Von der Härte des Lebens zur Sanftheit (Teil 1)

Warum wir Betroffene die Härte des Lebens kennen – aber kaum seine Sanftheit

Wer mit einer Dissoziativen Identitätsstörung lebt, kennt die Härte des Lebens oft nur zu gut. Härte hat uns begleitet – in Form von Gewalt, Abwertung, Kälte oder ständiger Überforderung. Viele von uns haben früh gelernt, dass nur Strenge schützt: streng mit den eigenen Gefühlen, streng mit den eigenen Bedürfnissen, streng mit den eigenen Anteilen.

Sanftheit dagegen blieb fremd. Kaum jemand hat uns beigebracht, wie es ist, weich gehalten zu werden,  getröstet zu werden,  geliebt zu werden ohne Bedingungen, ohne emotionale Kälte und ohne Abwertung. 

Sanftheit dagegen blieb fremd. Kaum jemand hat uns beigebracht, wie es ist, weich gehalten zu werden 
 

Härteerfahrungen im Leben vieler Betroffener:

Die Hauptursache ist schwere, wiederholte Traumatisierung in der Kindheit – besonders in einer Phase, in der die kindliche Psyche noch nicht stabil genug ist, um solche Belastungen zu verarbeiten. Gewalt und Vernachlässigung gehören dazu, aber es gibt noch weitere Faktoren:

1. Gewalt

wiederholte körperliche Übergriffe
sexualisierte Gewalt (auch im familiären Umfeld)
emotionale Grausamkeit: Beschämung, Demütigung, Drohungen
psychische / emotionale Gewalt (Abwertung, Drohungen, Einschüchterungen, Beschimpfungen, Liebesentzug, Schuldzuweisungen, permanentes Kleinmachen)
Sexuelle Gewalt (jede Form sexualisierter Handlungen gegen den Willen oder ohne Einwilligungsfähigkeit eines Kindes oder Erwachsenen. Dazu gehören Missbrauch, Ausbeutung, Nötigung, Übergriffe und auch das "Zwingen, zuzusehen")
Strukturelle Gewalt (ungleiche Machtverhältnisse oder Abhängigkeiten, in denen Kinder keine Stimme haben, z.B. Institutionen, die weggeschaut oder gedeckt haben, oder Eltern, die absolute Kontrolle ausübten)
Soziale Gewalt (Ausgrenzung, Isolation, Mobbing oder Entzug von sozialen Kontakten. Oft bewusst eingesetzt, um Betroffene kleinzuhalten oder gefügig zu machen)
Ökonomische Gewalt (Abhängigkeit über Geld oder Ressourcen: Kontrolle von Geld, Zuwendung nur gegen Bedingungen, Zwingen zur Arbeit oder Abgabe von Eigentum)
Geistig-spirituelle Gewalt: Missbrauch von religiösen oder weltanschaulichen Vorstellungen, um Gehorsam zu erzwingen, Schuldgefühle zu verstärken oder Abhängigkeit aufrecht zu erhalten. 

2. Vernachlässigung

körperlich: mangelnde Versorgung mit Nahrung, Schutz, medizinischer Hilfe
emotional: kein Trost, keine Zuwendung, kein Gefühl von Geborgenheit

3. Bindungstraumata

unsichere, desorganisierte Bindung zu den Eltern
wenn die Bezugsperson zugleich Quelle von Schutz und Bedrohung ist
ständige Ambivalenz: „Ich brauche dich – aber ich habe Angst vor dir“

4. Chronische Überforderung des kindlichen Nervensystems

keine Möglichkeit, Stress zu regulieren
Überflutung mit Reizen, Angst, Schmerzen, ohne Hilfe von außen
Kindergehirne reagieren mit Dissoziation, um zu überleben

5. Täterloyale Strukturen

Kinder werden oft in die Logik der Täter hineingezogen: Schweigen, Gehorsam, Schuldgefühle
das verstärkt Abspaltung und innere Zerrissenheit

6. Fehlen von Schutz und Unterstützung

niemand griff ein, obwohl Gewalt sichtbar war
Institutionen (Familie, Schule, Kirche, Heim) haben weggeschaut oder gedeckt
das Kind blieb mit der Gewalt allein

7. Frühkindliche Traumata

bereits im Kleinkindalter oder Vorschulalter erlebte Belastungen haben besonders starke Wirkung, weil das Ich-Gefühl noch nicht gefestigt war

Zur Entstehung einer DIS führen nicht nur Gewalt und Vernachlässigung, sondern vor allem die Kombination aus extremer, wiederholter Traumatisierung, fehlender Sicherheit, fehlendem Schutz und mangelnden Vorbildern für gesunde Bindung.


Warum Sanftheit fehlt

Viele von uns kennen die Härte, weil sie uns geprägt hat. Aber Sanftheit? Die blieb oft wie ein unbekanntes Land. Niemand hat uns beigebracht, wie es ist, weich gehalten zu werden, getröstet zu werden, geliebt zu werden – ohne Bedingungen, ohne Kälte, ohne Abwertung. Für viele DIS-Betroffene waren gab es diese Augenblicke viel zu selten. Für manche gar nicht.



