Träume als korrigierende Erfahrung bei DIS - Wie Anteile sich selbst entlasten
Viele Menschen – nicht nur mit Dissoziativer Identitätsstörung (DIS), sondern auch mit anderen Traumafolgestörungen oder hoher Belastung – kennen das: Jahre oder sogar Jahrzehnte nach einem Ereignis träumt man noch davon. Typische Szenen sind Prüfungen, Klassenarbeiten, Trennungen, Auftritte oder andere Situationen, in denen man früher unter Druck stand und sich hilflos fühlte. Manche Träume wiederholen diese Erfahrung unverändert. Doch manchmal geschieht etwas Unerwartetes: Im Traum verhält man sich anders als damals. Statt vor Angst zu erstarren, schreibt man ruhig die Arbeit. Statt sich auslachen zu lassen, sagt man klar seine Meinung. Statt Ohnmacht zu erleben, handelt man aktiv.
Solche Träume sind mehr als nur „Nacherzählungen“ der Vergangenheit. Sie können als korrigierende innere Erfahrungen verstanden werden – Erfahrungen, in denen das innere System neue Handlungswege ausprobiert, die damals nicht möglich waren.
Warum solche Träume entstehen
Offene Schleifen im Nervensystem
Unverarbeitete Erlebnisse bleiben wie „eingefrorene Szenen“ gespeichert. Das Gehirn versucht, sie in Träumen immer wieder aufzugreifen – manchmal über Jahre hinweg.
Innere Selbstwirksamkeit
Während man früher keine Wahl hatte, eröffnet der Traum einen anderen Ausgang: man besteht die Prüfung, man verteidigt sich, man bleibt gelassen. Dieses Gefühl von „Ich konnte handeln“ kann das Selbstwertgefühl im Hier und Jetzt stärken.
Anteile nutzen die Nacht
Gerade bei DIS oder starker innerer Fragmentierung zeigen sich Anteile nachts freier. Sie wagen Dinge, die sie tagsüber aus Angst, Scham oder Schutzgründen nicht tun können.
Schritt zur Integration
Wenn sich ein jahrelang gleicher Traum plötzlich verändert, ist das oft ein Hinweis darauf, dass das innere System neue Kräfte entwickelt – ein Zeichen für Reifung und Integration.
Beispielhafte Traummuster
Prüfungsangst
Man sitzt in einer Klassenarbeit oder Prüfung und weiß nichts – oder hat die Vorbereitung „vergessen“.
→ korrigierende Variante: Man kann die Aufgabe lösen, bleibt ruhig oder erkennt: „Es ist vorbei, ich muss keine Arbeiten mehr schreiben.“
Zu spät kommen
Man rennt, verpasst den Zug oder die Stunde beginnt ohne einen.
→ korrigierende Variante: Man kommt rechtzeitig an oder stellt fest: „Ich darf jetzt in meinem Tempo gehen.“
Blamiert vor anderen
Man steht vor der Klasse, kann nicht sprechen, alle lachen.
→ korrigierende Variante: Man sagt selbstbewusst etwas, lacht über sich oder geht einfach aus der Situation.
Nackt oder unvorbereitet sein
Man merkt plötzlich, dass man ohne Kleidung oder ohne Material dasteht.
→ korrigierende Variante: Man hat plötzlich alles dabei, oder die anderen reagieren freundlich und verständnisvoll.
Gejagt werden
Jemand oder etwas verfolgt einen, ohne dass man entkommt.
→ korrigierende Variante: Man dreht sich um, stellt sich der Figur oder merkt: „Es ist nur ein Traum, ich bin sicher.“
Nicht sprechen oder sich nicht bewegen können
Man will rufen oder laufen, doch kein Ton kommt heraus und die Beine sind schwer.
→ korrigierende Variante: Man findet die Stimme, bewegt sich oder wacht mit dem Gefühl auf: „Ich habe Kraft.“
Verirrt sein
Man sucht einen Raum, eine Schule, ein Gebäude, findet aber nicht den richtigen Weg.
→ korrigierende Variante: Man entdeckt plötzlich einen klaren Weg nach Hause oder eine helfende Person.
Durchfallen oder nicht anerkannt werden
Man bekommt die Arbeit zurück: durchgefallen, nicht bestanden.
→ korrigierende Variante: Man besteht, oder es wird klar: „Diese Bewertung gilt heute nicht mehr.“
Ohnmacht oder Stillstand
Man ist in einer bedrohlichen Lage und erstarrt.
→ korrigierende Variante: Man wehrt sich, ruft um Hilfe oder bricht die Szene ab.
Verpasste Chancen
Man sieht eine Gelegenheit vorbeiziehen, kann aber nicht reagieren.
→ korrigierende Variante: Man ergreift die Chance oder erkennt: „Ich darf selbst entscheiden, was ich will.“
Ermordet werden
Man wird in einem Traum angegriffen, schwer verletzt oder getötet.
→ korrigierende Variante: Man überlebt, wehrt sich erfolgreich, wird gerettet oder erkennt: „Das ist vorbei, ich lebe jetzt.“
Heiraten
Man träumt von der eigenen Hochzeit – manchmal als Freude, manchmal als Zwang oder Verwirrung.
