Therapieformen bei DIS
Die Behandlung einer Dissoziativen Identitätsstörung (DIS) gehört zu den komplexesten Aufgaben in der Psychotherapie. DIS entsteht nicht durch ein einzelnes traumatisches Ereignis, sondern durch langanhaltende und wiederholte Traumatisierungen in der frühen Kindheit. Das Kind überlebt, indem es Erfahrungen, Gefühle und Erinnerungen auf verschiedene Anteile abspaltet. Eine solche Struktur lässt sich nicht mit einer „Standardtherapie“ behandeln. Stattdessen braucht es ein langsames, phasenorientiertes Vorgehen, das Sicherheit, Stabilität und innere Zusammenarbeit fördert. Viele Betroffene machen die Erfahrung, dass sie zunächst andere Diagnosen und damit auch Behandlungsansätze erhalten, die nicht passend sind. Wichtig ist daher zu verstehen: Es gibt nicht die eine richtige Therapieform, sondern verschiedene Ansätze, die miteinander kombiniert werden können. Entscheidend ist, dass sie traumafokussiert, respektvoll gegenüber allen Anteilen und am Tempo des Systems orientiert sind.
Im Folgenden stelle ich die wichtigsten Therapieformen für DIS vor – mit ihren Zielen, Chancen und möglichen Risiken. So entsteht ein Überblick, der Orientierung bietet, ohne falsche Hoffnungen oder schnelle Lösungen zu versprechen.
1. Traumatherapie (phasisch, z. B. nach ISSTD)
Ziel: Schrittweise Behandlung in drei Phasen:Stabilisierung – Aufbau von Sicherheit, Alltag bewältigen, Symptome reduzieren.Traumabearbeitung – vorsichtige Konfrontation mit Erinnerungen, ohne Überflutung.
Integration – bessere Zusammenarbeit der Anteile, mehr Lebensqualität.
Chancen: Klare Struktur, orientiert an international anerkannten Leitlinien. Betroffene fühlen sich gehalten und weniger überfordert. Fortschritte sind nachhaltig, weil nichts überstürzt wird.
Risiken: Wenn Therapeut:innen zu schnell in Phase 2 gehen, kann das System destabilisieren: Flashbacks, mehr Amnesien, verstärkte Selbstverletzung.
2. Psychodynamische Psychotherapie
Ziel: Aufdecken von unbewussten Konflikten und Beziehungsdynamiken. Verstehen, wie traumatische Erfahrungen heutige Bindungen und Gefühle prägen.
Chancen: Hilft, Muster von Misstrauen, Scham oder Selbsthass zu durchschauen. Beziehungen zu Therapeut:innen können als korrigierende Erfahrung dienen.
Risiken: Wenn Anteile nicht gesehen werden, fühlen sich Betroffene missverstanden. Zu starke Fokussierung auf Deutungen kann retraumatisierend wirken („Das bildest du dir ein“).
Chancen: Hilft, Muster von Misstrauen, Scham oder Selbsthass zu durchschauen. Beziehungen zu Therapeut:innen können als korrigierende Erfahrung dienen.
Risiken: Wenn Anteile nicht gesehen werden, fühlen sich Betroffene missverstanden. Zu starke Fokussierung auf Deutungen kann retraumatisierend wirken („Das bildest du dir ein“).
3. Kognitive Verhaltenstherapie (KVT, angepasst)
Ziel: Praktische Strategien entwickeln, um mit Ängsten, Depressionen, Triggern und Alltagsproblemen umzugehen.
Chancen: Wirksam bei Begleiterkrankungen, stärkt die Fähigkeit, Gedanken und Verhalten bewusst zu steuern. Hilfreich für klare Strukturen im Alltag (z. B. Umgang mit Amnesien).
Risiken: Standard-KVT reicht bei DIS nicht aus. Wenn Anteile oder Dissoziation ignoriert werden, fühlen sich Betroffene unverstanden und „falsch behandelt“.
