Vom Damals ins Heute mit der "Zeitbrille"

Menschen mit einer Dissoziativen Identitätsstörung (DIS) kennen das Phänomen gut: Plötzlich fühlt es sich an, als sei man wieder im Damals. Ein Geräusch, ein Geruch oder eine Stimmung – und schon wirkt die Gegenwart wie ausgelöscht. Man reagiert, als wäre man zurück in der Vergangenheit.

Ein Bild, das dabei hilft, dieses Erleben zu verstehen, ist die Zeitbrille.

Sie ist ein hilfreiches Bild, um zu verstehen, warum Anteile manchmal völlig anders reagieren als erwartet. Sie zeigt: Es liegt daran, dass der Anteil die Welt noch durch eine alte Brille sieht. Heilung bedeutet nicht, diese Anteile loszuwerden – sondern ihnen nach und nach zu helfen, die Brille des Heute aufzusetzen.

Was bedeutet „Zeitbrille“?

Manche Anteile tragen sozusagen eine Brille, durch die sie die Welt sehen. Diese Brille ist auf eine bestimmte Zeit eingestellt – oft auf das Trauma-Damals.
  • Ein Kinderanteil trägt vielleicht die „Brille von 1989“ – für ihn ist er immer noch klein, schutzlos und abhängig.
  • Ein Schutzanteil trägt die „Brille von 1995“ – er erwartet ständig Gefahr und ist alarmbereit.
  • Ein Alltagsanteil trägt die „Brille von Heute“ – er geht arbeiten, macht Einkäufe, führt Gespräche.
 Das Problem: Wenn plötzlich ein Anteil mit der falschen Zeitbrille nach vorne kommt, entsteht Verwirrung. Dann fühlt sich die Gegenwart an wie die Vergangenheit – obwohl objektiv alles sicher ist.
 

Warum die Zeitbrille nicht automatisch wechselt

Traumatische Erfahrungen werden im Gehirn oft nicht als „Vergangenheit“ abgespeichert, sondern fragmentiert – als Gefühle, Körperempfindungen, Bilder. Diese Bruchstücke tauchen wieder auf, wenn ein Anteil vorne ist, der sie trägt. Für ihn gibt es keinen Unterschied zwischen „damals“ und „jetzt“.

Folgen der Zeitbrille der Vergangenheit

  • Gefühle ohne Bezug: Panik, Wut oder Traurigkeit tauchen auf, ohne dass ein Auslöser erkennbar ist.
  • Überreaktionen: Eine kleine Kritik fühlt sich an wie ein Angriff.
  • Orientierungslosigkeit: Der Anteil versteht nicht, warum die Umgebung nicht zu seinem inneren Erleben passt.
  • Konflikte: Alltagsanteile und Traumaanteile geraten aneinander – die einen sagen „alles ist gut“, die anderen „nein, wir sind in Gefahr“.

Wie kann ich bewusst die Zeitbrille wechseln?

Bei einer DIS erleben viele Anteile die Gegenwart durch die Brille von „Damals“. Sie fühlen, als wären sie noch mitten im Trauma – klein, bedroht, hilflos. Der bewusste „Brillenwechsel“ hilft, Realität und Erinnerung zu trennen. Das ist kein einmaliger Trick, sondern eine Übung, die mit der Zeit leichter wird.

1. Wahrnehmen, dass eine alte Brille aufgesetzt ist

Starke Gefühle ohne aktuellen Grund („Warum habe ich solche Panik?“).
Situationen wirken bedrohlich, obwohl sie objektiv sicher sind.
Man merkt: „Das passt nicht ins Heute.“
Erster Schritt: anerkennen – „Das ist die Damals-Brille.“

2. Gegenwartsbrille bewusst aufsetzen

Äußere Anker
Datum und Uhrzeit laut nennen: „Heute ist der 20. September 2025.“
Gegenstände berühren: Tischkante, Handy, Schlüssel → „Das ist von jetzt.“
In den Spiegel schauen: Gesicht, Kleidung, Alter bewusst wahrnehmen.

Körperliche Anker
Füße fest auf den Boden drücken: „Ich stehe im Hier.“
Tief atmen: einatmen → „Heute“, ausatmen → „Nicht damals.“
Einen Stein oder ein Band in der Hand halten → Symbol für Gegenwart.

Innere Kommunikation
Dem Anteil erklären: „Du siehst die Welt mit deiner alten Brille. Es ist 2025, wir sind groß, niemand bedroht uns.“
Ein Bild nutzen: eine alte Brille abnehmen, eine neue Brille aufsetzen.

3. Übergänge üben

Kurze Übungen: 5 Minuten bewusst im Heute ankommen, dann wieder Alltag.
Alltagsgegenstände beschriften („Heute ist …“) – als Erinnerung an die neue Brille.
Innere Routine: morgens bewusst die „Heute-Brille“ aufsetzen, abends wieder abnehmen.

4. Langfristig

Wiederholung macht es leichter – das Gehirn lernt neue Verbindungen.
Mit Therapie und Begleitung kann man die Brillenwechsel sicherer üben.
Ziel ist nicht, die Vergangenheit zu löschen, sondern die Wahl zu haben: „Ich kann heute entscheiden, welche Brille ich trage.“



Die Zeitbrille bewusst zu wechseln heißt:
merken, dass ein Anteil noch im Damals steckt, und ihm behutsam zeigen, 
dass die Gegenwart sicherer ist. 
Mit äußeren, körperlichen und inneren Ankern wird das Schritt für Schritt möglich.



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