→ korrigierende Variante: Man heiratet aus freiem Willen, sagt bewusst Ja – oder erkennt im Traum: „Ich muss nicht heiraten, wenn ich es nicht will.“
Bedeutung für den Alltag
- Träume sind Signale, keine Zufälle: Sie zeigen, dass das Gehirn und das innere System neue Wege erproben.
- Selbstwirksamkeit ernst nehmen: Auch wenn es „nur im Traum“ geschieht – das Gefühl, handlungsfähig zu sein, ist real und kann Sicherheit im Alltag stärken.
- Anteile entlasten: Jene inneren Stimmen oder Selbstanteile, die lange in Ohnmacht oder Angst gefangen waren, erleben Entlastung durch den neuen Traumverlauf.
- Integration sichtbar machen: Solche Träume sind Hinweise darauf, dass Heilung nicht nur im Wachzustand, sondern auch unbewusst in der Nacht geschieht.
Praktische Schritte im Umgang mit korrigierenden Träumen
Aufschreiben
Direkt nach dem Aufwachen notieren: Was war diesmal anders?
Vergleich Realität – Traum
Zwei Spalten machen:
Früher: „Ich wusste nichts in der Arbeit.“
Traum: „Ich schrieb ruhig und konnte abgeben.“
Dialog führen
Innerlich anerkennen: „Danke, dass wir im Traum etwas Neues ausprobieren konnten.“
Symbolisches Nachspüren
Eine kleine Handlung am Tag, die das Traumerlebnis verstärkt – z. B. eine Aufgabe bewusst ohne Stress erledigen oder einen Satz mit Ruhe zu Ende bringen.
Therapie nutzen
Wiederkehrende oder veränderte Träume in die Therapie einbringen – sie zeigen Fortschritte und geben wertvolle Hinweise auf das innere Erleben.
Träume, in denen man anders handelt als in der Realität, sind kein reines Fantasieprodukt. Sie sind Ausdruck innerer Lernprozesse, in denen das Gehirn und die verschiedenen inneren Anteile neue Möglichkeiten erproben. Prüfungsangst, alte Konflikte, Ohnmachtssituationen – vieles kann in Träumen erneut auftauchen, aber mit einem neuen Ausgang.
Auch wenn die Vergangenheit nicht ungeschehen wird, können solche Träume Selbstbestimmung und innere Stärke spürbar machen. Sie zeigen: Heilung geschieht nicht nur in Gesprächen und Übungen am Tag, sondern manchmal auch mitten in der Nacht – wenn das innere System beginnt, Geschichte auf neue Weise zu erzählen.
Quellenangaben:
Van Heugten-van der Kloet, Dalena & Lynn, Steven J. (2020). Dreams and Dissociation — Commonalities as a Basis for Future Research and Clinical Innovations: Menschen mit Dissoziation berichten häufig, dass ihre Anteile als Traumfiguren erscheinen. Wiederkehrende Träume und Albträume spiegeln oft dissoziative Zustände wider. Schlafqualität beeinflusst dabei die Stärke der Dissoziation – schlechter Schlaf verstärkt Symptome, erholsamer Schlaf mindert sie.
Koffel, Erin & Watson, David (2009).Unusual Sleep Experiences, Dissociation, and Schizotypy: Evidence for a Common Domain: Ungewöhnliche Traumerfahrungen wie lebhafte Träume, Albträume oder nächtliche Verhaltensweisen stehen in engem Zusammenhang mit dissoziativen Symptomen. Traum- und Dissoziationserleben sind Teil desselben psychologischen Bereichs und beeinflussen sich gegenseitig.
Nijenhuis, Ellert R. S.; van der Hart, Onno; Steele, Kathy (2004).
Trauma-Related Structural Dissociation of the Personality.
Bei schweren Traumata spaltet sich die Persönlichkeit in unterschiedliche Subsysteme (ANP = alltagsorientierte Teile, EP = emotional gebundene Teile). Diese Anteile können in Träumen oder veränderten Bewusstseinszuständen auftreten, bevor sie im Alltag sichtbar werden.
Nijenhuis, Ellert R. S. (2015). The Trinity of Trauma: Ignorance, Fragility, and Control: Traumatisierte Selbstzustände äußern sich oft zuerst in Bildern, Körperreaktionen oder Träumen. Träume sind ein Zugang zu unvollendeten Szenen und fragmentierten Erinnerungen, die sonst abgespalten bleiben.
Nijenhuis, Ellert R. S.; van der Hart, Onno (2011).
Dissociation in Trauma: A New Definition and Comparison with Previous Formulations: Dissoziation bedeutet die Aufspaltung in mehrere bewusste Subsysteme des Selbst. Diese können in verschiedenen Zuständen auftreten – nicht nur im Alltag, sondern auch in hypnagogen Zuständen oder Träumen.
Nijenhuis, Ellert R. S.; van der Hart, Onno (2011).
Dissociation in Trauma: A New Definition and Comparison with Previous Formulations: Dissoziation bedeutet die Aufspaltung in mehrere bewusste Subsysteme des Selbst. Diese können in verschiedenen Zuständen auftreten – nicht nur im Alltag, sondern auch in hypnagogen Zuständen oder Träumen.