Von Schuld & Scham zur Selbstannahme & Mitgefühl mit sich selbst

Für viele Menschen mit Dissoziativer Identitätsstörung (DIS) gehören Schuld und Scham zu den tiefsten Gefühlen. Oft wurden sie in der Kindheit systematisch vermittelt: „Es ist deine Schuld, was passiert.“ „Du bist schlecht, falsch, zu viel.“ Diese Botschaften prägten das Nervensystem. Scham wurde zu einer zweiten Haut, Schuld zum ständigen Begleiter.

Heute tauchen diese Gefühle in Alltag und Triggern auf:

  • Innere Stimmen, die sagen: „Du hättest dich wehren müssen.“
  • Scham, gesehen zu werden, Scham für den eigenen Körper, Scham für die eigenen Bedürfnisse.
  • Manche Anteile verkörpern Schuld so sehr, dass sie Strafe suchen oder sich selbst klein machen.

Doch es gibt ein Gegengewicht: Selbstannahme und Mitgefühl. Das heißt nicht, alles „schönzureden“. Es bedeutet: Ich war nicht schuld am Unrecht. Ich darf mich annehmen, so wie ich bin. Ich darf mir Mitgefühl schenken.


Schemaübung: Von Schuld & Scham zur Selbstannahme in 7 Schritten

1. Auslöser erkennen

Etwas löst alte Schuld- oder Schamgefühle aus.
Beispiel: Kritik, ein Blick, eine Erinnerung.

2. Körper und Gefühle spüren

Signale: Wärme im Gesicht, Enge im Bauch, inneres Zusammenziehen.
Gefühle: „Ich bin falsch“, „Ich bin schuld“.

3. Innere Wahrheit benennen

Sich sagen: „Das Gefühl stammt aus früher – heute bin ich erwachsen.“

4. Gegensätze prüfen

Frage: „War ich damals wirklich verantwortlich? Oder habe ich nur überlebt?“

5. Selbstmitgefühl einladen

Die Hand aufs Herz legen, innerlich sagen: „Es war nicht deine Schuld. Du hast getan, was du konntest.“

6. Wirkung wahrnehmen

Spüren: Ein Stück Erleichterung, Weichheit, Ruhe.

7. Anerkennen

Innerlich würdigen: „Ich darf mich annehmen. Ich darf freundlich mit mir sein.“



Weitere Wege zur Selbstannahme & Mitgefühl

Heilsätze wiederholen

„Ich war nicht schuld.“ – „Ich bin genug.“ – „Ich verdiene Mitgefühl.“

Innere Kindarbeit

Dem inneren Kind sagen: „Es war nicht deine Verantwortung. Ich halte dich jetzt.“

Scham teilen

Einen sicheren Menschen oder ein Tagebuch einweihen – das entlastet.

Mitgefühl von außen annehmen

Lernen, Lob oder Zuwendung nicht sofort abzuwehren, sondern kurz wirken zu lassen.

Körperliche Geste

Eine Decke umlegen, sich selbst umarmen – Mitgefühl im Körper spüren.

Mitgefühl mit sich selbst üben wie einen Muskel

Täglich kurz an sich selbst denken: „Was bräuchte ich jetzt, wenn ich mein bester Freund wäre?“

Bilder oder Symbole nutzen

Ein warmes Licht, eine Hand auf der Schulter, ein Schutzengel – Bilder, die innere Härte durchbrechen.

Grenzen ziehen

Scham verliert Macht, wenn klar wird: „Die Verantwortung lag bei den Erwachsenen.“

Anteile entlasten

Den inneren Stimmen sagen: „Danke, dass du mich schützen wolltest – aber die Schuld gehört nicht mir.“

Selbstannahme feiern

Kleine Erfolge würdigen: „Ich habe für mich gesorgt. Ich habe Mitgefühl gespürt.“




Schuld und Scham waren einmal überlebenswichtig – sie hielten klein, still, unsichtbar.

Doch heute darf Neues entstehen. Selbstannahme heißt: Ich bin genug – mit all meinen Anteilen.

Mitgefühl heißt: Ich sehe meinen Schmerz – und ich halte ihn freundlich.

Jeder kleine Schritt sendet eine neue Botschaft:

„Es war nicht meine Schuld. Ich darf mich annehmen. Ich darf freundlich mit mir sein.“

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