Von der Fremdbestimmung zur Selbstbestimmung

Menschen mit Dissoziativer Identitätsstörung (DIS) haben oft erlebt, dass über ihr Leben entschieden wurde – ohne ihr Einverständnis. Als Kinder oder Jugendliche waren sie abhängig von Erwachsenen, die Macht ausübten: durch Gewalt, Kontrolle oder emotionale Erpressung. Das Nervensystem hat gelernt: „Ich habe keine Wahl. Andere bestimmen über mich.“ Heute zeigt sich dieses alte Muster oft in Triggern oder Alltagssituationen:

  • Man spürt sofortigen Druck, sich anzupassen.
  • Man sagt „Ja“, obwohl man „Nein“ meint.
  • Manche Anteile übernehmen automatisch die Rolle des „Funktionierens“.

Doch Heilung bedeutet auch, Schritt für Schritt Selbstbestimmung zurückzuerobern.

Selbstbestimmung heißt: Ich darf wählen. Meine Entscheidungen zählen. Ich bin nicht mehr ausgeliefert.


Schemaübung: Selbstbestimmung in 7 Schritten

1. Auslöser wahrnehmen

Etwas weckt das Gefühl, fremdbestimmt zu sein.

Beispiel: Jemand drängt zu einer Entscheidung, ein Anteil ruft: „Du musst!“

2. Gefühle und Körper spüren

Körper: Enge, Druck, Anspannung.

Gefühle: Zwang, Angst, innere Starre.

3. Innerlich innehalten

Sich einen Moment Zeit geben: „Ich muss nicht sofort reagieren.“

4. Handlungsspielraum prüfen

Frage: „Welche Wahlmöglichkeiten habe ich jetzt wirklich?“

Manchmal gibt es mehr Optionen, als der Stress vermuten lässt.

5. Kleine eigene Entscheidung treffen

Beispiel: Einen anderen Platz im Raum wählen, einen Satz umformulieren, bewusst etwas selbst aussuchen.

6. Wirkung wahrnehmen

Spüren: „Es fühlt sich anders an – ein Stück freier, klarer.“

7. Entscheidung anerkennen

Innerlich würdigen: „Ich habe gewählt. Ich habe bestimmt.“


Weitere Wege zur Selbstbestimmung

Mikro-Wahlübungen

Im Alltag bewusst kleine Dinge entscheiden: Welches Glas, welcher Stift, welches T-Shirt.

„Pause statt Reflex“

Bei Druck-Situationen bewusst sagen: „Ich brauche kurz Zeit, um zu überlegen.“

Eigene Stimme trainieren

Üben, Sätze zu sagen wie: „Ich möchte …“ – „Ich entscheide …“ – „Ich wähle …“.

Innendialog mit Anteilen

Fragen: „Wer von uns fühlt sich fremdbestimmt? Wer darf entscheiden?“ – Selbstbestimmung entsteht auch im Miteinander.

Schriftliche Entscheidungshilfe

Optionen aufschreiben, Vor- und Nachteile notieren – so wird sichtbar, dass es eine Wahl gibt.

Symbolische Handlungen

Etwas bewusst selbst wählen: Musik, Tasse, Sitzplatz. Auch kleine Entscheidungen sind Botschaften ans Nervensystem.

Nein sagen im Kleinen

Zuerst bei alltäglichen Dingen üben: „Nein, ich möchte das gerade nicht.“

Rückzug als Wahl

Sich bewusst aus einer Situation herausnehmen, statt „machen zu müssen“.

Vertrauenspersonen einbeziehen

Eine Entscheidung mit jemandem besprechen – nicht, um sie abzugeben, sondern um sie selbst zu festigen.

Langsam steigern

Von Mini-Entscheidungen zu größeren: erst Kleidung, dann Tagesstruktur, später wichtige Lebensentscheidungen.


Fremdbestimmung war einst Realität – es gab keine Wahl.

Doch heute gibt es Möglichkeiten, selbst zu wählen, auch wenn sie klein beginnen.

Jede bewusste Entscheidung sendet eine neue Botschaft:

„Ich darf bestimmen. Ich habe Einfluss. Mein Wille zählt.“


Mit der Zeit verwandeln sich alte Muster von Fremdbestimmung in neue Erfahrungen von Selbstbestimmung – ein Stück Freiheit, das bleibt.

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