Chancen: Wirksam bei Begleiterkrankungen, stärkt die Fähigkeit, Gedanken und Verhalten bewusst zu steuern. Hilfreich für klare Strukturen im Alltag (z. B. Umgang mit Amnesien).
Risiken: Standard-KVT reicht bei DIS nicht aus. Wenn Anteile oder Dissoziation ignoriert werden, fühlen sich Betroffene unverstanden und „falsch behandelt“.
4. EMDR (Eye Movement Desensitization and Reprocessing)
Ziel: Traumatische Erinnerungen durch bilaterale Stimulation verarbeiten und entlasten.
Chancen: In stabilen Systemen kann EMDR sehr wirksam sein, um einzelne Traumafragmentierungen zu entschärfen. Oft spürbar schnellere Symptomreduktion.
Risiken: Bei DIS ist die Gefahr hoch, dass zu viele Erinnerungen gleichzeitig aktiviert werden. Das kann zu massiver Überflutung, mehr Anteilwechseln und Retraumatisierung führen, wenn keine ausreichende Stabilisierung vorhanden ist.
Chancen: In stabilen Systemen kann EMDR sehr wirksam sein, um einzelne Traumafragmentierungen zu entschärfen. Oft spürbar schnellere Symptomreduktion.
Risiken: Bei DIS ist die Gefahr hoch, dass zu viele Erinnerungen gleichzeitig aktiviert werden. Das kann zu massiver Überflutung, mehr Anteilwechseln und Retraumatisierung führen, wenn keine ausreichende Stabilisierung vorhanden ist.
5. Somatische Verfahren (z. B. Somatic Experiencing)
Ziel: Über Körperempfindungen Stress regulieren und eingefrorene Reaktionen lösen. Fokus auf das Nervensystem, nicht auf detaillierte Inhalte.
Chancen: Hilfreich für Anteile, die nicht sprechen können. Körperbewusstsein wird gestärkt, Betroffene spüren sich wieder mehr. Sanfter Zugang, ohne direkt Erinnerungen zu aktivieren.
Risiken: Manche Anteile empfinden Körperarbeit als bedrohlich (z. B. wenn Berührung Erinnerungen triggert). Ohne klare Grenzen kann es zu Überforderung kommen.
Chancen: Hilfreich für Anteile, die nicht sprechen können. Körperbewusstsein wird gestärkt, Betroffene spüren sich wieder mehr. Sanfter Zugang, ohne direkt Erinnerungen zu aktivieren.
Risiken: Manche Anteile empfinden Körperarbeit als bedrohlich (z. B. wenn Berührung Erinnerungen triggert). Ohne klare Grenzen kann es zu Überforderung kommen.
6. Systemische Therapie
Ziel: Das gesamte innere System als Netzwerk verstehen, Kommunikation zwischen Anteilen verbessern.
Chancen: Unterstützt die Idee, dass alle Anteile eine Funktion haben. Fördert Zusammenarbeit statt Kampf. Hilft auch bei familiären Problemen.
Risiken: Manche systemischen Schulen sind nicht traumafokussiert. Gefahr, DIS zu stark wie eine „Metapher“ zu behandeln und Anteile nicht ernst genug zu nehmen.
Chancen: Unterstützt die Idee, dass alle Anteile eine Funktion haben. Fördert Zusammenarbeit statt Kampf. Hilft auch bei familiären Problemen.
Risiken: Manche systemischen Schulen sind nicht traumafokussiert. Gefahr, DIS zu stark wie eine „Metapher“ zu behandeln und Anteile nicht ernst genug zu nehmen.
7. IFS (Internal Family Systems)
Ziel: Kontakt zwischen dem „Selbst“ (eine stabile innere Instanz) und den Anteilen herstellen. Jeder Anteil darf gehört werden, ohne bewertet zu werden.
