Notfallkarten – Sicherheit zum Mitnehmen

Krisen kommen oft unvermittelt. Ein Trigger taucht auf, ein Anteil drängt nach vorne, ein Flashback reißt einen mitten aus dem Alltag. Gerade in diesen Momenten ist es schwer, sich an hilfreiche Strategien zu erinnern. Alles scheint weg: Gedanken, Worte, Sicherheit. Stattdessen breiten sich Ohnmacht, Panik oder Erstarrung aus.

Viele Betroffene erleben diese Situationen als besonders hilflos, weil genau dann das Denken nicht mehr funktioniert. Das Gehirn schaltet in den Überlebensmodus, komplexe Gedanken sind blockiert. Anteile fühlen sich ausgeliefert, alte Gefühle übernehmen das Steuer.

Genau dafür gibt es Notfallkarten. Sie sind wie kleine Rettungsinseln in der Tasche: kurze, klare Botschaften, die man im Akutfall nicht erst mühsam suchen oder sich ausdenken muss. Aufgeschrieben auf ein Stück Papier, eine Karteikarte oder im Handy gespeichert, geben sie sofort Halt.

Notfallkarten sind nicht „nur ein Zettel“ – sie sind eine Art externe Gedächtnisstütze. Sie entlasten, indem sie wichtige Sätze, Strategien oder Fakten bereithalten, wenn das Gehirn sie nicht abrufen kann. Sie erinnern daran: „Ich bin erwachsen. Es ist vorbei. Ich bin hier und jetzt.“

Hintergrund

Traumatisierte Menschen reagieren in Stresssituationen oft automatisch so, wie es in der Vergangenheit notwendig war: mit Erstarren, Unterwerfen, Fliehen. Das liegt daran, dass im Notfall die Areale im Gehirn für Reflexion und Orientierung blockiert sind. Notfallkarten umgehen dieses Problem, indem sie die benötigten Informationen außerhalb des Kopfes speichern – sichtbar, greifbar, wiederholbar.

Besonders für Kinderanteile sind solche Karten eine wertvolle Hilfe: Sie können konkrete Sätze lesen oder vorgelesen bekommen, die sie beruhigen.

Übung

  • Format wählen. Nutze kleine Karten (z. B. Karteikarten, laminiert) oder eine Notiz-App im Handy.
  • Inhalt festlegen. Schreibe nur kurze, klare Sätze – keine langen Texte. Beispiele:
  • „Ich bin erwachsen. Das war früher.“
  • „Ich darf Stopp sagen.“
  • „Ich bin in meiner Wohnung, heute ist [Datum].“
  • „Ich habe das Recht, sicher zu sein.“
  • Persönliche Hilfen ergänzen. Z. B. Telefonnummer eines vertrauten Menschen, Atemübung, Erinnerungen an den sicheren Ort.
  • Karten sichtbar machen. Trage sie im Portemonnaie oder in der Tasche, hänge eine an den Kühlschrank, eine neben das Bett.
  • Regelmäßig nutzen. Nicht nur im Notfall, sondern auch in ruhigen Momenten lesen – so verankern sich die Botschaften tiefer.

Wirkung

  • Orientierung: Die Karten holen zurück ins Hier und Jetzt.
  • Entlastung: Kein Grübeln nötig, die Sätze stehen bereit.
  • Beruhigung: Anteile fühlen sich ernst genommen und unterstützt.
  • Stärkung: Regelmäßige Nutzung verankert die Botschaften im Gedächtnis.

Alltagsbeispiel

Sabine steht im Supermarkt, als ein Geräusch sie triggert. Ihr Herz rast, Panik steigt auf, sie fühlt sich wie gelähmt. Sie greift in ihre Tasche, nimmt ihre Notfallkarte heraus. Darauf steht: „Ich bin erwachsen. Heute ist Dienstag, 17.09.2025. Ich bin im Supermarkt, nicht in der Vergangenheit.“ Sie liest den Satz mehrfach leise vor. Die Orientierung kehrt zurück, der Flashback verliert an Macht. Sabine kann ihren Einkauf beenden.

Tipps & Varianten

  • Für Kinderanteile: bunte Karten, einfache Worte, kleine Zeichnungen oder Sticker.
  • Für Alltagsnotfälle: verschiedene Karten für unterschiedliche Situationen (z. B. Panik, Erstarrung, Selbstzweifel).
  • Für unterwegs: eine Karte im Handy-Hintergrundbild speichern.
  • Für zu Hause: Karten an Stellen aufhängen, wo Trigger häufig auftreten.

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