Therapeutische Beziehung: Warum Vertrauen so schwerfallen kann

Therapie ist mehr als Methoden oder Techniken – sie lebt von Beziehung. Für Menschen mit Dissoziativer Identitätsstörung (DIS) ist diese Beziehung oft besonders schwierig. Vertrauen, Nähe und Bindung sind durch traumatische Erfahrungen verletzt worden. Heilung bedeutet, sich langsam wieder auf eine verlässliche Beziehung einzulassen – und das braucht Zeit.

 

Warum Vertrauen zur Therapeutin / zum Therapeuten schwerfallen kann:

  • Frühe Verletzungen – Bezugspersonen, die Sicherheit hätten geben sollen, waren selbst gefährlich.
  • Bindungsunsicherheit – Nähe war unberechenbar, Liebe oft an Bedingungen geknüpft.
  • Angst vor Wiederholung – das Gefühl, dass auch in der Therapie Missbrauch möglich wäre.
  • Innere Loyalitäten – Anteile fühlen sich Täter*innen verpflichtet oder misstrauen Helfenden.
  • Schutzmechanismen – Misstrauen ist ein erlerntes Überlebensmuster.

Typische Schwierigkeiten in der Therapie

  • Wechselnde Nähe-Distanz-Bedürfnisse – mal großer Wunsch nach Nähe, dann plötzlicher Rückzug.
  • Misstrauensanteile – stellen alles infrage oder blockieren Zusammenarbeit.
  • Abbrüche – Sitzungen werden gemieden oder Therapie wird ganz beendet.
  • Übertragung – Therapeut*in wird innerlich mit Täterfiguren verwechselt.
  • Abhängigkeit – Angst, ohne Therapie nicht bestehen zu können.
 

Was Betroffene brauchen

  • Geduld – Vertrauen wächst langsam, nicht auf Knopfdruck.
  • Klarheit – verlässliche Strukturen, feste Zeiten, klare Absprachen.
  • Respekt – kein Drängen, kein Überreden, kein Machtmissbrauch.
  • Sicherheit – das Wissen, jederzeit „Stopp“ sagen zu dürfen.
  • Wertschätzung – jeder Anteil wird ernst genommen.

 

Was Therapeut*innen beitragen können

  • Konstanz – beständige Haltung, auch wenn Anteile wechseln.
  • Transparenz – erklären, warum welche Schritte gemacht werden.
  • Grenzen – klare, respektvolle Regeln zum Schutz aller.
  • Fehler anerkennen – wenn etwas schiefgeht, offen damit umgehen.
  • Ressourcen stärken – nicht nur Trauma, sondern auch Fähigkeiten sehen.
 

Schritte, die Vertrauen fördern

  • Kleine Absprachen – zum Beispiel, wie Sitzungen beendet werden.
  • Langsamer Aufbau – erst Stabilisierung, dann tiefere Arbeit.
  • Innere Anteile einbinden – alle dürfen ihre Meinung sagen.
  • Verlässliche Rituale – Begrüßung, feste Abläufe, Abschied.
  • Erfolge sichtbar machen – auch kleine Schritte anerkennen.

 

Positive Wirkungen einer tragfähigen Beziehung

  • Innere Sicherheit wächst.
  • Mehr Bereitschaft zur Zusammenarbeit.
  • Weniger Angst vor Überflutung.
  • Größere Offenheit für Erinnerungsarbeit.
  • Stärkeres Gefühl von Selbstwert.


Eine therapeutische Beziehung bei DIS ist nie einfach. Sie wird von Misstrauen, Angst und alten Mustern begleitet. Doch gerade darin liegt die Chance: Wenn langsam, Schritt für Schritt, eine verlässliche und respektvolle Verbindung entsteht, kann das System erfahren, was früher gefehlt hat – Sicherheit, Halt und echte Nähe.

Vertrauen ist kein Anfangspunkt, sondern das Ergebnis vieler kleiner, beständiger Schritte.

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