Partnerschaft bei DIS: Wenn Rückzug auf Nähe trifft

Partnerschaften leben von Austausch, Nähe und dem Gefühl, füreinander da zu sein. Doch was passiert, wenn die Bedürfnisse beider Partner scheinbar entgegengesetzt sind? Wenn der eine Partner in Belastungssituationen zum Schweigen und Rückzug neigt, während der andere gerade dann Nähe und Reden sucht?

Dieses Spannungsfeld ist für viele Paare herausfordernd – besonders dann, wenn einer der Partner mit einer Dissoziativen Identitätsstörung (DIS) lebt. Denn Schweigen und Rückzug sind dort nicht nur eine Laune, sondern ein tief verankertes Schutzmuster.


Zwei Schutzstrategien im Gegensatz

Der schweigende, zurückziehende Partner

Viele Betroffene mit DIS haben gelernt: Wer still ist, fällt nicht auf. Wer sich zurückzieht, ist sicherer. Schweigen und Rückzug sind Strategien, die einst in gefährlichen Situationen überlebensnotwendig waren. Sie helfen, Überforderung und Trigger abzuwehren.

Der Nähe suchende, redende Partner

Andere Menschen haben genau das Gegenteil gelernt: Sicherheit entsteht durch Austausch. Reden klärt Missverständnisse, Nähe vermittelt Geborgenheit. Schweigen und Distanz wirken bedrohlich, weil sie Unsicherheit und Einsamkeit verstärken.


Wenn beide Muster aufeinandertreffen, 

kommt es leicht zu Verletzungen

 – obwohl beide Partner nur versuchen, sich zu schützen.


Typische Missverständnisse

Der Rückzug wirkt wie Ablehnung

Beispiel: Der eine Partner schweigt, setzt sich ins Nebenzimmer oder verlässt das Gespräch. Für den anderen fühlt sich das an wie ein „Du bist mir egal“, obwohl es in Wahrheit ein Schutzmechanismus ist.

Das Nähe-Suchen wirkt wie Bedrängung

Beispiel: Der eine Partner möchte sofort reden: „Bitte sag mir, was los ist, wir müssen das klären.“ Für den anderen ist das überwältigend – er fühlt sich gedrängt und zieht sich noch mehr zurück.

Beide fühlen sich unverstanden

Während der Nähe-Suchende denkt: „Warum redest du nicht mit mir?“, denkt der Rückziehende: „Warum lässt du mich nicht in Ruhe?“ So entsteht ein Teufelskreis, in dem beide nur noch stärker in ihre Muster rutschen.



Konkrete Alltagsszenen

Abendliche Diskussion:

Sie will über ein Missverständnis sprechen, er schweigt und schaut weg. Sie redet immer weiter, ihre Stimme wird dringlicher. Er steht irgendwann auf und verlässt den Raum. Beide fühlen sich verletzt – sie, weil er geht, er, weil er sich überrollt fühlt.

Nach einer stressigen Situation:

Ein Streit mit Freunden oder Familie belastet beide. Er zieht sich sofort zurück, vielleicht sogar wortlos. Sie sucht Nähe, will sich austauschen. Ihre Annäherung wirkt für ihn wie Bedrohung, seine Distanz für sie wie Zurückweisung.

In der Partnerschafts-Kommunikation allgemein:

Einer sagt: „Wenn du nicht mit mir sprichst, fühle ich mich verlassen.“ Der andere denkt: „Wenn ich sprechen soll, fühle ich mich bedroht.“ Beide erleben denselben Moment völlig unterschiedlich.


Warum beide Muster Sinn ergeben

Schweigen und Rückzug: Aus traumatischer Vergangenheit gelernt, um zu überleben. Nicht reden, nicht auffallen, nicht sichtbar sein – das war Sicherheit.

Nähe und Reden: Gelernt, um Sicherheit durch Bindung und Klarheit zu schaffen. Austausch schützt vor Unsicherheit und Alleinsein.

Beide Strategien sind logisch, beide haben ihren Platz. Doch sie passen nicht automatisch zusammen.


Wege, diese Unterschiede zu überbrücken

Verstehen statt bewerten

Sich bewusst machen: Schweigen ist Schutz, kein Desinteresse. Nähe ist Bedürfnis, keine Kontrolle.

