Warum wir keine Angst vor Traumaerinnerungen zu haben brauchen

Viele Betroffene fürchten sich nicht nur vor den Erinnerungen selbst, sondern vor dem, was mit ihnen verbunden ist: das Gefühl von Ohnmacht, von Ausgeliefertsein, von Handlungsunfähigkeit, von Starre.

Diese Angst ist verständlich. Sie gehört zu den Erfahrungen von damals – als man klein, wehrlos und abhängig war. Doch heute ist die Situation eine andere.

Erinnerungen sind nicht die damalige Realität

Ein Flashback fühlt sich an, als würde das Trauma wieder geschehen. Doch in Wirklichkeit ist es eine gespeicherte Erfahrung, die sich im Gehirn meldet. Es ist kein neuer Übergriff, keine neue Gefahr, keine Wiederholung. Heute sitzt man vielleicht sicher auf dem Sofa oder steht in der Küche – der Körper spielt nur eine alte Erfahrung nach: Erinnerungen.

Erinnerungen gehören zum eigenen Leben

So schlimm sie auch sind: Erinnerungen sind Teile der eigenen Geschichte. Sie zeigen, was man überstanden hat. Sie beweisen: Ich habe überlebt. Sich ihnen zu stellen bedeutet nicht, erneut durchzumachen, sondern zu begreifen: „Es war – und ich habe es geschafft.“ Wichtig ist, dass du sie unter "Erinnerungen" einordnest.

Erinnerungen sind dosierbar

Kein Anteil, kein Therapeut, kein Erwachsener muss „alles auf einmal“ öffnen. Erinnerungen können in kleinen Schritten angeschaut werden – Bild für Bild, Gefühl für Gefühl. Man darf jederzeit stoppen, Pausen machen, neu sortieren. Man muss nicht alles auf einmal zulassen. Erinnerungen können in kleinen Schritten betrachtet werden – Bild für Bild, Gefühl für Gefühl. Das bedeutet: Man hat heute die Wahl, wie viel man anschauen möchte. Es gibt eine Pausetaste, die es früher nicht gab.

Erinnerungen verlieren an Macht

Alles, was man vorsichtig ans Licht holt, verliert Stück für Stück seine bedrohliche Wirkung. Was im Verborgenen wirkt, erscheint unkontrollierbar. Was gesehen und eingeordnet wird, wird handhabbar. Mit der Zeit wird die Erinnerung ein Teil von vielen – nicht mehr das, was das ganze System bestimmt.

Gefühle sind Wellen – sie überschwemmen nicht für immer

Angst, Scham, Hilflosigkeit wirken im Flashback übermächtig. Doch Gefühle sind wie Wellen: Sie steigen an, erreichen einen Höhepunkt – und sie klingen ab. Man bleibt nicht für immer in diesem Zustand. Es geht vorbei. Das Nervensystem kehrt zurück ins Hier und Jetzt.

Das Heute bleibt stärker als das Damals

Ein Flashback kann sich bedrohlich anfühlen – aber er ist nicht stärker als die Gegenwart. Man lebt heute in einem anderen Umfeld, mit anderen Menschen, mit mehr Möglichkeiten. Das Damals kann nicht mehr in die Realität eingreifen.



Traumaerinnerungen können schmerzen.

Traumaerinnerungen können sich real anfühlen.

Es sind Erinnerungen.

Sie erzählen, was damals war.

Aber: Sie sind keine aktuelle Gefahr.

Und: Sie sind dosierbar. 

Heute bist du nicht mehr ausgeliefert.


Auch wenn sie sich so real anfühlen: Trauma-Erinnerungen sind keine aktuellen Gefahren. Sie sind gespeicherte Erfahrungen aus einer Zeit, in der man noch klein, wehrlos und abhängig war. Heute ist das anders: Man ist erwachsen, hat Schutzmöglichkeiten, Rechte, Wissen und Begleiter. Die Erinnerung kann nichts Neues zufügen – sie erzählt nur, was einmal war.



Alltagsbeispiele

Erinnerungen sind nicht die damalige Realität

Beispiel:

Du sitzt auf dem Sofa, plötzlich taucht ein inneres Bild auf: jemand schreit dich an. Dein Körper spannt sich an, der Puls rast – es fühlt sich an, als wärst du wieder im alten Szenario. 

