Von der Emotionslosigkeit zur Lebendigkeit

Viele Menschen mit Dissoziativer Identitätsstörung (DIS) haben in ihrer Kindheit gelernt, Gefühle abzuspalten.

Es war ein Schutz: Nicht fühlen = überleben. 

Denn Ärger konnte Strafe nach sich ziehen, Trauer wurde nicht getröstet, Freude wurde ausgelacht oder beschämt. Das Nervensystem speicherte: „Gefühle sind gefährlich. Am sichersten ist es, nichts zu spüren.“ Heute zeigt sich dieses Muster oft als innere Leere oder Taubheit. Manche berichten: „Ich fühle nichts – weder Freude noch Trauer.“ Andere erleben nur einzelne starke Gefühle, während vieles andere wie abgeschaltet bleibt. Auch innere Anteile können „wie eingefroren“ wirken – sie funktionieren, aber sie fühlen nicht.

Doch ein Gegengewicht ist möglich: Lebendigkeit.
Lebendigkeit heißt nicht, ständig große Emotionen zu haben.
Es bedeutet: Ich spüre mich wieder – auch in kleinen Regungen, leisen Gefühlen, feinen Nuancen.
 

Schemaübung: Vom Taubsein zur Lebendigkeit in 7 Schritten

1. Auslöser wahrnehmen

Etwas macht bewusst: „Ich spüre gerade nichts.“
Beispiel: Ein Ereignis, das eigentlich Gefühle auslösen müsste, bleibt innerlich leer.

2. Körper aufmerksam scannen

Fragen: „Wo spüre ich irgendetwas?“ – Wärme, Kälte, Druck, Atem.

3. Kleine Empfindung zulassen

Sich sagen: „Dieses Gefühl darf da sein, es ist nicht gefährlich.“

4. Mikro-Regung verstärken

Beispiel: Die Wärme in der Hand bewusst wahrnehmen, tiefer atmen, Bewegung hinzufügen.

5. Wirkung beobachten

Spüren: „Etwas verändert sich – ein kleiner Impuls, eine leichte Regung.“

6. Empfindung benennen

Worte geben: „Ich spüre ein Kribbeln. Ich fühle eine kleine Traurigkeit. Ich merke Ruhe.“

7. Anerkennen

Innerlich würdigen: „Ich habe etwas gefühlt. Es war klein – und doch ein Zeichen von Lebendigkeit.“

 

Weitere Wege zur Lebendigkeit

Musik bewusst hören

Ein Lied wählen, das berührt – und die erste Gefühlsregung wahrnehmen.

Farben und Düfte einsetzen

Ein intensiver Duft oder eine kräftige Farbe kann das Nervensystem anregen.

Bewegung einsetzen

Tanzen, Schaukeln, Stampfen – der Körper kann Gefühle wecken, wenn Worte fehlen.

Innere Stimmen befragen

Einen Anteil fragen: „Was fühlst du? Was würdest du fühlen, wenn es sicher wäre?“

Gefühls-Tagebuch führen

Nicht nur „große“ Gefühle eintragen – auch kleinste Nuancen zählen: „0,5 Freude, 1 Traurigkeit, 2 Ruhe.“

Kunst und Geschichten nutzen

Ein Film, ein Gedicht oder ein Bild kann Gefühle auslösen, die im Alltag verschlossen bleiben.

Mikro-Momente sammeln

Bewusst merken: „Heute habe ich kurz Wärme gespürt, ein kleines Lächeln, ein leises Kribbeln.“

Körperkontakt dosiert suchen

Eine Decke, ein Kissen, die Hand im warmen Wasser – sinnliche Reize können Lebendigkeit zurückbringen.

Atmung spüren

Den eigenen Atem beobachten, bewusst verändern – auch das ist ein Stück Lebendigkeit.

Sich selbst erlauben

Sich innerlich sagen: „Gefühle sind heute sicher. Ich darf lebendig sein.“
 


Emotionslosigkeit war einmal überlebenswichtig. 
Sie hat geschützt, wenn Gefühle zu gefährlich waren.
Doch heute darf sich das ändern. 
 Lebendigkeit bedeutet nicht, von Gefühlen überschwemmt zu werden.
Sie zeigt sich in den kleinen Regungen: ein Atemzug, ein Lächeln, ein warmer Moment.
 Jeder dieser Momente sendet eine neue Botschaft: „Ich lebe. Ich spüre. Ich bin da.“

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