Was "Traumabearbeitung" bzw. "Traumakonfrontation" bedeutet
Nach der Stabilisierungsphase folgt in der Therapie der Dissoziativen Identitätsstörung oft die Traumabearbeitung.
Hier wird das Ziel verfolgt, die traumatischen Erinnerungen, die abgespalten und unintegriert gespeichert sind, Schritt für Schritt zu verarbeiten.
Grundidee
Traumabearbeitung bedeutet: Die abgespaltenen Erlebnisse werden nicht länger verdrängt oder gefürchtet, sondern in sicherem Rahmen angeschaut, erzählt, gefühlt und in die Lebensgeschichte eingeordnet.
Dabei wird dosiert gearbeitet – kleine Schritte, niemals Überflutung.
Warum Traumabearbeitung notwendig ist
- Solange die Erinnerungen unbewusst und unintegriert sind, drängen sie sich als Flashbacks, Körpererinnerungen oder Albträume auf.
- Erst wenn das Trauma bewusst erinnert und gleichzeitig sicher erlebt werden kann, verliert es seine Macht.
- Traumabearbeitung schafft damit den Übergang von „unverarbeitetem Schrecken“ zu „Teil meiner Vergangenheit“.
Typische Inhalte der Traumabearbeitung
- Traumatische Szenen in Worte fassen (statt nur Bilder/Gefühle/Körperreaktionen).
- Gefühle aushalten lernen, ohne dass sie überwältigen.
- Körpererinnerungen verstehen: Schmerzen, Druck, Erstarren als frühere Schutzreaktionen.
- Verarbeitung in kleinen Dosen: nicht alles auf einmal.
- Therapeutische Beziehung nutzen: gehalten sein, Sicherheit erleben, während man erzählt.
- Neue Bedeutungen finden: „Es war damals, nicht jetzt. Ich war Opfer, nicht schuld.“
Typische Methoden der Traumabearbeitung
Screen-Technik
Ziel: Abstand zur Erinnerung schaffenBeispiel: Sich die Erinnerung wie auf einer Leinwand vorstellen und selbst entscheiden, wie nah oder fern sie sichtbar wird.
Pendeln (nach Peter Levine)
Ziel: Überwältigung verhindern
Beispiel: Zwischen einem sicheren Bild (z. B. Lieblingsort) und einem Stück Traumaerinnerung hin- und herwechseln.
Fragmentarbeit
Ziel: Kleine Teile anschauen statt alles auf einmalBeispiel: Nur die Geräusche oder nur das Gefühl im Bauch beschreiben, nicht die ganze Szene.
Narrative Exposition
Ziel: Erinnerungen in Worte und Reihenfolge bringenBeispiel: Die Geschichte in kleinen Schritten erzählen: „Zuerst war ich draußen … dann kam er …“
Körperfokus
Ziel: Somatische Flashbacks verstehenBeispiel: Druck in der Brust wahrnehmen, beschreiben, in Zusammenhang mit damaliger Situation bringen.
Gefühlsdifferenzierung
Ziel: Gefühle benennen und regulierenBeispiel: „Das ist Angst. Damals war sie lebenswichtig. Heute darf ich sie kleiner machen.“
Arbeit mit Anteilen
Ziel: Anteile, die Erinnerungen tragen, vorsichtig sprechen lassenBeispiel: Kindanteil erzählt ein Detail, erwachsener Anteil tröstet.
Therapeutische Spiegelung
Ziel: Validierung erfahrenBeispiel: Therapeut*in sagt: „Ja, das war Gewalt. Es war nicht deine Schuld.“
Ritualisierte Verarbeitung
Ziel: Abschluss schaffenBeispiel: Briefe schreiben (und verbrennen), Symbole malen, Bodenanker legen.
Kognitive Neubewertung
Ziel: Schuld und Scham korrigierenBeispiel: „Ich war wehrlos. Das war nicht meine Entscheidung. Ich trage keine Schuld.“
Ziel der Traumaverarbeitung
Am Ende der Traumabearbeitungsphase sollte ein Mensch mit DIS:- Erinnerungen einordnen können: Sie sind Teil der Vergangenheit, nicht der Gegenwart.
- Trigger reduzieren: Flashbacks nehmen ab, weil das Trauma nicht mehr roh im Körper „festhängt“.
- Neue Narrative entwickeln: „Ich habe Schlimmes erlebt – aber ich bin heute hier und habe überlebt.“
- Mehr innere Zusammenarbeit erleben, da die traumatragenden Anteile nicht länger isoliert bleiben müssen.