Ghosting bei DIS-Betroffenen: Wenn Schweigen alte Wunden öffnet und eine ganze Kaskade innerer Reaktionen auslösen kann
Was bedeutet Ghosting?
Ghosting heißt: Eine Person bricht den Kontakt plötzlich ab – ohne Erklärung, ohne Abschied, ohne Worte. Nachrichten bleiben unbeantwortet, Anrufe werden ignoriert, Treffen finden nicht mehr statt. Statt eines klaren „Nein“ bleibt nur Stille.
Für viele ist das schon schmerzhaft. Doch für Menschen mit einer Dissoziativen Identitätsstruktur (DIS) hat Ghosting oft noch tiefere Folgen. Denn Schweigen ist nicht nur Schweigen – es kann Erinnerungen an frühere Erfahrungen von Ignoranz, Abwertung oder Verlassenwerden wachrufen.
Typische Anzeichen für Ghosting
Plötzlicher Kontaktabbruch
Vorher regelmäßige Nachrichten oder Treffen – plötzlich absolute Funkstille.
Keine Erklärung, kein Streit, kein Abschied.
Keine Reaktion mehr
Nachrichten bleiben dauerhaft unbeantwortet, obwohl die Person online ist.
Anrufe werden nicht angenommen, Rückrufe bleiben aus.
Vermeidung im Alltag
Treffen werden kurzfristig abgesagt – irgendwann gar nicht mehr angesprochen.
Man läuft sich über den Weg, aber die Person tut so, als würde sie dich nicht sehen.
Kein Interesse an Klärung
Wenn du vorsichtig nachfragst („Alles okay?“), kommt keine Antwort oder nur ein ausweichendes „Bin grad beschäftigt“ – danach wieder Stille.
Digitale Spuren verschwinden
Du wirst blockiert oder aus Kontakten/sozialen Medien entfernt, ohne Erklärung.
Likes, Kommentare, kleine Reaktionen brechen von heute auf morgen ab.
Mögliche Reaktionen von Anteilen auf Ghosting
Kindanteil – sehnsüchtig
Kindanteil – schuldgefühlt
Wütender Schutzanteil
Strenger Kontrollanteil
Depressiver Anteil
Alltags- oder Funktionalanteil
Rationalisierender Anteil
Angstvoller Anteil
Hoffender Anteil
Vermeidend-dissoziativer Anteil
Folgen von Ghosting bei DIS-Betroffenen
Innere Konflikte verstärken sich
Hoffen, Wütend-sein, Aufgeben prallen aufeinander.
Dissoziation nimmt zu
Nebel, Amnesien oder Switches, um den Schmerz nicht spüren zu müssen.
Alte Traumata werden reaktiviert
Kindheits-Erfahrungen von Verlassenwerden fluten ins Heute.
Selbstwert leidet massiv
„Wenn er/sie schweigt, dann bin ich wertlos.“
Verlust von Sicherheit
Vertrauen in Beziehungen bricht weg, auch in andere Kontakte.
Körperliche Symptome
Schlafstörungen, innere Unruhe, Herzrasen, Magenschmerzen.
Gefühl der Ohnmacht
weil es nichts gibt, worauf man Einfluss nehmen kann.
Soforthilfe bei Ghosting
Wandkontakt
stell dich mit dem Rücken zur Wand, spüre den Druck, atme langsam. Halt ist fühlbar.
5-4-3-2-1-Anker
nenne laut 5 Dinge, die du siehst, 4 Dinge, die du fühlst, 3 Geräusche, 2 Gerüche, 1 Geschmack. Kurz und mächtig gegen Grübeln.
Atemfokus (4–8-Methode)
4 s einatmen, 8 s ausatmen, 6–8 Wiederholungen. Beruhigt den Sympathikus.
Schreibe eine klare Fakt-Liste
Datum/Letzte Nachricht/Was wirklich gesagt wurde. Stoppt Spekulationen.
Brief, der nicht abgeschickt wird
schreib alles auf, was du sagen willst; verbrenne/lege ihn weg. Abschied schenken.
Schutzsatz laut sagen
z.B. „Das Schweigen sagt nichts über meinen Wert.“ Wiederhole ihn 3×.