Für manche von uns fühlt sich Sanftheit sogar unsicher an.
Sie bedeutet Loslassen, weicher werden, vielleicht sogar verletzlich sein.
Und genau das war früher gefährlich. Also blieb uns nur die Härte – als Schutz, als Überlebensregel, als innere Stimme: „Halte durch. Sei stark. Keine Schwäche zeigen.“



Warum wir heute Sanftheit brauchen und wie sie uns unterstützen kann

Um das Nervensystem zu beruhigen

Sanftheit hilft, aus dem ständigen Alarmzustand zurück in Ruhe und Sicherheit zu finden.

Um Gefühle willkommen zu heißen

Sie erlaubt, dass Traurigkeit, Angst oder Freude da sein dürfen – ohne Abwertung.

Um inneren Anteilen Raum zu geben

Anteile zeigen sich eher, wenn sie spüren: „Hier ist Freundlichkeit, keine Strafe.“

Um Vertrauen neu zu lernen

Sanftheit zeigt: Nähe kann sicher sein. Vertrauen darf langsam wachsen.

Um die Schärfe aus Konflikten zu nehmen

Sie macht möglich, dass innere Kämpfe nicht eskalieren, sondern leiser werden.

Um Fehler anders zu sehen

Fehler werden nicht mehr als Beweis von Schwäche gesehen, sondern als Schritte im Lernen.

Um Selbstfreundlichkeit zu entwickeln

Sanftheit lädt ein, liebevoller mit sich zu sprechen, statt sich innerlich hart zu kritisieren.

Um den Körper zu entlasten

Spannung, Anspannung und Druck weichen – Muskeln entspannen, Atmung wird tiefer.

Um Hoffnung zu spüren

Sanftheit macht erfahrbar: „Es darf leichter werden. Es muss nicht immer Kampf sein.“

Um Heilung möglich zu machen

Sie schenkt ein neues inneres Klima – Wärme, Vertrauen, Annahme – das die Grundlage für Heilung bildet.


Erste kleine Schritte

Sanftheit muss nicht groß sein. Sie zeigt sich in kleinen Gesten:

Morgens tief durchatmen

Den Tag nicht mit Druck beginnen, sondern drei ruhige Atemzüge nehmen.

Eine Decke umlegen

Sich bewusst einhüllen und spüren: „Hier ist Wärme, hier bin ich sicher.“

Ein sanftes Wort an sich selbst richten

Zum Beispiel: „Ich darf heute langsam gehen.“

Bewusst langsamer bewegen

Beim Gehen kleinere Schritte machen oder beim Kochen langsamer rühren.

Pausen erlauben

Zwischen zwei Aufgaben kurz innehalten und die Schultern locker lassen.

Tee oder warmes Getränk genießen, auch mal ein Stück Schokolade

Nicht nebenbei, sondern bewusst einen Schluck als Moment der Ruhe nehmen.

Hände aufs Herz legen

Eine kleine Geste: „Ich bin da für mich.“

Fehler freundlich umrahmen

Statt Selbstvorwurf: „Das war ein Versuch – und Versuche sind erlaubt.“

Ein sanftes Ritual am Abend

Kerze anzünden, Musik hören oder ein Licht dimmen, um den Tag weich zu beenden.

In den Himmel schauen

Ein kurzer Blick nach draußen – Wolken, Sterne oder Bäume beobachten.

Freundliche Sprache wählen

Innere Befehle („Los jetzt!“) ersetzen durch „Ich gehe Schritt für Schritt.“

Ein Kuschelkissen oder Stofftier halten

Etwas Weiches bewusst anfassen – als Signal: „Ich darf weich sein.“

Langsam atmen üben

Einatmen, sanft ausatmen, doppelt so lang – das beruhigt das System.

Innere Anteile freundlich begrüßen

„Hallo, schön, dass du da bist.“ – statt genervt reagieren.

 Ein „Stopp“ freundlich formulieren

Wenn es zu viel wird, leise und klar sagen: „Ich brauche eine Pause.



Es sind die stillen Dinge, die nach und nach ein neues inneres Klima schaffen.

Härte hat uns geprägt. Sanftheit darf uns jetzt begleiten. Nicht als Pflicht, nicht als Zwang – sondern als Einladung, uns selbst Stück für Stück liebevoller zu begegnen.



Härte hielt uns am Leben, Sanftheit hilft uns zu leben.



Heilsätze – Sanftheit annehmen

Ich darf sanft mit mir selbst sein.

Sanftheit ist Stärke, keine Schwäche.

Jeder Anteil in mir verdient Freundlichkeit.

Es ist erlaubt, weiche Wege zu gehen.

Sanftheit bringt Ruhe in mein System.

Ich darf lernen, mich selbst sanft zu halten.

Auch meine verletzten Anteile verdienen Wärme.

Sanftheit schafft Vertrauen in mir.

Ich darf freundlich mit meinen Grenzen umgehen.

Sanftheit hilft mir, sicher im Heute anzukommen.



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