Ghosting bei DIS-Betroffenen: Wenn Schweigen alte Wunden öffnet und eine ganze Kaskade innerer Reaktionen auslösen kann

Was bedeutet Ghosting?

Ghosting heißt: Eine Person bricht den Kontakt plötzlich ab – ohne Erklärung, ohne Abschied, ohne Worte. Nachrichten bleiben unbeantwortet, Anrufe werden ignoriert, Treffen finden nicht mehr statt. Statt eines klaren „Nein“ bleibt nur Stille.

Für viele ist das schon schmerzhaft. Doch für Menschen mit einer Dissoziativen Identitätsstruktur (DIS) hat Ghosting oft noch tiefere Folgen. Denn Schweigen ist nicht nur Schweigen – es kann Erinnerungen an frühere Erfahrungen von Ignoranz, Abwertung oder Verlassenwerden wachrufen.


Typische Anzeichen für Ghosting

Plötzlicher Kontaktabbruch

Vorher regelmäßige Nachrichten oder Treffen – plötzlich absolute Funkstille.

Keine Erklärung, kein Streit, kein Abschied.

Keine Reaktion mehr

Nachrichten bleiben dauerhaft unbeantwortet, obwohl die Person online ist.

Anrufe werden nicht angenommen, Rückrufe bleiben aus.

Vermeidung im Alltag

Treffen werden kurzfristig abgesagt – irgendwann gar nicht mehr angesprochen.

Man läuft sich über den Weg, aber die Person tut so, als würde sie dich nicht sehen.

Kein Interesse an Klärung

Wenn du vorsichtig nachfragst („Alles okay?“), kommt keine Antwort oder nur ein ausweichendes „Bin grad beschäftigt“ – danach wieder Stille.

Digitale Spuren verschwinden

Du wirst blockiert oder aus Kontakten/sozialen Medien entfernt, ohne Erklärung.

Likes, Kommentare, kleine Reaktionen brechen von heute auf morgen ab.


Mögliche Reaktionen von Anteilen auf Ghosting

Kindanteil – sehnsüchtig

„Vielleicht meldet er sich noch… vielleicht morgen?“
wartet voller Hoffnung, wie früher auf jemanden, der nicht kam.

Kindanteil – schuldgefühlt

„Bestimmt habe ich etwas falsch gemacht.“
trägt die Verantwortung auf sich, wie damals, als Erwachsene schwiegen.

Wütender Schutzanteil

„So eine Frechheit! Den blockiere ich sofort!“ 
reagiert mit Härte, um den Schmerz abzuwehren.

Strenger Kontrollanteil

„Du darfst nie wieder so viel Nähe zulassen. Sonst passiert das wieder.“
versucht, zukünftige Verletzungen durch strikte Regeln zu verhindern.

Depressiver Anteil

„Es hat keinen Sinn, ich bin wertlos.“ 
zieht sich zurück, bringt Schwere und Hoffnungslosigkeit ins System.

Alltags- oder Funktionalanteil

„Ich muss weiterarbeiten. Nicht nachdenken, einfach funktionieren.“ 
blendet den Schmerz aus, aber auf Kosten von innerer Energie.

Rationalisierender Anteil

„Vielleicht ist er im Stress. Vielleicht gibt es einen guten Grund.“ 
sucht logische Erklärungen, um die Leere erträglicher zu machen. - Findet aber keine, die sicher ist.

Angstvoller Anteil

„Jetzt passiert es wieder. Ich werde verlassen, immer und immer wieder.“ 
 generalisiert die Erfahrung, die Angst greift auf andere Beziehungen über.

Hoffender Anteil

„Wenn ich nochmal schreibe, dann kommt vielleicht doch eine Antwort.“ 
 hängt fest im Versuch, eine Reaktion herbeizuführen.

Vermeidend-dissoziativer Anteil

„Es ist mir egal. Ich fühle nichts.“
schaltet Gefühle ab, zieht sich in Nebel oder Leere zurück.



Oft laufen mehrere dieser Reaktionen gleichzeitig – oder sie wechseln sich rasch ab.
 Dadurch entsteht im System Verwirrung: Hoffnung, Wut, Trauer, Leere.
 Für das erwachsene Ich wird es zur Aufgabe, diese Stimmen wahrzunehmen und zu moderieren.



Folgen von Ghosting bei DIS-Betroffenen

Innere Konflikte verstärken sich

Hoffen, Wütend-sein, Aufgeben prallen aufeinander.

Dissoziation nimmt zu

Nebel, Amnesien oder Switches, um den Schmerz nicht spüren zu müssen.

Alte Traumata werden reaktiviert

Kindheits-Erfahrungen von Verlassenwerden fluten ins Heute.

Selbstwert leidet massiv

„Wenn er/sie schweigt, dann bin ich wertlos.“

Verlust von Sicherheit 

Vertrauen in Beziehungen bricht weg, auch in andere Kontakte.

Körperliche Symptome 

Schlafstörungen, innere Unruhe, Herzrasen, Magenschmerzen.

Gefühl der Ohnmacht

weil es nichts gibt, worauf man Einfluss nehmen kann.



