Über Abspaltungen, Identitäten, Fragmente, stabile Anteile und Funktionsanteile

Wann reden wir von Abspaltung?

Von einer Abspaltung sprechen wir, wenn ein Erlebnis, ein Gefühl oder eine Erinnerung so überwältigend ist, dass es nicht in das „normale“ Ich integriert werden kann. Stattdessen wird es vom Bewusstsein abgeschnitten – wie in eine eigene Schublade gelegt. Abspaltung ist also ein Schutzmechanismus: Sie verhindert, dass das ganze Kind von der Erfahrung überrollt wird.


Was genau wird abgespalten?

Abgespalten werden können ganz unterschiedliche Dinge:

  • Gefühle (z. B. Angst, Wut, Scham),
  • Erinnerungen (Bilder, Körperempfindungen, Stimmen),
  • Handlungsimpulse (z. B. Schreien, Fliehen, Erstarren).

Oft sind es gerade die Gefühle und Reaktionen, die für das Kind in der Situation „gefährlich“ wären – etwa Wut auf eine Bezugsperson, von der es gleichzeitig abhängig ist.


Wie kommt es zur Abspaltung?

Ein Kind hat noch kein stabiles, zusammenhängendes Ich. Wird es immer wieder traumatisiert, fehlt die Möglichkeit, Erlebnisse in eine zusammenhängende Geschichte einzubauen. Das Nervensystem „teilt“ dann die Realität auf: Ein Teil erlebt den Schrecken, ein anderer Teil funktioniert im Alltag weiter.


Unterschiedliche Arten von Abspaltungen

Nicht jede Abspaltung entwickelt sich gleich stark. Man kann grob unterscheiden:

  • Fragmente: kleine Bruchstücke von Erinnerung oder Gefühl, die nur kurz aufblitzen.
  • Funktionsanteile: Zustände, die bestimmte Aufgaben übernehmen – etwa Schutz, Alltag oder das Tragen von Traumamaterial.
  • Stabile Anteile: mit klarer Identität, die immer wieder auftauchen und eine deutliche Rolle haben.


Fragmente

sind Bruchstücke von Erinnerung, Gefühl oder Körperempfindung. Kein „ganzer Anteil“ mit eigener Identität sondern ein Splitter.

  • tauchen plötzlich auf und verschwinden wieder
  • wirken oft roh, eindringlich, ohne Kontext
  • haben keine eigene Identität
  • Beispiel: Plötzlich ist da Herzrasen, der Geschmack von Blut im Mund oder ein kurzes Bild einer Kellertreppe – ohne, dass man versteht, woher es kommt.

Stabile Anteile

  • sind Persönlichkeitszustände mit einer eigenen Identität und Geschichte. Sie können immer wieder „vorn“ sein.
  • haben eine eigene Stimme, Haltung, Gefühle, manchmal Vorlieben
  • können länger präsent bleiben
  • wirken wie „ganze kleine Personen“ im Inneren
  • haben eine eigene Identität
  • Beispiel: Ein fünfjähriger Kindanteil, der mit heller Stimme spricht, Kuscheltiere liebt und schnell Angst bekommt.

Funktionsanteile

sind abgespaltene Zustände, die eine konkrete Aufgabe erfüllen. Sie sind stärker auf eine Funktion als auf eine Identität ausgerichtet.

  • Funktionsanteile sind stärker auf eine Aufgabe fokussiert als auf ein eigenes Selbstgefühl.
  • Sie treten hervor, um etwas Bestimmtes zu tun (z. B. schützen, verdrängen, arbeiten) – aber sie sind nicht unbedingt ein „ganzer Mensch im Kleinen“.
  • Beispiel: Ein Anteil, der immer dann übernimmt, wenn Verhandlungen nötig sind, wirkt funktional, aber nicht wie eine eigenständige Persönlichkeit.


Fragmente = Splitter von Erinnerung/Gefühl, haben keine eigene Identität, sind Bruchstücke ohne Ich-Gefühl
Stabile Anteile = klar erkennbare Identitäten mit eigener Persönlichkeit, Geschichte und Rolle
Funktionsanteile = spezialisierte Zustände, die bestimmte Aufgaben erfüllen, sie "sind" ihre Aufgabe


Faktoren, die eine Abspaltung begünstigen

  • Frühes Alter: Je jünger das Kind, desto leichter kann es sein Selbst aufspalten.
  • Dauer und Intensität der Traumatisierung: Wiederholte, unterschiedliche und unvorhersehbare Gewalterfahrungen erhöhen die Wahrscheinlichkeit für viele Abspaltungen.
  • Fehlende sichere Bezugspersonen: Ohne jemanden, der tröstet und schützt, bleibt dem Kind oft nur die innere Aufteilung als Überlebensweg.
  • Abhängigkeit vom Täter: Gefühle wie Wut oder Abwehr sind nicht erlaubt und müssen deshalb abgespalten werden.


Steht jeder Teil für eine andere Abspaltung?

Nicht unbedingt. Jede Abspaltung ist ein abgeschnittener Bereich von Erinnerung, Gefühl oder Handlung. Aber nicht jede Abspaltung wird zu einem klar erlebbaren Anteil. Viele Abspaltungen bleiben frag­mentarisch und treten nur in bestimmten Situationen auf.


Gibt es genauso viele Anteile wie Abspaltungen?

  • Nein. Es gibt meist mehr Abspaltungen als Anteile.
  • Manche Abspaltungen verbinden sich später miteinander.
  • Andere bleiben als Fragmente bestehen.
  • Nur ein Teil entwickelt sich zu einem Anteil mit wiedererkennbarer Identität.

Darum haben Systeme manchmal nur eine überschaubare Zahl von Anteilen (z. B. zehn oder fünfzehn), obwohl im Hintergrund viel mehr Abspaltungen stattgefunden haben.


Abspaltungen passieren so oft, wie es das Nervensystem als Schutz braucht – ohne „Oberlimit“. Maßgeblich sind Frühbeginn, Chronizität/Intensität der Belastung und die Funktionalität der inneren Organisation. Therapie zielt nicht auf „Zählrekorde“, sondern auf Sicherheit, Zusammenarbeit und Alltagstauglichkeit.


Beliebte Posts aus diesem Blog

Unterschiede und Gemeinsamkeiten: DIS, Borderline, PTBS und KPTBS

Beziehungsaus bei DIS – warum Trennungen so schwer und so schmerzhaft sind

Impressum