Warum viele Betroffene schlecht schlafen – und was helfen kann
Viele Menschen mit Dissoziativer Identitätsstörung (DIS) kennen das: Abends müde, aber sobald man im Bett liegt, ist an Schlaf nicht zu denken. Statt Ruhe kommt Unruhe, Flashbacks oder innere Stimmen. Oder der Körper schläft zwar ein – wacht aber ständig wieder auf. Manchmal fühlt sich die Nacht wie ein endloser Kampf an.
Warum ist das so? Und gibt es Wege, etwas zu verändern?
Warum Schlaf bei DIS so schwierig ist
Dauerstress im Nervensystem
- Das traumatisierte Nervensystem bleibt oft im „Alarmmodus“. Auch nachts schaltet es nicht ab, sondern ist auf Gefahrensuche. Herzrasen, Albträume oder Panikattacken sind die Folge.
- Innere Anteile sind zu unterschiedlichen Zeiten aktiv
- Während ein Alltagsanteil schlafen will, fühlt sich ein Beschützer-Anteil verantwortlich, wach zu bleiben. Oder ein Kind-Anteil meldet sich mit Angst und Albträumen.
Flashbacks und Albträume
- Sexuelle oder körperliche Traumata tauchen nachts besonders häufig auf. Das Gehirn verarbeitet in der Traumphase Erinnerungen – bei DIS wird das schnell überwältigend.
- Fehlendes Sicherheitsgefühl
- Schlaf bedeutet Loslassen und Kontrollverlust. Für viele Betroffene ist das unvorstellbar – sie bleiben lieber wach, um sich sicher zu fühlen.
Körperliche Folgen
- Stresshormone (Adrenalin, Cortisol) bleiben hoch, Magen und Darm sind angespannt, der Körper findet keine Ruhe.
Was helfen kann
Abendrituale entwickeln
Ein wiederkehrender Ablauf vor dem Schlafen signalisiert dem System: „Jetzt ist Ruhe.“
Beispiele: Tee trinken, Kerze anzünden, ruhige Musik hören, Tagebuch schreiben.
Sichere Umgebung schaffen
Ein Nachtlicht, verschlossene Türen, ein Kuscheltier oder eine Decke können Sicherheit geben – gerade für jüngere Anteile.Tipp: Das Bett bewusst „als sicherer Ort“ gestalten.
Körper beruhigen
Atemübungen (4 Sekunden ein, 6–8 Sekunden aus).Leichte Dehnübungen oder sanftes Wiegen.
Wärmflasche oder Gewichtdecke (tiefer Druck beruhigt das Nervensystem).
Trigger vor dem Schlaf meiden
Keine Horrorfilme, keine schweren Gespräche, keine Überreizung kurz vor dem Schlafengehen.Besser: Leichte Lektüre, ruhige Beschäftigungen.
Mit Anteilen sprechen
Innere Anteile, die sich verantwortlich fühlen, können beruhigt werden:„Wir sind jetzt sicher. Ich übernehme die Wache – du darfst schlafen.“
Albträume abfangen
Ein kleines Ritual nach dem Aufwachen: Licht an, Wasser trinken, sich erinnern: „Das war damals – heute ist 2025.“Hilft, schneller wieder in die Gegenwart zurückzufinden.
Struktur am Tag
Feste Aufsteh- und Schlafenszeiten, Tageslicht am Morgen, regelmäßige Bewegung – all das stabilisiert den Schlafrhythmus.Wenn nichts hilft: Fachliche Unterstützung
Manchmal sind die Schlafprobleme so hartnäckig, dass eine Kombination aus Therapie und evtl. medikamentöser Unterstützung sinnvoll ist.Abendrituale für besseren Schlaf bei DIS
Fester Ablauf
Immer den gleichen Rhythmus: z. B. Zähne putzen, Schlafanzug an, Licht dimmen.Wirkung: Das Gehirn lernt, diese Abfolge mit „Schlafen“ zu verknüpfen.
Tee- oder Kakao-Ritual
Eine Tasse warmen Tee oder warmen Kakao trinken, bewusst langsam.Für erwachsene Anteile: beruhigende Tees (z. B. Kamille, Melisse).
Für kindliche Anteile: Kakao oder warme Milch.
Wirkung: Wärme signalisiert Sicherheit und Geborgenheit.
Tagebuch oder Notizblock
Vor dem Schlafen Gedanken oder Ängste aufschreiben.Wirkung: Der Kopf wird entlastet, innere Stimmen dürfen sich zeigen, ohne die Nacht zu stören.
"Wache abgeben"
Innerlich oder laut sagen: „Heute passt der Erwachsene/das Selbst auf, ihr dürft schlafen.“Wirkung: Beschützer-Anteile können loslassen, Kinder-Anteile fühlen sich sicherer.
Kuscheltier oder Decke für Kind-Anteile
Ein kleines Stofftier oder eine bestimmte Decke ins Bett holen.Wirkung: Signale von Trost und Halt für jüngere innere Teile.
Gewicht oder Wärme nutzen
Eine Gewichtsdecke oder Wärmflasche auf den Bauch oder die Beine legen.Wirkung: Tiefer Druck und Wärme beruhigen das Nervensystem und vermitteln Sicherheit.
Sanfte Musik oder Hörbuch
Eine ruhige Playlist oder ein vertrautes Hörbuch laufen lassen.Wirkung: Bindungserfahrung durch Stimmen, Ablenkung von inneren Stimmen oder Flashbacks.
Duftanker
Ein Tropfen Lavendel oder ein vertrauter Geruch (z. B. ein bestimmtes Duschgel) als Duft im Zimmer.Wirkung: Geruch wirkt direkt im Gehirn – verbindet mit dem Hier und Jetzt.
Körperreise oder Fantasiereise
Im Bett bewusst durch den Körper gehen: „Ich spüre meine Füße… meine Beine… meinen Bauch…“Wirkung: Beruhigt, macht präsent, löst Anspannung.
Fester Abschlusssatz
Jeden Abend denselben beruhigenden Satz sagen, z. B.:„Heute ist vorbei. Ich bin sicher.“
„Wir dürfen schlafen, morgen ist ein neuer Tag.“
Wirkung: Wiederholung programmiert das Gehirn auf Sicherheit und Abschluss.
Tipp: Es müssen nicht alle Rituale auf einmal sein.
Oft reicht es, 2–3 kleine Schritte immer gleich zu machen
– dadurch entsteht ein innerer Rahmen, der Sicherheit gibt.