr im Film, sondern Betrachter*in – Distanz entsteht.

12. Körperliche Bewegung

Wenn das Nervensystem in alte Starre geht: bewusst Bewegung einsetzen.
Aufstehen, sich strecken, Arme ausschütteln.
Aufstampfen oder Treppen steigen.
Einen Ball drücken oder mit einem Tuch wedeln.
Wirkung: Bewegung signalisiert dem Körper: „Heute kann ich handeln. Ich bin nicht ausgeliefert.“

13. Briefe an das Damals

Schreibe kurze Sätze an dich selbst von früher:
„Es war schlimm.“
„Du warst klein und konntest nichts ändern.“
„Heute bin ich groß und beschütze dich.“
Wirkung: Das Schreiben ordnet die Erfahrung zeitlich ein und gibt Sicherheit.

14. Spiegel-Übung

Stell dich vor einen Spiegel, schau dir bewusst ins Gesicht.
Sag laut: „Ich bin erwachsen. Ich bin hier. Es ist vorbei.“
Halte dabei Blickkontakt mit dir selbst.
Wirkung: Der Spiegel macht das Heute körperlich sichtbar.

15. Symbolischer Gegenstand

Lege dir ein kleines Symbol zurecht – z. B. einen Stein, ein Armband, einen Schlüsselanhänger.
Wenn eine Erinnerung kommt, nimm das Symbol in die Hand.
Sag: „Das ist mein Beweis für heute. Das gab es damals nicht.“
Wirkung: Ein greifbarer Gegenstand verbindet sofort mit der Gegenwart.

16. Stimme aufnehmen

Sprich dir selbst eine beruhigende Botschaft ins Handy:
„Es ist 2025. Ich bin erwachsen. Ich bin sicher.“
Spiele die Aufnahme ab, wenn du in Erinnerungen rutschst.
Wirkung: Die eigene Stimme wirkt direkt regulierend und stärkt das Gefühl, im Heute zu sein.

17. „Damals–Heute“-Tabelle

Schreibe zwei Spalten:
Damals: klein, abhängig, keine Hilfe.
Heute: erwachsen, Rechte, Wohnung, Unterstützung.
Lies die Spalte „Heute“ bewusst laut, wenn Erinnerungen dich überrollen.

18. Zukunft einbeziehen

Erinnere dich: Das Trauma liegt nicht nur in der Vergangenheit – dein Leben geht weiter.
Schreib dir einen Satz wie: „Ich plane meinen nächsten Urlaub.“ oder „Ich will in fünf Jahren…“
Stell dir die Zukunfts-Szene bildlich vor.
Wirkung: Vergangenheit ist ein Teil der Biografie – aber nicht alles. Zukunft holt dich ins Vorwärts.



  • Traumatische Situationen lassen sich mit vielen Wegen ins „Damals“ zurückschicken: durch innere Bilder (Film, Galerie, Zeitlinie), äußere Hilfen (Symbol, Kalender, Gerüche), Schreiben und Bewegung.
  • Je öfter man diese Methoden nutzt, desto leichter lernt das Nervensystem: „Das war früher – heute ist anders.“
  • Traumatische Situationen lassen sich nicht ungeschehen machen – aber sie lassen sich klar einordnen: als Vergangenheit.
  • Das Verorten bedeutet nicht, die Erinnerung wegzuschieben, sondern ihr den richtigen Platz zu geben.
  • Mit Realitätsankern, innerem Dialog und konkreten Alltagsstrategien wächst das Vertrauen: „Es war – aber es ist vorbei. Heute bin ich erwachsen, heute bin ich sicher.“

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