Chancen: Sehr respektvoller Ansatz, der innere Vielfalt anerkennt. Viele DIS-Betroffene erleben es als entlastend, weil niemand „wegtherapiert“ wird. Stärkt innere Kommunikation.
Risiken: Bei fehlender Erfahrung mit DIS besteht Gefahr, dass Anteile zu schnell konfrontiert oder Traumainhalte zu früh geöffnet werden.
Chancen: Sehr respektvoller Ansatz, der innere Vielfalt anerkennt. Viele DIS-Betroffene erleben es als entlastend, weil niemand „wegtherapiert“ wird. Stärkt innere Kommunikation.
Risiken: Bei fehlender Erfahrung mit DIS besteht Gefahr, dass Anteile zu schnell konfrontiert oder Traumainhalte zu früh geöffnet werden.
8. Kreative Verfahren (Kunst-, Musik-, Schreibtherapie)
Ziel: Ausdruck ermöglichen, wenn Worte fehlen. Gefühle, Erinnerungen und innere Anteile über Kreativität sichtbar machen.
Chancen: Besonders hilfreich für Kinderanteile. Entlastet, weil das Unsagbare auf andere Weise gezeigt werden kann. Kann Selbstwirksamkeit stärken.
Risiken: Wenn Emotionen zu stark hochkommen, können Betroffene überfordert werden. Ohne Halt kann ein Bild oder ein Musikstück Erinnerungen unkontrolliert aufreißen.
Chancen: Besonders hilfreich für Kinderanteile. Entlastet, weil das Unsagbare auf andere Weise gezeigt werden kann. Kann Selbstwirksamkeit stärken.
Risiken: Wenn Emotionen zu stark hochkommen, können Betroffene überfordert werden. Ohne Halt kann ein Bild oder ein Musikstück Erinnerungen unkontrolliert aufreißen.
9. Hypnotherapie (ressourcenorientiert)
Ziel: Sanft Zugang zu Anteilen oder Ressourcen ermöglichen. Arbeit im Trancezustand, um neue Sicherheitserfahrungen zu verankern.
Chancen: Kann innere Kommunikation stärken, Anteile sichtbar machen, Ressourcen erlebbar machen.
Risiken: Ungeeignete Hypnose (z. B. direktive Verfahren, schnelle Konfrontation) kann gefährlich sein: Kontrollverlust, Retraumatisierung, verstärkte Dissoziation.
Chancen: Kann innere Kommunikation stärken, Anteile sichtbar machen, Ressourcen erlebbar machen.
Risiken: Ungeeignete Hypnose (z. B. direktive Verfahren, schnelle Konfrontation) kann gefährlich sein: Kontrollverlust, Retraumatisierung, verstärkte Dissoziation.
10. Ergänzende Verfahren
Ziel: Stabilität im Alltag unterstützen (z. B. mit Yoga, Achtsamkeit, Körperübungen, Selbsthilfegruppen). Medikamente bei Begleiterkrankungen wie Depression oder Angst.
Chancen: Alltagsentlastung, bessere Selbstregulation, Austausch mit anderen Betroffenen. Medikamente können Symptome deutlich lindern.
Risiken: Achtsamkeit kann Trigger auslösen (z. B. wenn Körperempfindungen überwältigend sind). Medikamente wirken nicht gegen DIS selbst – Gefahr, dass Ursachen überdeckt werden.
Keine Therapieform ist ein Allheilmittel. Entscheidend ist immer:
Chancen: Alltagsentlastung, bessere Selbstregulation, Austausch mit anderen Betroffenen. Medikamente können Symptome deutlich lindern.
Risiken: Achtsamkeit kann Trigger auslösen (z. B. wenn Körperempfindungen überwältigend sind). Medikamente wirken nicht gegen DIS selbst – Gefahr, dass Ursachen überdeckt werden.
Keine Therapieform ist ein Allheilmittel. Entscheidend ist immer:
- Tempo und Sicherheit des Systems,
- die Erfahrung der Therapeut:innen mit Trauma und Dissoziation,