Sichere Orte – Ruhe finden in der Außen- und Innenwelt
Wer mit einer Dissoziativen Identitätsstörung (DIS) lebt, trägt häufig innere Unruhe mit sich. Die Vergangenheit meldet sich in Form von Flashbacks, Körpererinnerungen oder Anteilen, die sich bedroht fühlen. Selbst wenn im Außen alles ruhig ist, kann es sich im Inneren so anfühlen, als lauere jederzeit Gefahr.
Viele Betroffene kennen daher kaum echte Entspannung. Der Körper bleibt in Alarmbereitschaft, das Nervensystem auf Habachtstellung. Gerade für kindliche Anteile ist das besonders quälend: Sie erleben die Welt oft weiterhin als unsicher, selbst wenn objektiv keine Gefahr besteht.
Die Methode der sicheren Orte setzt genau hier an. Sie schafft Rückzugsräume, in denen innere Anteile spüren: „Hier passiert nichts. Hier darf ich ausatmen.“ Diese sicheren Orte können äußerlich sein – ein Zimmer, ein bestimmter Platz im Park, die Couch zuhause – oder innerlich, als bewusst gestaltete Vorstellungsräume. Beides dient demselben Ziel: dem Nervensystem zu signalisieren, dass jetzt Sicherheit herrscht.
Ein sicherer Ort ist keine Flucht, sondern eine Stabilisierungsübung. Er ist wie ein Hafen, in den man sich zurückziehen kann, bis der Sturm sich gelegt hat. Wer ihn regelmäßig übt, trainiert sein Gehirn darauf, nicht nur die Bedrohung, sondern auch Sicherheit wahrzunehmen.
Hintergrund
Traumatisierte Menschen haben oft ein Nervensystem, das permanent Gefahr wittert. Das liegt daran, dass in früher Kindheit Schutz nicht verlässlich war. Das Gehirn hat gelernt: „Es kann jederzeit wieder passieren.“ Ein sicherer Ort wirkt dem entgegen, indem er ganz bewusst das Gefühl von Schutz, Geborgenheit und Ruhe aktiviert.
Neurobiologisch werden dabei Areale stimuliert, die für Regulation und Bindung zuständig sind (präfrontaler Kortex, parasympathisches Nervensystem). Kindliche Anteile lernen so: „Es gibt auch einen Platz ohne Bedrohung. Ich darf hier sein.“
Übung
- Einen äußeren Ort wählen. Suche dir einen Platz, an dem du dich wohlfühlst (z. B. deine Sofaecke, ein bestimmter Baum, dein Bett). Achte auf Details, die dich beruhigen.
- Gestalte dir nun an diesem äußeren Ort einen sicheren inneren Ort. Schließe die Augen und stelle dir einen Ort vor, an dem du dich sicher fühlst. Das kann eine Wiese, ein Raum, ein Strand oder eine Fantasieumgebung sein.
- Sinneseindrücke einbauen. Male dir den Ort genau aus: Welche Farben siehst du? Welche Geräusche hörst du? Wie riecht es dort?
- Schutz verstärken. Baue Elemente ein, die Sicherheit symbolisieren (eine Tür, die sich schließen lässt; eine Decke; eine Schutzfigur).
- Regelmäßig aufsuchen. Besuche diesen Ort innerlich so oft wie möglich, nicht nur im Notfall.
- Anteile einladen. Sprich deine inneren Anteile an: „Hier ist es sicher. Du kannst hier ausruhen.“
Wirkung
- Sofortige Entlastung für überlastete oder ängstliche Anteile.
- Aktivierung des Nervensystems in Richtung Ruhe und Regeneration.
- Gefühl von Kontrolle: „Ich kann mir Sicherheit erschaffen.“
- Bessere innere Kooperation: Kindanteile trauen sich eher zu zeigen, wenn sie sichere Rückzugsräume haben.
Alltagsbeispiel
Mark erlebt, dass sein ängstlicher Kinderanteil sich vor dem Einschlafen meldet. Statt in Panik zu geraten, richtet er sich ein Ritual ein: Er legt sich ins Bett, nimmt sein Lieblingskissen und schließt die Augen. Dann stellt er sich eine Hütte am Waldrand vor, warm beleuchtet, mit einer festen Tür. Er sagt innerlich zu dem Anteil: „Du darfst hier bleiben. Es passiert nichts. Ich wache draußen.“ Mit der Zeit wird diese Vorstellung so vertraut, dass der Anteil sich schneller beruhigt und Mark besser schlafen kann.
Tipps & Varianten
- Einen Gegenstand im Außen als Anker für den sicheren Ort nutzen (Kissen, Decke, Duftöl).
- Den inneren Ort zeichnen oder beschreiben, um ihn greifbarer zu machen.
- Für Kinderanteile: Fantasieorte mit Tieren, Spielzeug oder Schutzfiguren einbauen.
- Notfallregel: Wenn die Vorstellung kippt (z. B. doch Gefahr auftaucht), sofort abbrechen und einen neuen, stabileren Ort aufbauen.