Signal an eine Freundin
kurz: „Bin gerade verletzt, kannst du 10 Min zuhören?“ So bekommst du echte Rückmeldung.
Körperliche Schwere
schwere Decke oder Kissen auflegen, um das Nervensystem zu erden.
Tiny-Ritual
mach dir bewusst einen Tee, zünde eine Kerze an, setz dir eine kleine Absicht: „Ich sorge jetzt für mich.“
Sofort-No-Contact-Regel
wenn Kontakte die Wunde weiter aufreißen, blockieren/pausieren für 24–72 h (Selbstschutz ist erlaubt).
Mittelfristige Schritte für die nächsten Tage bis Wochen (Stabilität aufbauen)
Tagebuch-Check-Ins
1× täglich: Was fühle ich? Welche Anteile melden sich? Kurz, 5–10 Minuten.
Ritual zum Abschluss
z. B. ein Spaziergang an einen festen Ort, dort den Brief vergraben oder in eine Box legen. Symbolische Trennung.
Anteilskonferenz
nimm dir 20–30 Min.: Benenne 3 Teile (traurig, wütend, funktional) und schreibe, was jeder jetzt braucht.
Verlässlicher Sozialkontakt
plane 1–2 Treffen/Calls mit Menschen, die zuverlässig sind. Reelle Erfahrung von Beständigkeit sammeln.
Therapie-Check
sprich in der nächsten Sitzung gezielt über das Ghosting-Ereignis und wie es innere Dynamiken auslöste.
Körperroutine einführen
tägliche kurze Sequenz (10 Min): Stretching + Atemübung + Wassertrinken. Regulation über den Körper.
Energie-Limit setzen
Termine reduzieren, 2–3 „No-Go“-Zeiten pro Woche, in denen du nichts Entscheidendes tust. Schutz für angeschlagene Anteile.
Digitaler Raum aufräumen
Chats, Fotos oder Trigger-Threads ordnen/archivieren, damit das Handy nicht ständig an alte Erwartung koppelt.
Sicherheitsplan
Liste: Wem rufe ich an, wenn es schlimm wird? Welche drei Sofort-Tools helfen? (Nummern, Rituale, Orte)
Kleine Vertrauensübungen
probiere kurzweilige Verpflichtungen (z. B. Zusammenkaffee mit einer vertrauenswürdigen Person) und beobachte: Bleiben sie? Sammle Beweise für Verlässlichkeit.
Langfristige Maßnahmen für Monate bis Jahre (Resilienz & Heilung)
Stabile therapeutische Arbeit
langfristige Traumaarbeit/IFS/EMDR o. ä., um die Wurzeln von Verlassenheitsängsten zu bearbeiten.
Vertrauens-„Sparbuch“ aufbauen
bewusst Beziehungen pflegen, die wiederholt zuverlässig sind; dokumentiere positive Erfahrungen.
Grenz- und Kommunikationstraining
übe klare Ansagen, Abgrenzung und Nein-Sagen; kleine Rollenspiele mit vertrauten Personen oder Therapeut*innen.
Innere Moderationspraxis
regelmäßiges Üben, das erwachsene Ich zu stärken (Meditation, geführte Selbstgespräche, Imaginationsübungen).
Routinen für Körper & Schlaf
stabiler Schlafrhythmus, regelmäßige Bewegung, gute Ernährung — reduziert Nervosystem-Vulnerabilität.
Krisenplan institutionalisiert
festgelegte Vorgehensweisen für starke Re-Triggers: wer kontaktiert wird, welche Tools angewendet werden.
Soziales Netz diversifizieren
nicht alles auf eine Person setzen; vertraute Freundschaften, Peer-Gruppen, ggf. Selbsthilfe.
Lernprojekt: Bindungsmuster verstehen
Bücher, Workshops, psychoedukative Arbeit über Bindung und DIS, um kognitive Klarheit zu gewinnen.
Rituale der Selbstbestätigung
jährliche/monatliche Rituale, die dein Durchhalten feiern (z. B. Brief an dein zukünftiges Ich, ritualisierte Selbstanerkennung).
Sinn- & Wertearbeit
investiere in Projekte, Ehrenamt, Kreatives — Dinge, die Identität außerhalb von Beziehungen stärken und dir dauerhaften Sinn geben.