Ressourcen bei DIS – Überleben ist mehr als Trauma

Menschen mit Dissoziativer Identitätsstörung (DIS) tragen nicht nur die Last von Gewalt und Spaltung, sondern auch ungeheure Ressourcen. Oft wird übersehen, dass eine DIS überhaupt nur entstehen kann, weil das Gehirn kreativ, flexibel und überlebensstark arbeitet. Die Spaltung in Anteile ist nicht einfach ein Defizit, sondern eine hochkomplexe Strategie, die Leben rettet. Diese Fähigkeit selbst ist bereits eine Ressource.

Ressourcen bei DIS zeigen sich in vielen Formen. Manche sind offensichtlich: bestimmte Anteile können den Alltag strukturieren, Termine wahrnehmen, Rechnungen bezahlen, das Leben nach außen hin aufrechterhalten. Andere Ressourcen sind subtiler: innere Stimmen, die trösten, kleine Erinnerungen an schöne Momente, ein Sinn für Humor, der trotz allem geblieben ist. Auch die Fähigkeit, in der schlimmsten Lage nach Lösungen zu suchen, ist eine Form von Ressource.

Es gibt kreative Ressourcen, die sich in Malen, Schreiben, Musizieren oder anderen Ausdrucksformen zeigen. Manche Systeme entdecken, dass bestimmte Anteile besonders verbunden sind mit der Natur – sie finden Ruhe beim Spaziergang, beim Beobachten des Himmels oder beim Hören von Vogelstimmen. Andere haben Anteile, die einen starken Sinn für Gerechtigkeit entwickelt haben, die sich klar für die Wahrheit einsetzen. All das sind Kräfte, die nicht nur im Überleben, sondern auch im Heilungsprozess wertvoll sind.

Auch Bindung kann eine Ressource sein – so zerbrochen sie durch Täterloyalität auch ist. In vielen Systemen gibt es Anteile, die die Sehnsucht nach Beziehung, nach Nähe, nach Zuwendung bewahren. Diese Sehnsucht ist keine Schwäche, sondern der Motor dafür, überhaupt Heilung zu suchen. Sie zeigt, dass da ein inneres Wissen ist: „Ich habe es verdient, gehalten zu werden.“

In der therapeutischen Arbeit ist es entscheidend, diese Ressourcen sichtbar zu machen. Oft sind Betroffene so sehr mit Schmerz, Angst und inneren Konflikten beschäftigt, dass sie die eigenen Stärken nicht wahrnehmen. Therapeut*innen können helfen, kleine Alltagsressourcen zu würdigen: die Fähigkeit, Grenzen zu spüren, die Entscheidung, Hilfe zu suchen, die innere Organisation, die das Leben trotz allem möglich macht. Jede noch so kleine Ressource ist ein Baustein für Stabilität.

Ressourcenarbeit bedeutet auch, das innere Team zu stärken. Nicht alle Anteile sind traumatisiert oder täterloyal. Manche tragen Freude, Neugier, Stärke, Gelassenheit. Wenn sie bewusst angesprochen und eingeladen werden, können sie anderen Anteilen Halt geben. Es ist ein Prozess des Erinnerns: „Wir haben mehr in uns als nur Verletzung. Wir haben auch Kraft.“

Am Ende zeigt sich: Ressourcen bei DIS sind nicht etwas Zusätzliches, das man mühsam aufbauen muss. Sie sind schon da – in der Struktur, in den Anteilen, in der Kreativität, die das Überleben möglich gemacht hat. Sie zu entdecken und zu pflegen, ist ein wesentlicher Teil der Heilung.

Ressourcen bei DIS

Ressourcen sind nicht nur „starke Fähigkeiten“, sondern auch kleine Dinge, die im Alltag Halt geben und Anteile beruhigen können.

Innere Ressourcen (im System selbst)

Ein strukturierter Alltagsanteil, der Rechnungen bezahlt.
Ein Anteil, der gut lernen und verstehen kann.
Humor, der auch in schweren Momenten erhalten blieb.
Ein innerer Beschützer, der Grenzen setzt.
Ein Anteil, der Freude an Spielen oder Neugier bewahrt hat.
Erinnerungen an positive Erfahrungen (Geruch, Lied, Ort).
Die Fähigkeit, Gefühle in Worte oder Bilder zu fassen.
Innere Orte, die sicher wirken (z. B. eine Fantasie-Wiese).
Ein Anteil, der körperlich stark oder sportlich ist.
Das Wissen: „Ich habe schon Schlimmes überlebt.“

Äußere Ressourcen (Umgebung & Dinge)

Ein geschützter Rückzugsraum in der Wohnung.
Haustiere, die Nähe und Trost geben.
Naturerlebnisse: Wald, Meer, Himmel.
Musik hören, die beruhigt oder stärkt.
Kreativmaterialien: Farben, Papier, Ton.
Bücher, die Halt oder Ablenkung geben.
Hilfsmittel wie Handy-Kalender oder To-do-Listen.
Lieblingskleidung, die Sicherheit vermittelt.
Warme Dinge: Decke, Tee, Wärmflasche.
Ein vertrauter Gegenstand (Schmuckstück, Stein, Stofftier).

Beziehungsressourcen (Kontakt mit anderen)

Eine vertrauensvolle Therapeutin oder Therapeut.
Eine verlässliche Freundin, die zuhört.
Austausch in einer Selbsthilfegruppe.
Online-Communitys, in denen man sich verstanden fühlt.
Ein Partner, der Sicherheit vermittelt.
Einzelne Familienmitglieder, die Halt geben.
Spirituelle oder religiöse Begleitung.
Menschen, die Beständigkeit zeigen (z. B. Nachbar, Kollegin).
Therapeutisches Tier (Hund, Pferd).
Professionelle Helferinnen wie Ärztinnen oder Betreuer*innen.

Kreative & lebenspraktische Ressourcen

Schreiben: Tagebuch, Blog, Gedichte.
Malen, Zeichnen, Collagen gestalten.
Musik machen: singen, ein Instrument spielen.
Tanzen oder Bewegung zur Stresslösung.
Kochen oder Backen als Selbstfürsorge.
Kleine Rituale (Kerze anzünden, Tee trinken).
Körperübungen wie Yoga, Dehnen, Atemübungen.
Spaziergänge mit festem Rhythmus.
Ordnungssysteme: Kalender, Wochenplan.
Humor, Serien oder Filme, die guttun.

Beliebte Posts aus diesem Blog

Unterschiede und Gemeinsamkeiten: DIS, Borderline, PTBS und KPTBS

Beziehungsaus bei DIS – warum Trennungen so schwer und so schmerzhaft sind

Impressum