Innere Rollen: Erkennen - wertschätzen - entlasten und zusammenbringen

In einem System mit Dissoziativer Identitätsstörung (DIS) übernehmen Anteile oft sehr unterschiedliche Aufgaben. Manche beschützen, andere tragen Schmerz, wieder andere sorgen für Alltag und Funktionieren. Diese Aufgaben sind keine Zufälle – sie sind überlebenswichtige Rollen, die sich in der Kindheit entwickelt haben.

Was sind „Rollen“?

Wenn man von Rollen bei einer Dissoziativen Identitätsstörung (DIS) spricht, meint man die Aufgaben, die einzelne Anteile im System übernommen haben. Diese Rollen haben sich in der Kindheit gebildet, oft in Situationen, wo das Überleben oder das Aushalten von Gewalt und Chaos gesichert werden musste. Jeder Anteil hat gelernt, eine bestimmte Funktion zu übernehmen, damit das gesamte Kind irgendwie durchkommt. Deshalb wirken Anteile so unterschiedlich – einer ist streng, einer fröhlich, einer traurig, einer organisiert.


Warum sind Rollen wichtig?

  • Ohne diese Aufteilung hätte das Kind die Belastung oft nicht überlebt.
  • Rollen zeigen: Das System hat eine Logik – auch wenn es von außen chaotisch wirkt.
  • Heute helfen die Rollen, sich selbst besser zu verstehen und zu ordnen.

Typische Rollen von Anteilen

Schutzanteile

Streng, kontrollierend, misstrauisch.
Aufgabe: Gefahren abwehren, niemanden zu nah heranlassen.

Alltagsmanager

Organisiert, funktional, leistungsorientiert.
Aufgabe: Schule, Arbeit, Termine und „normal wirken“.

Kindanteile

Spielerisch, neugierig, manchmal verletzlich.
Aufgabe: Unerfüllte Bedürfnisse nach Nähe und Geborgenheit bewahren. 

Gefühlsanteile

Tragen Schmerz, Angst, Wut oder Trauer.
Aufgabe: Gefühle „aufbewahren“, die andere Anteile nicht tragen konnten.

Beobachter

Distanziert, analysierend, oft emotionslos.
Aufgabe: Überblick behalten, wenn Chaos droht.


„Innere Rollen verstehen und nutzen“

1. Erkennen: Welche Rollen gibt es im eigenen System?

Erstmal herausfinden: Welche Anteile sind da, und welche Aufgaben haben sie?
Beispiel: „Ah, da ist ein Kindanteil, der spielen will.“
Beispiel: „Da ist ein Schutzanteil, der immer sehr streng wird.“
Das ist wie Figuren auf einer Bühne benennen: Wer spielt welche Rolle?

2. Wertschätzen: Jede Rolle hatte eine wichtige Aufgabe fürs Überleben.

Statt zu denken: „Der Schutzanteil nervt“, sich klar machen:
„Früher hat er uns beschützt. Ohne ihn wären wir vielleicht in Gefahr gewesen.“
Auch wenn die Methoden heute manchmal unpassend sind – damals waren sie überlebenswichtig.

3. Entlasten: Manche Rollen dürfen heute weniger streng sein, weil Gefahr vorbei ist.

Viele Rollen sind noch „auf Alarm“. Aber die alte Gefahr existiert nicht mehr.
Beispiel: Ein Anteil schreit sofort „Achtung!“, wenn jemand zu nah kommt.
Heute kann man ihm sagen: „Danke, dass du wachsam bist – aber wir sind jetzt sicher. Du musst nicht immer alles kontrollieren.“
So wird die Rolle ein Stück leichter.

4. Kooperation: Rollen müssen kein Gegeneinander sein, sondern können sich ergänzen.

Anteile sind oft im Streit. Aber eigentlich haben sie Fähigkeiten, die zusammenpassen.
Beispiel: Kindanteil will spielen, Schutzanteil sagt Nein. → Kompromiss: Der Alltagsmanager sagt: „Wir spielen zu Hause, da ist es sicher.“
Dann kann das Kind Freude erleben, während der Schutzanteil beruhigt ist.
Also: Nicht gegeneinander arbeiten, sondern wie in einem Team.


 Rollen erkennen → wertschätzen → entlasten → zusammenbringen


Innere Rollen machen deutlich: Anteile handeln nicht zufällig, sondern nach einer inneren Logik. Wer die Rollen versteht, erkennt auch, wie sie zusammenwirken – und kann Schritt für Schritt Wege finden, sie zu entlasten und zu verbinden.


Beispiel 1 für praktische Schritte im Umgang mit Rollen


Situation:
Ein Freund möchte spontan vorbeikommen.


1. Erkennen

Ein Schutzanteil ruft innerlich: „Gefahr, das ist zu nah!“

Ein Kindanteil freut sich: „Besuch! Spielen!“

Der Alltagsanteil denkt: „Wir haben eigentlich noch viel Arbeit.“

2. Wertschätzen

Schutzanteil: „Du achtest auf Sicherheit, das war früher überlebenswichtig.“

Kindanteil: „Deine Freude zeigt uns, dass wir Nähe und Spaß brauchen.“

Alltagsanteil: „Du hältst das Leben am Laufen, das ist genauso wichtig.“

3. Entlasten

Zum Schutzanteil: „Heute ist der Besuch nicht gefährlich. Wir sind Erwachsene, wir entscheiden.“

Zum Alltagsanteil: „Nicht alles muss perfekt erledigt sein, Pausen sind erlaubt.“

4. Kooperation


Kompromiss: Der Freund darf für eine Stunde vorbeikommen.

Kindanteil darf spielen, Schutzanteil bleibt wachsam, Alltagsanteil setzt einen klaren Zeitrahmen.

So wird sichtbar: Statt Chaos (Streit zwischen Anteilen) gibt es ein geordnetes Miteinander, bei dem jeder Anteil eine Rolle hat und berücksichtigt wird.


Beispiel 2 für praktische Schritte im Umgang mit Rollen


Situation:
Es steht ein Arzttermin an.

1. Erkennen

Ein Gefühlsanteil hat Angst: „Ärzte tun weh, das ist gefährlich!“

Ein Schutzanteil wird streng: „Wir dürfen auf keinen Fall hingehen!“

Der Alltagsmanager sagt: „Wir brauchen das Rezept, sonst geht es nicht weiter.“

2. Wertschätzen

Gefühlsanteil: „Deine Angst ist echt. Früher gab es schlimme Erfahrungen mit Ärzten.“

Schutzanteil: „Deine Strenge hat uns früher geschützt.“

Alltagsmanager: „Deine Verantwortung sorgt dafür, dass wir heute medizinisch versorgt sind.“

3. Entlasten

Zum Gefühlsanteil: „Heute ist ein anderer Arzt, es ist nicht mehr wie damals.“

Zum Schutzanteil: „Du musst uns nicht mehr vor jeder Behandlung komplett fernhalten. Wir können selbst entscheiden.“

4. Kooperation

Lösung: Der Alltagsmanager geht mit klarer Struktur in den Termin.

Der Schutzanteil darf wachsam sein, aber nicht blockieren.

Der Gefühlsanteil darf sich im Wartezimmer beruhigen, vielleicht mit Musik oder etwas zum Festhalten.

Ergebnis: Der Termin kann stattfinden, ohne dass Angst oder Vermeidung das System komplett lähmen.
 

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