Was "Stabilisierung" bedeutet

„Stabilisierung“ ist quasi die erste und wichtigste Phase einer Behandlung bei Dissoziativer Identitätsstörung. Bevor man überhaupt tiefer in die Traumabearbeitung einsteigen kann, braucht es ein solides Fundament. Ich breche es dir mal klar auf:
 

Grundidee

Stabilisierung bedeutet: das innere System beruhigen, ordnen und sicherer machen, damit Betroffene nicht ständig von Flashbacks, Überflutung, Amnesien oder destruktiven Anteilen überwältigt werden.
Es geht nicht ums „Heilen“ im Sinne von „alles Trauma auflösen“, sondern darum, ein tragfähiges Hier-und-Jetzt aufzubauen.
 

Warum Stabilisierung notwendig ist

  • Ohne Stabilisierung ist die Gefahr groß, dass eine Traumabearbeitung (z. B. Erinnerungen anschauen) zu retraumatisierend wäre.
  • Viele Betroffene haben keinen inneren oder äußeren sicheren Ort, fühlen sich dauernd in Gefahr.
  • Anteile arbeiten oft gegeneinander statt miteinander.
  • Stabilisierung schafft also Boden unter den Füßen.
 

Typische Inhalte der Stabilisierung

  • Alltag sichern: Schlaf, Ernährung, Tagesstruktur.
  • Selbstfürsorge: Pausen, angenehme Aktivitäten, Körperwahrnehmung.
  • Innere Kommunikation: erste Brücken zwischen Anteilen, ohne gleich alles „aufzureißen“.
  • Umgang mit Flashbacks: Methoden, um „Damals“ von „Heute“ unterscheiden zu lernen.
  • Krisenstrategien: Notfallpläne, Skills, innere/äußere sichere Orte.
  • Beziehung zur Therapeutin: Vertrauen aufbauen, Grenzen und Schutz klären.
 

Typische Stabilisierungs-Methoden

Realitätsanker

Ziel: Vergangenheit und Gegenwart unterscheiden
Beispiel: Laut sagen: „Ich bin 2025, ich bin erwachsen, ich sitze auf meinem Sofa.“

Körperübungen

Ziel: Nervensystem beruhigen
Beispiel: Tief atmen, kaltes Wasser über die Hände laufen lassen, kurze Dehnübungen.

Stimmungs- oder Anteils-Tagebuch

Ziel: Innere Zustände ordnen
Beispiel: „Heute traurig (Kindanteil) – abends besser.“ → Muster werden sichtbar.

Innere Vorstellungsübungen

Ziel: Sicherheit durch innere Bilder
Beispiel: Sicheren Ort oder Schutzfigur vorstellen.

Struktur im Alltag

Ziel: Vorhersagbarkeit schaffen
Beispiel: Jeden Morgen Tee kochen, jeden Abend feste Schlafroutine.

Orientierungsübungen

Ziel: Im Hier und Jetzt bleiben
Beispiel: 5 Dinge im Raum benennen, die man sieht/hört/spürt.

Boden spüren

Ziel: Körperbewusstsein stärken
Beispiel: Barfuß auf kaltem Boden stehen, Gewicht bewusst verlagern.

Innere Absprachen

Ziel: Chaos ordnen
Beispiel: In einem vorgestellten „Konferenzraum“ dürfen Anteile nacheinander sprechen.

Notfallbox

Ziel: Sicherheit in der Krise
Beispiel: Kiste mit Duftöl, Bonbon, Foto, Zettel mit Hilfesätzen.

Anteile benennen

Ziel: Innere Klarheit schaffen
Beispiel: Namen oder Symbole geben: „Die Kleine“, „Der Wächter“.

Kreativer Ausdruck

Ziel: Gefühle ausdrücken
Beispiel: Malen, Musik hören, Kneten.

Körpergrenzen stärken

Ziel: Selbstgrenzen spüren
Beispiel: Decke umlegen, sich selbst fest umarmen.

„Stopp“-Technik

Ziel: Überforderung unterbrechen
Beispiel: Inneres rotes Stoppschild vorstellen, laut „Stopp!“ sagen.

Helferfiguren

Ziel: Unterstützung von innen
Beispiel: Schutzengel oder Tierbegleiter in der Vorstellung.

Sichere Orte im Außen

Ziel: Sicherheit finden
Beispiel: Parkbank, Café, Bibliothek als Rückzugsort.

Selbstberuhigende Berührung

Ziel: Nervensystem beruhigen
Beispiel: Arme streicheln, Hände reiben, Stirn kühlen.

Reorientierung mit Uhr & Kalender

Ziel: Orientierung in der Zeit
Beispiel: „Heute ist Freitag, 19. September 2025, 17 Uhr.“

Dialogkarten

Ziel: Hilfestellung im Alltag
Beispiel: Karten mit Sätzen: „Ich bin sicher.“, „Ich habe Wahlmöglichkeiten.“

„Safe Word“

Ziel: Sicherheit durch klare Regeln
Beispiel: Inneres oder äußeres Codewort wie „Pause“ oder „Auszeit“.
 
 

Ziel

Am Ende der Stabilisierungsphase sollte ein Mensch mit DIS:
  • besser steuern können, welcher Anteil wann nach vorne kommt.
  • Strategien haben, um mit Triggern umzugehen.
  • Grundsicherheit erleben: „Ich kann mit mir selbst umgehen, auch wenn’s schwierig wird.“

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