Signale vereinbaren

Kleine Sätze können helfen:

Rückziehender Partner: „Ich brauche eine Pause, aber ich komme wieder.“

Nähe-Suchender Partner: „Ich warte auf dich, und ich bin da, wenn du reden kannst.“

Zeitfenster schaffen

Nicht alles sofort lösen wollen. Für den Nähe-Suchenden kann es hilfreich sein zu wissen: „Wir reden morgen.“ Für den Rückziehenden ist es wichtig: „Ich darf jetzt Pause haben.“

Alternative Wege der Kommunikation

Briefe, Nachrichten oder kurze Notizen können eine Brücke sein. Ein Zettel mit „Ich kann gerade nicht reden, aber ich bin da“ verhindert, dass der andere sich verlassen fühlt.

Langfristig Vertrauen aufbauen

Wiederholte, verlässliche Erfahrungen schaffen Sicherheit. Wenn der Nähe-Suchende merkt, dass der Rückziehende tatsächlich zurückkommt, wächst Vertrauen. Wenn der Rückziehende merkt, dass er in Ruhe gelassen wird, wächst ebenfalls Vertrauen.


Wenn in einer Partnerschaft ein Partner zum Rückzug neigt und der andere gleichzeitig Nähe sucht, entsteht leicht eine Spirale von Verletzungen. Doch hinter beiden Mustern steckt keine Ablehnung, sondern der Versuch, Sicherheit zu gewinnen – nur auf völlig unterschiedliche Weise.


Der eine schützt sich, indem er verschwindet.

Der andere schützt sich, indem er Verbindung sucht.


Wer das erkennt, kann anfangen, nicht gegeneinander zu kämpfen, sondern nebeneinander Sicherheit zu finden. So wird aus einem scheinbaren Gegensatz eine Chance, neue Wege der Beziehung zu gestalten – mit mehr Verständnis, Geduld und gegenseitigem Respekt.


Brückensätze für beide (weil sie die Brücke zwischen Rückzug und Nähe schlagen) 

Für den Partner, der sich zurückzieht (damit der andere weiß: es ist Schutz, nicht Ablehnung)

„Ich brauche gerade eine Pause, aber ich komme später wieder.“

„Es ist mir zu viel, ich muss mich kurz zurückziehen.“

„Ich kann jetzt nicht reden, aber du bist mir wichtig.“

„Bitte warte ein bisschen, ich komme auf dich zu, wenn es geht.“

„Es liegt nicht an dir, sondern daran, dass ich mich überfordert fühle.“

„Ich brauche Ruhe, nicht Distanz zu dir.“

„Ich bin noch da, auch wenn ich gerade still bin.“

„Ich schaffe gerade keine Worte, aber ich will den Kontakt nicht abbrechen.“

„Kannst du mir 30 Minuten Zeit geben, dann versuche ich zu reden?“

„Ich ziehe mich zurück, um mich zu sortieren – nicht, um dich wegzustoßen.“


Für den Partner, der Nähe sucht (damit der andere nicht überfordert wird und dennoch Sicherheit spürt)

„Ich merke, du brauchst Ruhe – ich bleibe in der Nähe, bis du soweit bist.“

„Mir ist wichtig, dass wir reden, aber ich kann warten.“

„Ich fühle mich unsicher, wenn du schweigst – kannst du mir sagen, ob du später zurückkommst?“

„Ich brauche Nähe, aber ich möchte dich nicht bedrängen.“

„Es hilft mir, wenn ich weiß, wann wir wieder sprechen.“

„Du darfst dir Zeit nehmen – und ich bin da, wenn du soweit bist.“

„Ich nehme dein Schweigen nicht als Ablehnung, sondern als Schutz.“

„Ich wünsche mir Kontakt, aber ich respektiere deine Grenzen.“

„Es beruhigt mich, wenn du mir ein kleines Zeichen gibst, dass du da bist.“

„Wir müssen es nicht sofort klären – mir reicht, wenn ich weiß, dass wir es nicht vergessen.“



Diese Sätze wirken wie Brücken:

Der Rückziehende Partner signalisiert: „Ich gehe nicht weg für immer, ich brauche nur Schutz.“

Der Nähe-Suchende Partner signalisiert: „Ich will Kontakt, aber ich dränge dich nicht.“



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