Medikamente während der DIS-Therapie: Stützend oder störend?

Bei einer Dissoziativen Identitätsstörung (DIS) ist Therapie oft ein langer Weg. Manche Betroffene nehmen begleitend Medikamente – gegen Depression, Angst, Schlafstörungen oder andere Symptome. Das wirft Fragen auf: Wie wirken sich Medikamente auf die therapeutische Arbeit aus?


Warum Medikamente eingesetzt werden

Medikamente heilen keine DIS, aber sie können Symptome abmildern:

Antidepressiva → gegen tiefe Antriebslosigkeit oder ständige Traurigkeit.

Neuroleptika → wenn Wahrnehmungen stark verzerrt oder Stimmen quälend sind.

Beruhigungsmittel / Schlafmittel → um extreme Angst oder Schlaflosigkeit kurzfristig zu lindern.

Sie sind meist Hilfsmittel, um den Alltag stabiler zu machen – nicht die eigentliche Lösung.


Chancen in der Therapie

  • Mehr Stabilität: Wenn Panik oder Depressionen weniger überwältigen, wird therapeutische Arbeit überhaupt erst möglich.
  • Besserer Zugang: Weniger Angst oder Unruhe können helfen, Anteile ins Gespräch zu bringen.
  • Schutzfunktion: Medikamente können retraumatisierende Überflutungen abmildern.


Risiken und Herausforderungen

Gefühlsabstumpfung

Manche Medikamente dämpfen Gefühle so stark, dass wichtige innere Signale nicht mehr erkennbar sind. In der Therapie wirkt das, als ob alles „zugedeckt“ ist.

Erschwerter Zugang zu Anteilen

Wenn Emotionen oder Impulse abgeschwächt sind, melden sich bestimmte Anteile nicht mehr oder wirken „wie eingefroren“. Das kann den Kontakt erschweren.

Falsche Sicherheit

Medikamente können ein Gefühl von Stabilität erzeugen, das aber nur medikamentenbedingt ist. Ohne diese Stütze kann es zu Rückschlägen kommen.

Verdeckte Traumareaktionen

Dissoziationen, Flashbacks oder Selbstverletzungsimpulse können so gedämpft sein, dass sie im therapeutischen Prozess nicht sichtbar werden. Dadurch fehlen wichtige Informationen für die Behandlung.

Nebenwirkungen

Müdigkeit, Gewichtszunahme, Unruhe oder Konzentrationsprobleme können den Alltag belasten und die Therapie zusätzlich erschweren.

Verstärkte Dissoziation

Bestimmte Medikamente (z. B. starke Beruhigungsmittel) können den Eindruck verstärken, „neben sich zu stehen“. Für Menschen mit DIS ist das besonders heikel.

Abhängigkeit und Entzug

Gerade Benzodiazepine bergen ein hohes Risiko der Abhängigkeit. Schon wenige Wochen regelmäßiger Einnahme können problematisch sein.

Verwaschene Erinnerungen

Medikamente können dazu führen, dass Erinnerungen weniger klar wahrgenommen werden – ein Problem, wenn in der Therapie Erinnerungsarbeit geplant ist.

Verlust von Selbstwahrnehmung

Viele Betroffene berichten: „Ich weiß gar nicht mehr, ob das jetzt ich bin oder das Medikament.“ Diese Entfremdung kann die innere Arbeit behindern.

Wechselwirkungen

Wer mehrere Medikamente nimmt, läuft Gefahr, dass Wirkungen und Nebenwirkungen sich überlagern. Das macht es schwer, den eigenen Zustand einzuschätzen.

Therapie-Abhängigkeit von Medikation

Manche Betroffene trauen sich ohne Medikamente gar nicht mehr in Sitzungen – ein Teufelskreis, der die Selbstwirksamkeit schwächt.

Fehlende Differenzierung

Symptome, die eigentlich aus einem Anteil heraus verständlich wären, werden vorschnell als „chemisch“ erklärt. Dadurch können wichtige innere Botschaften übersehen werden.


Therapeutische Balance finden

  • Wichtig ist, dass Medikamente bewusst und überprüfbar eingesetzt werden:
  • Regelmäßige Rücksprache mit Ärzt*innen.
  • Offene Kommunikation in der Therapie: „Wie wirken die Medikamente auf meine Anteile?“
  • Dokumentation: Führen eines Tagebuchs über Wirkung, Nebenwirkungen, Veränderungen.
  • Langsames Vorgehen bei Anpassungen oder Absetzen.

Medikamente können in der DIS-Therapie stützen, aber auch nachteilhaft und störend wirken. Sie sind kein Ersatz für die eigentliche Arbeit mit Anteilen, Erinnerungen und Stabilisierung.

Das Ziel bleibt: mehr Bewusstsein, mehr Selbstbestimmung, mehr innere Zusammenarbeit.



„Medikamente können Türen öffnen oder verschließen 
– entscheidend ist, dass Betroffene gemeinsam mit Therapeutin und Ärztin bestimmen,
 welcher Weg sich richtig anfühlt.“


Quellen:

  • Brand, B. L., Loewenstein, R. J., & Spiegel, D. (2014). Psychotherapy and Pharmacotherapy for Patients with Dissociative Disorders. Journal of Trauma & Dissociation, 15(2). → PMC-Artikel
  • Şar, V. (2022). The Challenges in Diagnosis and Treatment of Dissociative Disorders. Frontiers in Psychiatry. → PMC-Artikel
  • Calvert, S., & Malhi, G. S. (2019). Pharmacotherapy for dissociative disorders: A systematic review. Psychiatry Research, 276, 186–196. → ScienceDirect
  • Reinders, A. A. T. S., & Veltman, D. J. (2023). Treatment of Dissociative Identity Disorder: leveraging neurobiology. Frontiers in Psychiatry. → PMC-Artikel
  • Mayo Clinic (2023). Dissociative Disorders — Diagnosis and treatment. → Mayo Clinic
  • Corrigan, F. M., & Hull, A. M. (2015). Dissociative identity disorder: a pharmacological challenge? Journal of Psychopharmacology, 29(9), 943–946. → KCL-Publikation




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