Innere Kommunikation – mit Anteilen im Kontakt sein

Wer mit einer Dissoziativen Identitätsstörung (DIS) lebt, kennt das: Plötzlich fühlt man sich anders, die Stimmung kippt, Gedanken oder Gefühle tauchen auf, die „nicht von mir“ zu sein scheinen. Manche Anteile melden sich laut und deutlich – andere still und im Verborgenen. Oft bleibt zurück: Verwirrung, Erinnerungslücken oder das Gefühl, innerlich zerrissen zu sein.

Viele Betroffene versuchen dann, diese Stimmen und Gefühle wegzuschieben. Doch auf Dauer verstärkt das den inneren Druck. Denn jeder Anteil trägt etwas Wichtiges: Erinnerungen, Schutzfunktionen, Bedürfnisse. Ignoriert man sie, fühlen sie sich allein gelassen oder kämpfen umso stärker um Aufmerksamkeit.

Hier hilft die Methode der inneren Kommunikation. Sie bedeutet, bewusst in Kontakt zu treten – freundlich, interessiert, respektvoll. So, als würde man ein Gespräch mit verschiedenen Menschen führen, die alle zum selben Team gehören. Innere Kommunikation schafft Ordnung im Chaos, reduziert Amnesien und stärkt das Vertrauen im eigenen System. Sie ist kein „Luxus“, sondern eine der wichtigsten Grundlagen, um Stabilität aufzubauen.

Hintergrund

Eine DIS entsteht oft durch schwere Belastungen in der Kindheit. Das kindliche Gehirn schützt sich, indem es verschiedene Anteile bildet, die das Unerträgliche aushalten. Diese Anteile sind nicht „Fehler“, sondern Überlebensstrategien. Doch im Erwachsenenleben können sie sich gegenseitig blockieren, gegeneinander arbeiten oder sich gegenseitig nicht wahrnehmen.

Innere Kommunikation wirkt hier wie ein Brückenbau: Informationen können fließen, Missverständnisse werden geklärt, und es entsteht Kooperation. Neurobiologisch gesehen wird damit der präfrontale Kortex aktiviert – jener Bereich des Gehirns, der Überblick und Regulation ermöglicht.

Übung:

  • Ruhigen Moment wählen. Setze dich an einen sicheren Ort, nimm Papier oder ein Notizbuch zur Hand.
  • Innere Wahrnehmung öffnen. Schließe kurz die Augen, atme tief durch, spüre in dich hinein: Wer ist gerade da? Welche Gefühle oder Gedanken melden sich?
  • Direkte Ansprache. Formuliere innerlich oder laut: „Hallo, ich höre dich. Möchtest du mir etwas sagen?“
  • Antworten zulassen. Schreibe spontan auf, was dir in den Sinn kommt – auch wenn es „komisch“ wirkt. Nimm es ernst.
  • Dank aussprechen. Bedanke dich für jede Mitteilung, egal wie klein. Das stärkt das Vertrauen.
  • Abschluss. Beende das Gespräch bewusst: „Danke, das reicht für heute. Wir machen später weiter.“

Wirkung

  • Weniger Amnesien: Informationen werden geteilt, Lücken schließen sich.
  • Mehr Sicherheit: Alle Anteile spüren: Ich werde gehört.
  • Kooperation statt Chaos: Aufgaben lassen sich absprechen, Konflikte werden entschärft.
  • Stärkeres Selbstgefühl: Das „System“ erlebt sich als Einheit, nicht nur als Bruchstücke.

Alltagsbeispiel

Lena erlebt immer wieder, dass sie abends wie „abgeschaltet“ ist und sich später nicht mehr erinnert, was sie getan hat. Statt es wegzuschieben, beginnt sie, mit ihrem inneren Tagebuch zu arbeiten. Jeden Abend schreibt sie hinein: „Wer war heute da? Wie ging es dir?“ Zuerst kommen nur Fragmente. Nach einigen Tagen erscheinen kurze Sätze: „Ich war müde. Ich wollte nicht mehr reden.“ Mit der Zeit entsteht ein Dialog – und Lena merkt: Die Erinnerungslücken werden kleiner, sie versteht ihr Innenleben besser.

Tipps & Varianten

  • Inneres Tagebuch: Besonders hilfreich für Systeme mit vielen Amnesien.
  • Farbcode: Jeder Anteil kann mit einer eigenen Farbe schreiben.
  • Audio-Notizen: Für Anteile, die nicht schreiben wollen.
  • Innere Bilder: Manche Systeme gestalten die Innenwelt wie einen „Konferenzraum“, in dem Anteile sich austauschen können.
  • Klarheit bewahren: Es geht nicht darum, alles sofort zu verstehen – sondern darum, eine Gewohnheit des Zuhörens zu entwickeln.

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