Von der fehlenden Nähe zur Verbundenheit
Für viele Menschen mit Dissoziativer Identitätsstörung (DIS) ist Nähe ein schwieriges Thema.
Früher war Nähe oft unsicher: Zuwendung konnte mit Gewalt vermischt sein, Vertrauen wurde gebrochen, Bedürfnisse nach Trost blieben unerfüllt. Das Nervensystem hat gelernt: „Nähe bedeutet Gefahr.“ Als Schutz entstand oft Distanz, Abspaltung oder das Gefühl: „Ich brauche niemanden.“
Heute zeigt sich dieses Muster unterschiedlich: Manche fühlen innere Leere in Beziehungen. Andere sehnen sich nach Nähe, haben aber Angst, sie wirklich zuzulassen. Wieder andere wechseln zwischen Rückzug und Überanpassung.
Doch es gibt ein Gegengewicht: Verbundenheit. Verbundenheit bedeutet nicht, ständig nah bei anderen zu sein. Es heißt: Ich darf Nähe wählen – dosiert, sicher, in meinem Tempo.
Schemaübung: Von der fehlenden Nähe zur Verbundenheit in 7 Schritten
1. Auslöser wahrnehmen
Eine Situation ruft das Bedürfnis nach Nähe oder die Angst davor hervor.
Beispiel: Jemand bietet Umarmung an, ein Anteil spürt Einsamkeit.
2. Körper und Gefühle beobachten
Signale: Anspannung, Wärme, Kälte, Ziehen im Brustkorb.
Gefühle: Sehnsucht, Angst, innere Starre.
3. Innere Erlaubnis geben
Sich sagen: „Ich darf Nähe wählen – und ich darf Abstand halten.“
4. Handlungsspielraum prüfen
Fragen: „Welche Form von Nähe wäre jetzt möglich und sicher?“
Beispiel: Blickkontakt, ein Wort teilen, die eigene Hand halten.
5. Kleine Nähe-Erfahrung wagen
Beispiel: Kurz die Hand geben, sich einhüllen in eine Decke, einen Satz laut aussprechen.
6. Wirkung wahrnehmen
Spüren: „Es verändert etwas – ich fühle mich ein Stück weniger allein.“
7. Erfahrung anerkennen
Innerlich würdigen: „Ich habe Nähe zugelassen – in meiner Form, in meinem Tempo.“
Weitere Wege zur Verbundenheit
Selbst-Nähe üben
Sich selbst sanft berühren: Hand auf die Brust legen, die eigene Wange streicheln.
Sich symbolisch verbinden
Ein Armband, ein Stein oder ein Foto als Zeichen: „Ich bin verbunden – auch wenn niemand da ist.“
Dosierte Nähe zulassen
Nicht gleich ganze Umarmungen – manchmal reicht ein Blickkontakt oder ein kurzer Satz.
Innere Verbundenheit stärken
Anteile ansprechen: „Du bist nicht allein – ich bin hier.“
Natur als Nähe erleben
Sich mit einem Baum anlehnen, den Himmel betrachten, Wind im Gesicht spüren – Verbundenheit ohne Menschen.
Schriftliche Verbindung
Einen Brief schreiben – an eine vertraute Person, an ein inneres Kind, an sich selbst.
Sich erinnern, dass man dazugehört
In Gruppen oder Gemeinschaften kleine Schritte machen: zuhören, nicken, anwesend sein.
Rituale der Nähe
Abendlich eine Kerze anzünden für die eigene Verbindung zu sich und anderen.
Tierische Nähe nutzen
Haustiere oder Tiere in der Natur können Nähe schenken, die sich sicherer anfühlt.
Abgrenzung üben
Verbundenheit gelingt leichter, wenn klar ist: Nähe heißt nicht Verschmelzung. „Ich bin ich – und ich bin trotzdem verbunden.“
Fehlende Nähe war einst Schutz – sie hat vor Gefahr bewahrt.
Doch heute darf Nähe Schritt für Schritt wieder möglich werden.
Verbundenheit beginnt oft klein: ein Blick, eine Geste, ein sanfter Moment.
Jeder dieser Schritte ist eine neue Botschaft:
„Ich bin nicht allein. Ich darf verbunden sein.“