Orientierungsschema, wenn ein Anteil in den Vordergrund rückt

Für Menschen mit einer Dissoziativen Identitätsstörung (DIS) kann es sehr verunsichernd sein, wenn plötzlich ein Anteil die Führung übernimmt. Gefühle, Gedanken oder Verhaltensweisen wirken dann fremd, übermächtig oder unkontrollierbar. Viele Betroffene fragen sich: „Was soll ich in so einer Situation tun?“

Ein festes Schema kann hier Sicherheit geben. Es dient wie eine innere Erste-Hilfe-Anleitung: Schritt für Schritt den Überblick behalten, den Anteil wahrnehmen, beruhigen und wieder ins Heute zurückfinden. So entsteht ein roter Faden, an dem man sich festhalten kann – auch dann, wenn es im Inneren chaotisch wirkt.

Das folgende Schema ist nicht starr, sondern ein Leitfaden. Jeder kann es an die eigenen Bedürfnisse anpassen. Wichtig ist die Haltung dahinter: Respekt, Klarheit und Mitgefühl für alle Anteile.


1. Wahrnehmen

Frage dich innerlich: Wer ist gerade da?

Beobachte Stimmung, Körpersprache, Gedanken.

Nicht bewerten, nur registrieren: „Ah, da ist ein Anteil.“


2. Benennen

Falls möglich: gib dem Anteil einen Namen, ein Alter oder ein Gefühl („Das ist der eifersüchtige Teil“ oder „das ängstliche Kind“).

Benennen schafft Klarheit im System und reduziert Verwirrung.


3. Ansprechen

Sag innerlich: „Ich sehe dich. Du darfst da sein.“

Das verhindert, dass Anteile das Gefühl haben, sie müssten noch lauter oder radikaler werden, um gehört zu werden.


4. Bedürfnis erfragen

Stell einfache Fragen:

„Was brauchst du gerade?“

„Wovor willst du uns schützen?“

So kommt man vom Verhalten zum eigentlichen Bedürfnis.


5. Damals–Heute unterscheiden

Mach klar: „Das war damals gefährlich. Heute ist es anders.“

Anteile leben oft in der Vergangenheit – diese Unterscheidung ist zentral.


6. Beruhigen / Absichern

Biete Sicherheit an: innerer sicherer Ort, Decke, Kuscheltier, Atemübungen.

Auch körperliche Regulation (Erdung, Wasser trinken, Bewegung) hilft.


7. Kooperation anbieten

Sag dem Anteil: „Wir gehören zusammen. Wir finden gemeinsam eine Lösung.“

So wird verhindert, dass Anteile gegeneinander arbeiten.


8. Grenzen setzen

Falls ein Anteil schadet (z. B. destruktive Impulse), klar sagen: „Ich verstehe deine Wut/Angst. Aber wir tun uns nichts. Wir finden einen anderen Weg.“


9. Dokumentieren

Kurz aufschreiben: Wer war da? Was wollte er/sie? Was hat geholfen?

Tagebuch/Notizen helfen, Muster zu erkennen.


10. Abschluss finden

Bedanke dich: „Danke, dass du dich gezeigt hast.“

Dann bewusst zurück ins Hier und Jetzt gehen (Realitätsanker, Blick im Raum schweifen lassen, Datum nennen).


Dieses Schema ist kein starres Rezept, sondern eine Orientierung. Es führt Schritt für Schritt vom Wahrnehmen über Verstehen bis hin zu Beruhigung und Integration.

Mit der Zeit wird es zur Routine – wie ein innerer Erste-Hilfe-Plan für das System.

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