Doch wenn du dich umschaust, siehst du: Du sitzt sicher im Wohnzimmer, draußen fahren Autos vorbei, vielleicht läuft sogar der Fernseher.

Hilfstechnik:

  • Sag dir innerlich laut: „Das war damals, nicht jetzt.“
  • Beschreibe drei Dinge im Raum (z. B. „der blaue Teppich, die Lampe, das Buch auf dem Tisch“).
  • Atme bewusst aus und spüre, wie die Luft deinen Körper verlässt.

So signalisierst du deinem Nervensystem: „Ich bin in der Gegenwart.“

Erinnerungen gehören zum eigenen Leben

Beispiel:

Beim Kochen steigt dir ein Geruch in die Nase – und plötzlich ist da ein Bild, wie du als Kind in einer bedrohlichen Situation warst. Es fühlt sich an, als würde es jetzt passieren.

Hilfstechnik:

  • Halte kurz inne und sag dir: „Das ist eine Erinnerung. Sie zeigt mir, was ich überlebt habe.“
  • Stell dir vor, wie du die Erinnerung in eine „innere Schachtel“ legst und diese Schachtel bewusst zur Seite stellst.
  • Erlaube dir, weiter im Heute zu bleiben: „Ich koche mir etwas Gutes, das mir heute Kraft gibt.“

So erkennst du: Die Erinnerung ist Teil deiner Geschichte – aber sie ist nicht deine Gegenwart.

Erinnerungen sind dosierbar

Beispiel:

In der Therapie oder im Alltag kommen Bilder hoch. Du merkst: Es wird zu viel. Dein Körper friert ein, du kannst kaum noch denken.

Hilfstechnik:

  • Erlaube dir, bewusst zu stoppen. Sage innerlich: „Genug für heute.“
  • Nutze eine konkrete Erdung: Geh ans Fenster, spüre frische Luft im Gesicht, trink einen Schluck kaltes Wasser.
  • Verabrede mit dir selbst: „Ich schaue das Bild nur so weit an, wie es heute geht – morgen kann ich entscheiden, ob ich weitergehe.“

So gewinnst du die Kontrolle zurück: Du bestimmst das Tempo.

Erinnerungen verlieren an Macht

Beispiel:

Früher hat dich jedes Flashback tagelang aus der Bahn geworfen. Heute merkst du: Wenn du ihn benennst und einordnest, lässt die Panik schneller nach.

Hilfstechnik:

  • Schreibe auf, was passiert ist: „Heute, 15 Uhr: Ich hatte ein Bild, aber ich habe erkannt, dass es eine Erinnerung ist.“
  • Lies später nach – so siehst du schwarz auf weiß: Die Erinnerung hat dich nicht zerstört, sie ist vorbeigegangen.

Wiederholung macht’s: Je öfter du erlebst, dass Erinnerungen nicht mehr alles beherrschen, desto mehr sinkt ihre Macht.

Gefühle sind Wellen – sie überschwemmen nicht für immer

Beispiel:

Du liegst abends im Bett. Plötzlich überrollt dich eine Welle aus Angst und Scham. Es fühlt sich an, als würdest du darin ertrinken.

Hilfstechnik:

  • Stell dir die Gefühle wie eine Welle vor, die kommt – und wieder geht.
  • Sag dir: „Es steigt auf – und es ebbt ab.“
  • Halte dich an etwas Festem: Dein Kissen, die Decke, einen Stein. Spüre, dass du getragen wirst.

So erlebst du konkret: Gefühle sind heftig, aber sie sind nicht endlos.

Das Heute bleibt stärker als das Damals

Beispiel:

Du sitzt mit Freunden am Tisch, plötzlich hörst du einen Satz, der dich an früher erinnert. Für Sekunden bist du innerlich weg.

Dann schaust du dich um: Hier sind Menschen, die dich mögen. Es ist 2025, du bist erwachsen.

Hilfstechnik:

  • Benenne innerlich drei Dinge, die dir zeigen: „Heute ist anders.“ (z. B. „Ich habe meinen eigenen Schlüssel. Ich habe mein Handy. Ich kann jederzeit gehen.“)
  • Wenn möglich: Sag dir leise ins Handy oder ins Ohr: „Heute bin ich sicher.“

Lächle bewusst, auch wenn es schwerfällt – so signalisiert dein Gesicht deinem Nervensystem: „Keine Gefahr.“



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