Realitätschecks bei DIS – Warum sie so wichtig sind

 Menschen mit einer dissoziativen Identitätsstörung (DIS) kennen das Gefühl, plötzlich „weg“ zu sein: Zeitlücken, das Gefühl, neben sich zu stehen, oder innere Stimmen, die die Wahrnehmung überlagern. In solchen Momenten kann die Verbindung zur Gegenwart zerbrechen. Realitätschecks sind kleine Übungen, die helfen, das Hier und Jetzt bewusst wahrzunehmen und die innere Sicherheit zu stärken.


Warum Realitätschecks bei DIS so zentral sind

  • Dissoziation trennt vom Jetzt: Das Gehirn blendet Wahrnehmung aus, um Überlastung zu vermeiden.
  • Anteile übernehmen: Ein Wechsel kann dazu führen, dass die Orientierung im Alltag verloren geht.
  • Trigger reißen zurück: Ein Geräusch oder ein Geruch löst plötzlich das Gefühl aus, wieder im Trauma zu sein.
  • Realitätschecks erinnern den Körper und den Geist daran, dass die Gefahr vorbei ist. Sie sind kein Allheilmittel – aber ein Werkzeug, das Betroffene immer wieder zurück in die Gegenwart holen kann.


Praktische Realitätschecks für den Alltag

Körper spüren

Beispiel: Beide Füße fest auf den Boden stellen, Gewicht bewusst verteilen.
Tipp: Einen Stein, eine Kugel oder etwas Schweres in die Hand nehmen.

Umgebung benennen

Beispiel: Laut drei Dinge aufzählen, die du gerade siehst.
Tipp: Besonders hilfreich, wenn die Innenwelt stärker wirkt als die Außenwelt.

Temperatur nutzen

Beispiel: Hände unter kaltes Wasser halten.
Tipp: Coolpack oder Eiswürfel bereithalten.

Gerüche einsetzen

Beispiel: An Pfefferminzöl oder Zitrone riechen.
Tipp: Ein Fläschchen unterwegs dabeihaben.

Zeit verankern

Beispiel: Datum und Uhrzeit laut sagen.
Tipp: Die Handy-Uhr vorzeigen oder laut die Tageszahl sprechen.

Farben fokussieren

Beispiel: Suche drei blaue Dinge im Raum.
Tipp: Mit Lieblingsfarben arbeiten, um positive Gefühle zu aktivieren.

Berührung bewusst einsetzen

Beispiel: Die Hände fest aneinanderreiben oder auf die Oberschenkel klopfen.
Tipp: Kann auch im Sitzen unauffällig angewendet werden.

Zahlen oder Buchstaben nennen

Beispiel: Von 10 rückwärts zählen.
Tipp: Laut oder im Kopf – beides bringt Ordnung ins Denken.

Bewegung einbauen

Beispiel: Aufstehen, den Raum wechseln oder die Arme ausschütteln.
Tipp: Kleine Bewegung reicht, um das Nervensystem umzuschalten.

Laut sprechen

Beispiel: „Ich bin hier, ich bin 2025, ich bin erwachsen.“
Tipp: Besonders wirksam, wenn die innere Zeitreise stark ist.

Musik oder Geräusche nutzen

Beispiel: Einen klaren Klang hören, z. B. eine Klangschale oder Glocke.
Tipp: Auch ein Lieblingslied kann ins Jetzt ziehen.

Fotos oder Symbole ansehen

Beispiel: Ein Bild vom heutigen Zuhause oder Haustier anschauen.
Tipp: In der Brieftasche oder auf dem Handy bereithalten.

Geschmack aktivieren

Beispiel: Ein Bonbon lutschen oder etwas Bitteres probieren.
Tipp: Intensiver Geschmack bringt sofort ins Hier.

Orientierung im Raum

Beispiel: Den Raum scannen: „Wo ist die Tür, wo ist das Fenster?“
Tipp: Lautes Benennen verstärkt den Effekt.

Realität schriftlich festhalten

Beispiel: Ein kurzes Stichwort aufschreiben: „Heute ist Freitag, ich bin in meiner Wohnung.“
Tipp: Kleine Notizkarten vorbereiten und in die Tasche stecken.

So gelingt die Anwendung:

  • Üben in ruhigen Momenten: Realitätschecks wirken besser, wenn sie nicht nur in Notlagen angewendet werden, sondern schon vorher vertraut sind.
  • Nicht überfordern: Ein, zwei Methoden reichen. Zu viele Möglichkeiten können verwirren.
  • Individuell anpassen: Jeder Anteil reagiert anders. Es lohnt sich, gemeinsam herauszufinden, was funktioniert.

Beispiel:

Eine Betroffene merkt plötzlich im Supermarkt, dass sie „abdriftet“: Die Regale verschwimmen, das Herz rast, Panik steigt auf. Statt den Laden zu verlassen, stellt sie beide Füße bewusst auf den Boden, nennt drei Dinge, die sie sieht, und riecht an einem kleinen Fläschchen mit Pfefferminzöl. Nach wenigen Minuten ist die Orientierung wieder da – die Realität gewinnt gegen die innere Flut.

Realitätschecks sind kleine, unscheinbare Helfer im Alltag mit DIS. Sie holen das Nervensystem zurück in die Gegenwart und geben den Anteilen das Signal: „Wir sind heute, wir sind sicher.“ Mit regelmäßiger Übung werden sie zu einem wichtigen Anker – auch in Situationen, die sonst von Dissoziation bestimmt wären.

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