Stimmen im Inneren : Gedanken, Gefühle, Körperempfindungen, Handlungsimpulse oder charakteristische Stimmen zuordnen
Menschen mit einer DIS erleben ihr Inneres oft nicht als einheitlich, sondern als ein Zusammenspiel verschiedener Anteile. Diese Anteile machen sich bemerkbar – manchmal deutlich, manchmal eher unterschwellig. Häufig tauchen dabei innere Stimmen auf.
Diese Stimmen sind nicht immer wortwörtlich zu hören wie bei einer Halluzination, sondern sie äußern sich auf verschiedene Weisen:
- als innere Gedanken, die plötzlich auftauchen,
- als Gefühle, die ohne erkennbaren Anlass spürbar werden,
- als Körperempfindungen, die nicht zur Situation passen,
- als Handlungsimpulse, die überraschend stark sind,
- oder auch durch einen bestimmten Tonfall, der kindlich, streng oder ungewöhnlich wirkt.
Für Betroffene kann das sehr verwirrend sein. Es stellt sich die Frage: Woher kommt das? Was bedeutet das? Wie gehe ich damit um?
Das Erwachsenen-Ich spielt hier eine entscheidende Rolle. Es kann beobachten, unterscheiden und benennen, welche Art von innerer Stimme sich meldet. Allein diese Unterscheidung schafft bereits mehr Übersicht und Stabilität. Denn je klarer erkennbar ist, auf welche Weise ein Anteil gerade Kontakt sucht, desto besser kann darauf reagiert werden.
Im Folgenden findest du fünf typische Formen, in denen innere Stimmen auftreten können – jeweils mit zehn Beispielen. Diese Übersicht soll helfen, Ordnung ins Innere zu bringen und die Wahrnehmung zu schärfen.
1. Gedankenstimmen
Merkmal: innere Sätze oder Dialoge im Kopf
„Das ist zu gefährlich.“ → Schutzanteil.
„Niemand versteht mich.“ → Verletzter Anteil.
„Ich hab keine Lust mehr.“ → Rückzugsanteil.
„Mach alles perfekt, sonst passiert etwas.“ → Kontrollanteil.
„Ich will rausgehen!“ → Abenteuerlustiger Anteil.
„Es lohnt sich nicht.“ → Resignierter Anteil.
„Ich darf keine Fehler machen.“ → Leistungsanteil.
„Bitte hör mir zu.“ → Bedürftiger Anteil.
2. Gefühlsstimmen
Merkmal: plötzlich auftauchende Emotionen ohne klaren äußeren Auslöser
Plötzliche Traurigkeit → Verlust-Anteil.Unerklärliche Wut → Schutz oder Abwehr.
Angst ohne Gefahr → kindlicher Anteil.
Schuldgefühle → alter Glaubenssatz („Ich bin schuld“).
Scham → verletzter Anteil erinnert sich an Demütigung.
Freude ohne Anlass → spielerischer Anteil.
Ekel → Erinnerung an Überforderung oder Missbrauch.
Übermäßige Sorge → ängstlicher Anteil.
Überforderung → inneres Kind „es ist zu viel“.
Erleichterung ohne Grund → Anteil fühlt kurzfristig Sicherheit.
3. Körperstimmen
Merkmal: Empfindungen oder Schmerzen ohne klare medizinische Ursache
Druck auf der Brust → Angst.Zittern der Hände → Nervosität, Unsicherheit.
Bauchschmerzen → innerer Stress.
Kopfschmerzen → Überforderung.
Schwere im Körper → Rückzugsbedürfnis.
Enge im Hals → „Nicht sprechen dürfen“.
Herzrasen → Alarmreaktion.
Schwindel → Dissoziationsbeginn.
Wärme im Bauch → Anteil fühlt sich sicher.
Taubheitsgefühl in Armen oder Beinen → Abspaltung/Schutzreaktion.
4. Handlungsimpulse
Merkmal: Drang, etwas sofort zu tun oder zu vermeiden
Essen ohne Hunger → Beruhigung.
Impuls, zu laufen → Flucht.
Wunsch, laut Musik zu hören → Ablenkung.
Bedürfnis, etwas zu zerstören → Wutanteil.
Drang, zu schweigen → Schutz.
Unruhe, sofort loszureden → Mitteilungsanteil.
Wunsch, zu malen oder schreiben → kreativer Anteil.
Drang, Nähe zu suchen → bindungsorientierter Anteil.
5. Charakteristische Stimmen (kindlich oder streng)
Merkmal: Tonfall oder Ausdruck wirken eindeutig „anders“.
„Ich hab Angst.“ (kindlich, leise).„Reiß dich zusammen!“ (streng, autoritär).
„Spiel mit mir!“ (kindlich, fordernd).
„Das ist verboten!“ (kontrollierend).
„Ich will nicht in die Schule!“ (trotzig, kindlich).
„Du bist schuld!“ (anklagend).
„Mir ist langweilig.“ (jugendlich).
„Ich beschütze dich!“ (fester Ton).
„Ich will das jetzt sofort!“ (impulsiv).
„Lass mich einfach in Ruhe.“ (resigniert).