Soforthilfe bei Ghosting

Wandkontakt 

stell dich mit dem Rücken zur Wand, spüre den Druck, atme langsam. Halt ist fühlbar.

5-4-3-2-1-Anker

nenne laut 5 Dinge, die du siehst, 4 Dinge, die du fühlst, 3 Geräusche, 2 Gerüche, 1 Geschmack. Kurz und mächtig gegen Grübeln.

Atemfokus (4–8-Methode)

4 s einatmen, 8 s ausatmen, 6–8 Wiederholungen. Beruhigt den Sympathikus.

Schreibe eine klare Fakt-Liste

Datum/Letzte Nachricht/Was wirklich gesagt wurde. Stoppt Spekulationen.

Brief, der nicht abgeschickt wird

schreib alles auf, was du sagen willst; verbrenne/lege ihn weg. Abschied schenken.

Schutzsatz laut sagen

z.B. „Das Schweigen sagt nichts über meinen Wert.“ Wiederhole ihn 3×.

Signal an eine Freundin

kurz: „Bin gerade verletzt, kannst du 10 Min zuhören?“ So bekommst du echte Rückmeldung.

Körperliche Schwere

schwere Decke oder Kissen auflegen, um das Nervensystem zu erden.

Tiny-Ritual

mach dir bewusst einen Tee, zünde eine Kerze an, setz dir eine kleine Absicht: „Ich sorge jetzt für mich.“

Sofort-No-Contact-Regel 

wenn Kontakte die Wunde weiter aufreißen, blockieren/pausieren für 24–72 h (Selbstschutz ist erlaubt).


Mittelfristige Schritte für die nächsten Tage bis Wochen (Stabilität aufbauen)

Tagebuch-Check-Ins 

1× täglich: Was fühle ich? Welche Anteile melden sich? Kurz, 5–10 Minuten.

Ritual zum Abschluss 

 z. B. ein Spaziergang an einen festen Ort, dort den Brief vergraben oder in eine Box legen. Symbolische Trennung.

Anteilskonferenz

nimm dir 20–30 Min.: Benenne 3 Teile (traurig, wütend, funktional) und schreibe, was jeder jetzt braucht.

Verlässlicher Sozialkontakt

plane 1–2 Treffen/Calls mit Menschen, die zuverlässig sind. Reelle Erfahrung von Beständigkeit sammeln.

Therapie-Check

sprich in der nächsten Sitzung gezielt über das Ghosting-Ereignis und wie es innere Dynamiken auslöste.

Körperroutine einführen

tägliche kurze Sequenz (10 Min): Stretching + Atemübung + Wassertrinken. Regulation über den Körper.

Energie-Limit setzen

Termine reduzieren, 2–3 „No-Go“-Zeiten pro Woche, in denen du nichts Entscheidendes tust. Schutz für angeschlagene Anteile.

Digitaler Raum aufräumen

Chats, Fotos oder Trigger-Threads ordnen/archivieren, damit das Handy nicht ständig an alte Erwartung koppelt.

Sicherheitsplan

Liste: Wem rufe ich an, wenn es schlimm wird? Welche drei Sofort-Tools helfen? (Nummern, Rituale, Orte)

Kleine Vertrauensübungen

probiere kurzweilige Verpflichtungen (z. B. Zusammenkaffee mit einer vertrauenswürdigen Person) und beobachte: Bleiben sie? Sammle Beweise für Verlässlichkeit.


Langfristige Maßnahmen für Monate bis Jahre (Resilienz & Heilung)

Stabile therapeutische Arbeit

langfristige Traumaarbeit/IFS/EMDR o. ä., um die Wurzeln von Verlassenheitsängsten zu bearbeiten.

Vertrauens-„Sparbuch“ aufbauen

bewusst Beziehungen pflegen, die wiederholt zuverlässig sind; dokumentiere positive Erfahrungen.

Grenz- und Kommunikationstraining

übe klare Ansagen, Abgrenzung und Nein-Sagen; kleine Rollenspiele mit vertrauten Personen oder Therapeut*innen.

Innere Moderationspraxis

regelmäßiges Üben, das erwachsene Ich zu stärken (Meditation, geführte Selbstgespräche, Imaginationsübungen).

Routinen für Körper & Schlaf

 stabiler Schlafrhythmus, regelmäßige Bewegung, gute Ernährung — reduziert Nervosystem-Vulnerabilität.

Krisenplan institutionalisiert

festgelegte Vorgehensweisen für starke Re-Triggers: wer kontaktiert wird, welche Tools angewendet werden.

Soziales Netz diversifizieren

nicht alles auf eine Person setzen; vertraute Freundschaften, Peer-Gruppen, ggf. Selbsthilfe.

Lernprojekt: Bindungsmuster verstehen

Bücher, Workshops, psychoedukative Arbeit über Bindung und DIS, um kognitive Klarheit zu gewinnen.

Rituale der Selbstbestätigung

jährliche/monatliche Rituale, die dein Durchhalten feiern (z. B. Brief an dein zukünftiges Ich, ritualisierte Selbstanerkennung).

Sinn- & Wertearbeit 

investiere in Projekte, Ehrenamt, Kreatives — Dinge, die Identität außerhalb von Beziehungen stärken und dir dauerhaften Sinn geben.






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