Leben mit Amnesien – Strategien für mehr Orientierung

 Ein typisches Merkmal der dissoziativen Identitätsstörung (DIS) sind Amnesien: Zeiträume, in denen Betroffene nicht wissen, was geschehen ist, oder sich plötzlich an einem Ort wiederfinden, ohne den Weg dorthin zu erinnern. Das kann von Minuten bis zu Tagen reichen. Für Außenstehende wirkt es oft so, als ob jemand unzuverlässig oder vergesslich wäre – doch in Wirklichkeit hat schlicht ein anderer Anteil die Kontrolle übernommen.


Amnesien sind belastend, weil sie das Gefühl von Kontrolle und Sicherheit im Alltag massiv einschränken. Umso wichtiger ist es, Strategien zu entwickeln, die trotz Erinnerungslücken Orientierung und Kontinuität schaffen.

Warum Amnesien entstehen

  • Schutzfunktion: Das Gehirn blendet Erinnerungen aus, um Überforderung zu vermeiden.
  • Anteile übernehmen: Jeder Anteil speichert seine eigenen Erfahrungen – andere haben keinen Zugriff.
  • Trigger & Stress: Hohe Belastung kann zu abrupten Wechseln führen, die Erinnerungslücken hinterlassen.

Strategien für mehr Orientierung

1. Das „äußere Gedächtnis“ nutzen

Tagebuch führen: Kurze Notizen zu Datum, Uhrzeit, Ereignis.
Digitale Tools: Kalender-Apps mit Erinnerungsfunktion oder Sprachmemos.
Beispiel: Eintrag: „Montag, 15 Uhr – Einkaufen mit Karte bezahlt.“ → Hilft, Lücken zu füllen.

2. Gemeinsamer Kommunikationsort

„Schwarzes Brett“ in der Wohnung: Zettel, wo jeder Anteil Infos hinterlassen kann.
Notiz-App im Handy: Offene Liste mit dem Titel „Für alle“.
Beispiel: Ein Anteil schreibt: „Arzttermin erledigt, nächste Tablette um 20 Uhr.“

3. Routinen aufbauen

Gleiche Abläufe: Morgens, abends, beim Essen – feste Strukturen erleichtern Orientierung.
Beispiel: Jeden Tag dieselbe Tasche nutzen, Schlüssel am gleichen Ort.
Effekt: Weniger Chaos, weniger „Wo habe ich das hingelegt?“.

4. Sichtbare Spuren hinterlassen

Beispiel: Wasserflasche in der Küche sichtbar hinstellen, wenn schon getrunken wurde.
Beispiel: Medikamentenschachtel mit Datum – sofort erkennbar, ob eine Dosis fehlt.

5. Hilfsmittel für Sicherheit

GPS-Tracker/Handy: Im Zweifel nachsehen, wo man war.
Bank-Apps: Nachvollziehen, welche Ausgaben passiert sind.
Beispiel: „Ich sehe in der App: Einkauf bei Rewe – auch wenn ich mich nicht erinnere.“

6. Tipps für Angehörige und Umfeld

Geduldig bleiben: Erinnerungslücken sind keine Absicht.
Sanft informieren: „Gestern hast du mir das schon erzählt“ → ohne Vorwurf.
Gemeinsam Strukturen entwickeln: Helfen, Kalender oder Listen aktuell zu halten.



Beispiel aus dem Alltag:

Eine Betroffene findet plötzlich eine Einkaufstasche voller Lebensmittel in ihrer Küche. Sie weiß nicht, wie sie dorthin gekommen ist. Auf dem Handy-Kalender steht: „Einkaufen erledigt – Quittung im Portemonnaie.“ Sie schaut nach: Die Quittung bestätigt den Einkauf. Auch wenn sie selbst keine Erinnerung hat, fühlt sie sich weniger verunsichert – weil das „äußere Gedächtnis“ ihr die Lücke schließt.

Amnesien lassen sich nicht komplett verhindern – sie sind Teil der DIS. Aber mit Hilfsmitteln, Routinen und gemeinsamer innerer Kommunikation lässt sich Orientierung zurückgewinnen. Jeder kleine Schritt zu mehr Übersicht nimmt den Anteilen Angst und gibt dem gesamten System Sicherheit: „Auch wenn ich mich nicht erinnere, wir haben ein Netz, das uns trägt."

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